Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Jesus

Maria beging Ehebruch. Ich war das Resultat. Im antiken Israel galt Ehebruch als große Sünde. Er war zwar auch in anderen Kulturen verpönt, bei uns traf die Schuld den Sünder aber doppelt; weil unser Glaube das Verhältnis zwischen Gott und Volk als Ehe beschrieb und Ehebruch dadurch mit einer kosmologischen Dimension überfrachtet war. Das Lebensrecht ganz Israels galt als verwirkt, sobald es sich der "Liebe" seines eifersüchtigen Gottes nicht völlig unterwarf.

Jeremias 3, 6-9:
...Hast du gesehen, was Israel, die Abtrünnige, tat? Sie ging auf den hohen Berg...und trieb... Unzucht...Das sah auch ihre Schwester Juda, die Treulose. Diese bemerkte auch, daß ich die Abtrünnige, Israel, eben wegen ihres Ehebruchs entließ und ihr den Scheidebrief ausstellte. Aber ihre Schwester Juda...trieb ebenfalls Unzucht...und brach die Ehe...

Hosea 3, 1- 4, 10:
Der Herr sprach zu mir: "...geh hin und liebe ein Weib, das noch einen anderen liebt und Ehebruch treibt, ganz so, wie der Herr die Söhne Israels liebt, obwohl sie an andere Götter sich wenden und Opferkuchen aus Trauben lieben...Keine Treue, keine Liebe, keine Gotteserkenntnis gibt es im Land...Deshalb...welken alle seine Bewohner dahin...selbst die Fische...werden dahingerafft...Denn sie verließen den Herrn, um Unzucht zu treiben.

2 Moses 20, 5:
..ich...bin ein eifersüchtiger Gott...

Die Bibel verwechselt Liebe mit Besitz. Der Herr liebt die Söhne Israels. Solange sie spuren! Wenn nicht, werden sie dahingerafft. Moses hatte eine Spaltung zwischen Mensch und Gott verkündet. Mit schlimmen Folgen. Gott ist danach alles, der Mensch bloß sein Besitz. Wenn er als Besitz etwas wert sein will, muss er sich den Zwecken des Besitzers beugen. Keine Treue...gibt es im Land. Warum klagt Hosea so? Weil er Gott im Menschen leugnet. Weil er keinen Eigenwert des Menschen kennt und daher keinen Blick hat für den Wert der Treue zu sich selbst. Hosea sieht nicht, dass Treue, Liebe und Gotteserkenntnis auch im Opferkuchen aus Trauben liegt, sobald man sich für diesen Ausdruck der Liebe entscheidet.

Im Bibelglauben gilt Treue immer nur dem Gegenüber: dem entrückten Gott, dem Gesetz, dem Marschbefehl, der Nation, der Kirche, der Obrigkeit, den Eltern, dem Ehemann und vielleicht sogar der Ehefrau. Im besten Fall ist es die Treue zu einem Menschen, zumeist bloß die Treue zur nächst größten Macht, die behauptet, von Gott beauftragt zu sein. Treue ist in der gespaltenen Welt der Bibel immer Selbstverzicht. Treue zu sich selbst hat keinen Platz. Das mosaische Modell einer ungleichen Ehe zwischen Besitzergott und besessenem Volk war als Grundlage des Glaubens unumstößlich. Es hat die Beziehungen der Menschen bestimmt; ganz besonders die zwischen Mann, Frau und Kind. Den Ehebruch, der auch in anderen Kulturen zu Recht verpönt war, hat das im Reich der Bibel zur unverzeihlichen Sünde gemacht: zu einem Frevel am nationalen Interesse Israels, zu einem Sakrileg am Heilsplan Gottes. Weil Israel Kanaan wie ein widerspenstiges Weib bezwingen sollte, traf der Fluch eine jüdische Sünderin mit doppelter Wucht.

Eifersucht ist ein biologisches Erbe. Vor jedem Glauben macht sie Sinn. Für den Mann stellt sie sicher, dass er sich an der eigenen Brut abrackert, für die Frau, dass ihr der Mann als Beschützer erhalten bleibt. Sie trägt zum Überleben elterlicher Gene bei. Sinn macht aber nicht nur Eifersucht. Sinnvoll ist auch Selbstbestimmung. Die Natur hält beides im Gleichgewicht. Sinnvoll ist im Interesse der Kinder, dass Eltern bei der Stange bleiben. Sinnvoll ist aber auch ihr Vorbild, selbstbewusst den eigenen Weg zu gehen. Der Bibelglaube bildet den Widerstreit kreativer Impulse, deren Kultivierung Gott den Menschen überlässt, keineswegs ab. Warum? Weil er sich nicht mit Gott und dem Sein befasst, sondern mit Macht, Hierarchie und Erwerb. Deshalb kennt er vom Wechselspiel der Wirklichkeit nur eine Seite. Deshalb übersieht er, dass so manche Ehe mit dem Segen Gottes zu brechen ist, weil nämlich nicht Liebe den Bund zusammenhält, sondern Angst, Gier, Eitelkeit, Stolz oder Berechnung.

Der Bibelkult meint, der Garant der Liebe zu sein. Zu Unrecht! Liebe ist bedingungslos. Was Bedingungen stellt, ist keine Liebe. Wie aber beschreibt Moses die "Liebe" Gottes zu Israel? Als Hürdenlauf unerbittlicher Bedingungen. Jeder Jude muss darum bangen, ob er die Bedingungen erfüllt. Bangt er nicht, ist er schon kein Jude mehr. Ich wuchs in einem Klima auf, in dem der Wert des Menschen an Voraussetzungen angeblich metaphysischer Bedeutung gebunden war. Für diesen Geist war die Untreue meiner Mutter mehr als nur ein Ärgernis. Das bekam ich hart zu spüren. In den Augen meines Umfelds war meine Existenz die Folge abgrundtiefer Sünde; nicht nur eines Unrechts, das Maria mit Joseph zu klären hatte, sondern eines Frevels, der das Schicksal des ganzen "Gottesvolks" betraf. Als unerwünschte Frucht der Sünde war ich inkarnierte Schuld; und weder Maria noch Joseph hat mich wirklich angenommen. Lukas beschreibt, wie ein Engel die Geburt des Gottessohns verkündet.

Lukas 1, 30-33:
Der Engel sprach zu ihr:"...du wirst einen Sohn gebären...Dieser wird...Sohn des Allerhöchsten genannt werden..."

Wenn der Heilige Geist sie geschwängert hat, müssen wir annehmen, dass sie der Gnade nicht würdig war. Wie heißt es nämlich bei Matthäus?

Matthäus 12, 48-50:
"Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?" Und er streckte seine Hand über die Jünger und sprach: "Seht meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen meines Vaters tut, der ist...meine Mutter."

Das Verhältnis zu meiner Mutter war kühl. Ich wies sie mit dem Hinweis ab, dass mir meine Jünger näher sind. Warum? Weil derjenige meine Mutter ist, der den Willen meines Vaters tut. Was schließen wir daraus? Dass Maria meines Erachtens den Willen Gottes nicht getan hat. Wie ist zu verstehen, dass eine dazu auserwählte Frau, die das Eingreifen Gottes durch jungfräuliche Empfängnis erlebte, den Willen des himmlischen Vaters nicht zur Zufriedenheit des Sohnes tut? Wenn selbst die Mutter Gottes, obwohl sie ihre Rolle kennt, es dem Himmel nicht recht macht, wer dann? Deshalb bleibe ich dabei: Sie hat mich nicht in Liebe angenommen und es kommt nicht von ungefähr, wenn es in der Lutherbibel (Johannes 2, 4) heißt: Weib, was habe ich mit dir zu schaffen? Wer Liebe empfangen hat, weis, was er mit dem zu schaffen hat, der ihm Liebe gab.

Ich war ein aufgewecktes Kind. Den Mangel an Liebe in meinem Umfeld spürte ich von Anfang an. Ich zweifelte zutiefst an meinem Wert. Als ich begann, abstrakte Dinge zu begreifen, hörte ich von der unermesslichen Liebe, die ein allmächtiger Vater an seine Söhne zu verteilen wünscht. Bald war ich von der Idee begeistert, alles bis zur Selbstvernichtung zu erfüllen, was dieser Vater als Bedingung für seine "Liebe" vorgegeben hat.

Lukas 22, 42:
"Vater...nicht mein Wille geschehe, sondern der deine!"

Der Glaube, der mich gefangen nahm, funktioniert wie eine Falle. Indem er vorgibt, dass aller Wert von außen kommt, richtet er den Blick dorthin: auf die Macht, der man zu dienen hat. Ein "Erkenne dich selbst", das mit Liebe und Neugier das eigene Wesen entdeckt, gilt diesem Glauben nichts. Der Blick nach innen hat für ihn nur einen Sinn: zu überprüfen, ob der Abgleich mit dem Soll vollzogen ist. So verschärft die Sammlung aufs Gesetz den Zweifel am Wert des eigenen Wesens automatisch. Je mehr der Gläubige zweifelt, desto mehr glaubt er, dass ihm nur Gehorsam einen Wert verschafft.

Da sich kein leiblicher Vater zu mir bekannte, wollte ich mir die Liebe des himmlischen verdienen. Damit er mich liebt, war ich bereit, auf mich selbst zu verzichten. Nie hätte ich mir einen Wert beigemessen, der nicht durch die Funktion für etwas "Höheres" verliehen war. Nie hätte ich gewagt, über die Vorgabe "Gottes" hinauszugehen. So wurde ich der mustergültige Meister des Selbstverzichts. Ich setzte die Inhalte des Glaubens mit meinem Wesen gleich. Dabei machte ich keine halben Sachen. Bald war ich überzeugt, dass ich nicht irgendein Sohn war, dem bei üblicher Gesetzestreue ein übliches Quantum göttlicher Liebe zustand, sondern jener besondere Gottessohn, der Israel durch Leid und Macht aus der Bedeutungslosigkeit erlöst. Ich war überzeugt, dass mir durch völligen Gehorsam alle Liebe Gottes und die Liebe meines ganzen Volkes zufällt. So wurde ich zum Vorbild derer, die das wenige, das sie von sich kennen, verwerfen, um durch ihr Opfer alles zu gewinnen.

Wenn meine Meisterschaft nur eine Disziplin beträfe, die zu nichts taugt, hätte ich die Menschheit nicht bewegt. Selbstverzicht ist wichtig. Aber nie so weit, als dass man übersieht, dass auch das eigene Selbst ein Funke Gottes ist, auf den nicht blind verzichtet werden darf. Man respektiert die Einheit Gottes nur, wenn man die des Menschen respektiert; wenn man also sieht, dass jedem Sein bereits ein Wert inne liegt, der weder vergeben noch entzogen werden kann. Mein Verzicht hat einem falschen Zweck gedient, denn die Verherrlichung des Selbstverzichts im Bibelkult war eine Folge der Kriegspläne Moses'. Weil der alle Kraft auf den Endsieg bündelte, hat er das Interesse des Einzelnen vollständig dem nationalen Ziel unterworfen und Bereitschaft zum Selbstverzicht missbräuchlich überdüngt. Mein Selbstbild ging aus einem Geist hervor, der Totschlag für so gottgefällig hielt, dass darüber kein Gedanke zu verschwenden war. Und weil der Wert des Menschen nichts ist, wenn Mord Gott gefallen kann, deshalb wusste ich auch vom unbedingten Wert des Menschen Jesus nichts. Ich machte mich auf den Weg, eine vermeintliche Mission zu erfüllen, damit Gott diesem Nichts einen ungeheuren Wert verleiht.

Tatsächlich bin ich mit meiner Vision gescheitert. Die Kirche behauptet das Gegenteil. Mein Tod am Kreuz sei kein Scheitern. Er sei das Etappenziel eines göttlichen Plans. Ich sei von den Toten auferstanden. Ich habe mich nicht als Vollender der mosaischen Verheißung Israels gesehen, sondern beauftragt, durch meinen Tod am Kreuz Menschen aller Völker von den Sünden zu erlösen; und zwar genau die, die daran glauben. Der einzige Weg zur Erlösung sei der Glaube, dass ich und nur ich der Erlöser bin. Das stimmt aber nicht. Ich war überzeugter Jude. Ich dachte, Gott habe mich zum Messias der Juden erwählt.

Matthäus 27, 11:
"Bist du der König der Juden?" Jesus sprach: "Du sagst es!"

Ich war meiner Mission sicher. Ich glaubte, dass uns Gott durch neue Wunder zu Hilfe kommt, um die fremdstämmigen Feinde Israels ebenso wie die Überläufer im Land zu vernichten. Warum hatte ich wohl als Zeitpunkt meiner Kreuzigung das Pessahfest gewählt? Weil Gott in der Paschanacht die Feinde schlug und Israel verschonte! Ich glaubte, das Ende der Prüfung sei da und die Gerechten Israels würden, entsprechend dem Auszug der Hebräer aus Ägypten, aus den Trümmern der Apokalypse ins Himmelreich ziehen, während die Heiden und Frevlern das Schwert der Todesengel träfe. Nichts davon trat ein.

Glaube kann keine Berge versetzen. Er kann aber das Bild der Wirklichkeit soweit verdrehen, bis es zu seinen Zielen passt. Daher kümmert sich die Kirche nicht darum, wer ich tatsächlich war und erklärt mich zu jenem Gott, der sie angeblich begründet. So dient mein Name, besser gesagt: das, was sie daraus gemacht hat, als magisches Symbol, das die christliche Kirche unauflösbar mit dem Offenbarungsmythos des Judaismus verbindet.

Eigentlich heiße ich Josua. "Jesus" klang Römern und Griechen, die es zu missionieren galt, allerdings vertrauter. Die Gründung der Kirche war nie meine Absicht. Auch die Idee meiner Auferstehung und der Himmelfahrt stammt nicht von mir. Ich glaubte bis zuletzt, dass Gott meinen Eifer für das Gesetz durch Wunder anerkennt. Ich glaubte, dass ich weder am Kreuz sterben noch auferstehen und was die Erfüllung der Verheißung betrifft, unverrichteter Dinge in den Himmel fahren müsste. Die Evangelisten berichten über meine letzten Worte am Kreuz.

Matthäus 27, 46 und Markus 15, 34:
"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

Lukas 23, 46:
"Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist."

Johannes 19, 30:
"Es ist vollbracht."

Der Unterschied zeigt, dass ihre Berichte mit Vorsicht zu werten sind. Zwei der Evangelisten berichten mit Sicherheit falsch. Das kann man einer einfachen Tatsache zurechnen: Die Glaubhaftigkeit der Bibel leidet darunter, dass sie zur Verbreitung des Glaubens geschrieben ist und als glaubhaft gelten will. Ihre Autoren sind keine Zeugen, deren Treue einer Wahrheit gilt. Vielmehr bemühten sie sich, Überzeugungen in ein Bild zu gießen; damit es denen eingeht, die man überzeugen will. Im Zweifel ist daher richtig, was dem Credo widerspricht. Hier sind es folglich Matthäus und Markus, die der Wahrheit am nächsten sind. Und eben dieser Satz "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?", zeigt die Verwunderung, mit der ich den Ausgang meiner vermeintlichen Mission erkannte. Er zeigt, dass ich bis zu diesem Augenblick etwas anderes erwartet hatte, als bloß zu sterben, während die Welt um mich herum wie gewohnt weiterging.

Nach meinem Tod wollten etliche nicht wahrhaben, dass die Hoffnung auf das Himmelreich getrogen hatte. Sie sahen mein Scheitern nicht ein. Ohne mich drohte die messianische Sekte zu zerfallen. Da kam ein Gerücht auf: Ich sei gar nicht tot. Ich sei auferstanden und in den Himmel gefahren; jedoch nur, um alsbald zurückzukehren. Dann würde ich die Getreuen aus der Bedrängnis erlösen und der Rest der Menschheit käme in die Hölle. Während sich das Warten auf meine Rückkehr in die Länge zog, bildete sich im Sog der neuen Hoffnung eine verschworene Gemeinschaft. Ihre Mitte war Jerusalem. Zunächst verlangte sie vom Volk die Besinnung auf das mosaische Gesetz. Petrus sollte den Geist des messianischen Aufbruchs in die jüdischen Gemeinden der Diaspora tragen, während mein Bruder Jakobus in Jerusalem die Führung übernahm. Nun weiß man ja: Israel stritt seit Moses um den Sinn des Gesetzes. Wir Strenggläubigen waren überzeugt, dass nur strikte Einhaltung den Sieg bringt. Gerade weil ich die orthodoxe Meinung bis zum Märtyrertod verfocht, war mein Ende am Kreuz für die Anhänger daher ein Schlag, der ihren Glauben an die Gesetzestreue an seiner Wurzel traf. Je mehr meine Rückkehr auf sich warten ließ, desto tiefer drang die Axt ins Holz. Außerdem waren meine Jünger Menschen, die ungeachtet der Prinzipien des Gesetzes nach einer großen Sache suchten, mindestens nach einem charismatischen Menschen, dem man sich anvertrauen konnte, besser einem Gott, jedenfalls nach etwas, das sie aus der Banalität des Alltags hob und vor ihren Zweifeln schützte. Die Sehnsucht nach Größe, Aufstieg und Bedeutung machte sie in der Treue zum Gesetz zuletzt flexibel. Etliche hatten sich mit Leib und Seele der Erwartung verschrieben, beim Gipfelsturm aufs Siegerpodest der Unendlichkeit in vorderster Front beteiligt zu sein. Sie hatten sich ausgemalt, welche Rolle sie dereinst im Gottesstaat Israel spielen.

Lukas 22, 30:
Ihr sollt...auf Thronen sitzen und die zwölf Stämme von Israel richten.

Und dann das! Gescheitert, missachtet, von der Masse des Volkes nicht ernst genommen! Nicht auf dem Thron über Israel fand man sich wieder, sondern zwischen den Kisten des Marktgeschreis. Zu diesen Anhängern gehörte Petrus. Vorerst sprach er sich nicht von den Prinzipien los. In ihm lag der Keim des Abfalls vom Gesetz jedoch bereit. Bevor der Hahn zum ersten Mal krähte, hatte er den Sinn des Martyriums, das ich für das Gesetz erlitt, mehr als dreimal bezweifelt. Um so mehr tat er es nach meinem Tod; obwohl er den Zweifel, besonders Jakobus gegenüber, kaum zu äußern wagte.

Damals war die Welt anders als 1200 Jahre zuvor. Griechenland und Rom waren Kulturen, deren Verdienste nur das orthodoxe Lager vollends leugnete. Für viele war der Widerspruch zwischen der alten Verheißung, die trotz aller Prophezeiungen nicht eintraf und einer Menschheit, deren Fortschritt sich kaum um den jüdischen Ehrgeiz kümmerte, ein Dorn im Fleische; ein Dorn, der sie zum Ausbruch reizte. Außerdem waren viele es überdrüssig, sich einem Gesetz zu unterwerfen, das mehr rituelle Akrobatik war, als dass es Antwort auf ethischen Fragen gab. Was nützte der Ethik ein Gottesvolk, das am Sabbat gehorsam das Feuer im Ofen verlöschen ließ, dessen Glaube ihm sonst aber das Abbrennen ganzer Städte gebot?

Psalm 149, 5-7:
Die Frommen mögen frohlocken...In ihrer Kehle sei Lobpreis Gottes, in ihrer Hand ein zweischneidig Schwert, um Rache zu üben an den Völkern, Strafgerichte an den Nationen...

Zephanja 2, 9:
"Moab wird wie Sodom werden und Ammon wie Gomorra: ...eine Wüste für immer. Der Rest meines Volkes wird sie plündern, der Überrest meines Volkes wird sie beerben."

Maleachi 3, 19-21:
"...der Tag kommt brennend wie ein Ofen; da werden alle Übermütigen und Frevler zu Stoppeln. Und der kommende Tag wird sie verbrennen", spricht der Herr der Heerscharen, "daß ihnen weder Wurzel noch Zweig verbleibt...Die Frevler werdet ihr niedertreten; ja, sie werden zu Asche unter den Sohlen eurer Füße an jenem Tage, den ich herbeiführe"...

Durch meinen Tod wurde der Streit der Juden um den Sinn der Gesetze auch im Lager der Getreuen entfacht. Die enttäuschte Erwartung schlug in die Bereitschaft um, bisher angebetete Ideale mit dem Bade auszuschütten. Indem Paulus sich zum Apostel der Heiden ernannte und die Lockerung gesetzlicher Regeln vertrat, bekam das Lager der Zweifler neue Kraft. Das machte den Weg zur Gründung einer Kirche frei, die sich bewusst vom Judaismus unterschied. Ich habe mit der Entstehung des Christentums zu tun. Aber nicht weil ich aus dem mosaischen Horizont ausbrach, sondern weil ich es nicht tat und mein Scheitern den Glauben an die Gesetzestreue damit ebenso als irrig erkennen ließ wie es die Berufung Israels überhaupt in Frage stellte. Wenn Gehorsam bis in den Tod den Gott Israels nicht herbeiruft, dann fragt man sich, ob das tradierte Gesetz in seinen Augen wirklich zählt. So entstand der Impuls zu einer Reform des Judaismus; der zunächst allerdings nicht den Horizont des Judentums überschritt. Anfangs drängte selbst Paulus nicht zu den Heiden. Ursprünglich wollte auch er bloß die Juden zum Verzicht auf Gesetze bewegen, nicht aber die Heiden zur Übernahme eines reformierten Judaismus.

Das Christentum bezeichnet sich als eigenständige Religion. Tatsächlich ist es ein reformierter Judaismus, der den wankenden Glauben an die Berufung Israels zu retten versuchte. Die Grundsätze der beiden Kulte sind folglich gleich. Was unterscheidet den orthodoxen Judaismus von seinem christlichen Spross? Die höhere Ritualisierung des Alltags durch Speise- und Reinheitsregeln und die Auswahl der Feste. Alles nebensächlich! Was zählt, ist die gemeinsame Grundstruktur der mosaischen Kosmologie. Es ist das Bild von Gott als einem Gegenüber, das Gehorsam heischt; von einer Allmacht, die über den Wert des Lebens von oben herab entscheidet. Und es ist die Definition des Gottesvolks als einer Gemeinschaft, die von diesem Gott den Auftrag hat, sich auf Kosten fremder Kultur zu verbreiten. Das Grundmuster des Judaismus spaltet kategorisch zwischen Mensch, Gott und Welt. Es leugnet unsere Ebenbürtigkeit vor Gott. Es verschlüsselt den Missbrauch der Religion durch Kriegspolitik, denn nur, wenn man Gott aus dem Menschen entfernt, kann man schuldlos töten und das eigene Volk wird untertan. Die biblische Theologie spaltet die Welt in Wertgefälle: Gott, Obrigkeit und Untertan, Gott, Gottesvolk und Menschendreck; "Gott" als unüberprüfbarer Maßstab, eine Obrigkeit, die er zur Führung beauftragt und ein Untertan, der sich zu beugen hat. Dem Kernsatz entspringt die Forderung, dass der Mensch sich einem entrückten Gott zu unterwerfen hat, der nicht unmittelbar erfahrbar ist, sondern sich indirekt durch Priester und Propheten kundtut. Mit diesem Kernsatz macht sich das Credo unüberprüfbar und die Obrigkeit schützt ihre Macht durch ein okkultes Tabu. Weder Christ noch Jude glaubt als solcher an Gott. Beide glauben an Propheten. Glaube an Gott eint. Glaube an Propheten spaltet in verfeindete Lager.

In der Diaspora lebten Juden eng mit Andersgläubigen zusammen. Die Einhaltung des Gesetzes störte den Kontakt zum Umfeld. Das traf besonders auf die Beschneidung und die Speiseregeln zu. Daher war das Angebot Paulus' verlockend: Durch das bloße Bekenntnis zum angeblichen Messias gehöre man zum Gottesvolk, auch wenn man das Gesetz bis auf die Zehn Gebote abstreift.

Römer 10, 9:
Wenn du mit deinem Munde bekennst: "Herr Jesus" und in deinem Herzen glaubst, daß Gott ihn von den Toten erweckte, wirst du das Heil empfangen.

Endlich konnte man Jude sein und trotzdem mit den anderen essen. Endlich war der Beitritt von Heiden soweit erleichtert, dass die von vielen erwünschte Verschwägerung mit Fremdstämmigen in Gang kam. Dabei war den jüdischen Christen zunächst klar, dass man als Christ grundsätzlich Jude bleibt. Wenn man Menschen glaubt, dass die Allmacht ewige Gesetze erließ, warum sollte man Menschen dann nicht auch glauben, dass die selbe Willkür sie wieder abschafft? Ein Christ, der schwört, die letzte Wahrheit zu wissen, ist doch nicht weniger glaubhaft als ein Jude, der das gleiche tut; besonders, wenn der Christ bei mangelndem Gehorsam mit noch schlimmeren Strafen droht. Erst später, als sich die orthodoxen Juden gegen Rom erhoben, betonte das Christentum den Unterschied, der es zwar rituell, aber kaum im Grundsatz, von seiner geistigen Quelle trennte. Trotz Betonung des Unterschieds berief es sich ungebrochen auf die Tradition und verschenkte ein ermäßigtes Judentum an jeden, der mit Hilfe seiner Lippen den Glauben an das verbilligte Geschenk bekennen konnte. Deshalb ist jeder Christ mehr als nur ein halber Jude. Aber doch kein ganzer! Zu allem Überfluss wurden die ersten Heidenchristen von Juden zum Beitritt verlockt. Beides trug so mancher Christensohn den Juden ewig nach.

Eine Abspaltung vom Judentum war anfangs nicht geplant. Das zeigt die Entstehungszeit der Evangelien. Das Matthäus-Evangelium ist etwa 40 Jahre nach meinem Tod entstanden, ebenso das Lukas-Evangelium. Frühestens 5 Jahre vorher schrieb Markus, Johannes sogar erst 90 nach Christus. Zumindest lagen da die Endfassungen vor. Ursache der Verzögerung war die Naherwartung des frühen Christentums. Man nahm an, ich werde bald ein zweites Mal erscheinen; um das ins christliche erweiterte Gottesvolk endgültig von den Plagen der irdischen Existenz zu erlösen. Erst als sich der Glaube an die baldige Rückkehr als Irrtum erwies, machte man sich daran, ein Neues Testament zu verfassen. Inhalt der Evangelien sind Erinnerungen an mein Wirken Jahrzehnte zuvor; in stark verzerrter Form. Bedingt wird die Verzerrung durch verschiedene Faktoren: durch die Subjektivität der Berichterstatter und deren kirchenpolitische Absichten, durch den Zeitraum, der verstrichen war und die Tatsache, dass die Verfasser des Lukas-, des Markus- und des Johannes-Evangeliums mich nur vom Hörensagen kannten. Markus kannte mich nicht. Er war ein späterer Anhänger Petrus'. Lukas kannte mich auch nicht. Er war Begleiter Paulus', der mich ebenso wenig kannte. Als Verfasser des Johannes-Evangeliums gilt nicht mein gleichnamiger Jünger, sondern dessen spätere Anhänger. Auch sie waren bei dem, was sie bezeugten, nicht dabei. Ist das nicht erstaunlich? Wenn ich Petrus den Auftrag erteilt hätte, eine Kirche zu gründen, die sich in kosmischer Bedeutsamkeit auf mich beruft, wieso hat sie es dann vier Jahrzehnte für überflüssig gehalten, die alles entscheidende Botschaft der Nachwelt aus einem frischen Gedächtnis unmittelbar und widerspruchsfrei zu vermitteln?

Organisierte Bekenntnisse festigen sich, indem sie Irrtümer leugnen. Die gemeinsame Schuld an der Wahrheit fördert die Komplizenschaft der Gruppe. Ethisch mag das eine Schwäche sein, politisch macht man damit Punkte. Je weniger etwas als wahr erkennbar ist, desto "selbstloser" stimmt der Gläubige zu. Das gibt ihm ein Gefühl der Hoffnung, denn je beharrlicher er seinen Verstand verleugnet desto größer wähnt er den Lohn, der ihm für seine "Selbstlosigkeit" zusteht. Es kann gar nicht anders sein, als dass er auf der richtigen Seite steht. Wenn er doch soviel für die gemeinsame Sache opfert! Auf diesem Gebiet hatte sich der Judaismus bereits hervorgetan. Das Christentum setzte die Tradition als neuer Meister fort; einerseits, weil es die jüdische Heilsgeschichte samt ihren Verleugnungen in Beschlag nahm, andererseits weil es von neuen Verdrehungen ausging und sie mit Aufwand rechtfertigte. Das Resultat ist im Neuen Testament zu bestaunen.

Fangen wir mit Matthäus an. Er beschreibt die "jungfräuliche" Empfängnis meiner Mutter. Dabei zitiert er Isaias; und verändert dessen Worte entscheidend. So erweckt er den Eindruck, als habe Isaias meine Ankunft prophezeit. Außerdem reißt er das Zitat aus dem Zusammenhang, der beweist, dass Isaias mich nicht gemeint haben kann.

Matthäus 1, 22-23:
Dies alles ist geschehen, damit erfüllt würde, was gesagt ist vom Herrn durch den Propheten: "SIEHE; DIE JUNGFRAU WIRD EMPFANGEN UND EINEN SOHN GEBÄREN, UND MAN WIRD IHN EMMANUEL NENNEN", was übersetzt heißt: "Gott mit uns".

Isaias 7, 14-17:
...SIEHE, DIE JUNGFRAU WIRD EMPFANGEN UND EINEN SOHN GEBÄREN UND SEINEN NAMEN "IMMANUEL" NENNEN...bevor der Knabe das Böse verwerfen und das Gute erwählen kann, wird zur Öde das Land, vor dessen beiden Königen dir graut. Der Herr wird über dich...Tage herbeiführen, wie sie nicht gekommen sind seit der Zeit, da Ephraim abfiel von Juda [Nämlich den König von Assur].

Der Prophet sagt, die Jungfrau nennt ihr Kind "Immanuel". Matthäus zitiert: man wird ihn Emmanuel nennen. Warum zitiert er falsch? Weil ich "Josua" hieß. Warum zitiert er die Stelle überhaupt? Weil Namen wörtliche Bedeutungen haben. "Emmanuel" heißt "Gott mit uns". Matthäus ersetzt die konkrete Mutter, die ihr Kind "Immanuel" nennt, durch ein unbestimmtes "man". So unterstellt er, Isaias habe nicht die Vergabe eines Eigennamens durch die Mutter gemeint, sondern den Wortsinn; den man eben irgendwie auf mich anwenden kann. Die Wertung der wörtlichen Bedeutung der Eigennamen ist jedoch beliebig. Das zeigt mein Name. "Josua" heißt übersetzt "Jahwe ist Rettung". Wenn der Christ Matthäus, der die jüdische Heilsbotschaft Heiden anpreist, meinen Namen so liest, soll er erklären, für wen Jahwe Rettung im Falle von Moses' Nachfolger Josua war. Für Fremdvölker jedenfalls nicht.

Matthäus verändert nicht nur prophetisch verbriefte "Gottesworte". Er unterschlägt, was unmittelbar folgt; als müsse man Gott übers Maul fahren, wenn er sich verplappert. Wann wurde zu meiner Lebenszeit das Land zur Öde? Vor welchen beiden Königen graute dem Leser? Gemeint sind hier die Könige des Nord- und des Südreichs. Deren Rivalität war spätestens 722 vor Christus vorbei. Und wie, Matthäus, könnte der König von Assur für die rätselhafte Verödung des Landes verantwortlich sein? Assur war seit Jahrhunderten Geschichte. Lukas war klüger. Er ließ Immanuel und Isaias außen vor. Bei ihm sagt der Engel zu Maria:

Lukas 1, 31:
Siehe, du wirst empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen.

Kurz danach zitiert Matthäus Micha. Wieder lässt er nach dem ersten Satz die nächsten weg.

Matthäus 2, 5-6:
Denn so steht geschrieben durch den Propheten: "UND DU, BETHLEHEM, LAND JUDA, KEINESWEGS BIST DU DER GERINGSTE UNTER DEN FÜRSTENSITZEN JUDAS; DENN AUS DIR WIRD HERVORGEHEN EIN FÜHRER, DER LEITEN WIRD MEIN VOLK ISRAEL."

Micha 5, 1-7 :
DU ABER, BETHLEHEM IN EPHRATA, KLEIN UNTER DEN GAUEN JUDAS - AUS DIR SOLL MIR EINER HERVORGEHEN, UM HERRSCHER IN ISRAEL ZU SEIN...Er rettet uns vor Assur, wenn es in unser Land eindringt und unser Gebiet betritt...Dann wird der Rest Jakobs unter den Nationen sein...wie ein Junglöwe in den Herden der Schafe, der, wenn er eindringt, niederschlägt und zerreißt - und niemand kann retten.

Habe ich Juda je vor Assur gerettet? Und was heißt, dass unter meiner Herrschaft die Nationen für den Rest Jakobs Schafherden sind, die Israel wie ein Junglöwe zerreißt? Wie ist das mit dem Ziel vereinbar, den jüdischen Messias Fremdvölkern als Heilsbringer zu verkünden? Matthäus verschweigt, was die Wahrheit erhellt; denn obwohl das Christentum eine Abspaltung des Judaismus ist, lässt es sich nicht aus der jüdischen Überlieferung begründen.

Schriftgelehrte Juden konnten Matthäus widerlegen. Aber auf die sollte ein Christ auf keinen Fall hören, waren sie doch schuld an meinem Kreuzestod! Die christliche Tradition hat sie als Frevler bezeichnet, um den Einfluss ihrer Argumentation zu verhindern. Außerdem wollten auch die Schriftgelehrten nicht ernsthaft diskutieren. Man hätte sich gegenseitig widerlegt. Natürlich ließ sich nachweisen, dass weder Isaias noch Micha einen Jesus von Nazareth prophezeite, der jenseits des mosaischen Horizontes eine Mission betreibt. Prophezeit hatten sie einen Heilsbringer aber durchaus. Bloß war der jüdisch-national und sollte kommen als Assyrien Großmacht war. Ist er aber nicht! Also war auch der jüdische Glaube an Isaias' und Michas Prophetentum Selbstbetrug. Weder die Vertreter des Judaismus noch die des Christentums hatten ein Interesse, ihre abweichenden Glaubensinhalte der Gefahr einer ehrlichen Auseinandersetzung preiszugeben. Trotz aller Unversöhnlichkeit waren sich beide Konfessionen darin einig, die Nutzbarkeit der jeweiligen Lehre nicht durch geradlinige Fragen zu verderben, denn sie wussten: Der Verstand bedroht auch das eigene Credo. Nicht nur das der Konkurrenz!

Sprüche 3, 5:
Vertrau auf Gott aus ganzen Herzen, und baue nicht auf die eigne Klugheit!

Als wäre Gottvertrauen und Klugheit ein Widerspruch. Als hätte Gott dem Menschen nicht Klugheit gegeben, damit er damit die Wahrheit erkennt. Nachdem die Hebräer Gott jedoch schon zu Moses' Zeiten darum "baten", sich nur noch durch den Mund der Propheten kundzutun, war "Vertrauen auf Gott" faktisch eine Unterwerfung unter Priester. Kurz nach Micha zitiert Matthäus Hosea; der im zitierten Text allerdings nichts prophezeit. Hosea erzählt israelitische Geschichte.

Matthäus 2, 15:
Er (Joseph) blieb dort (in Ägypten) bis zum Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was gesagt ist vom Herrn durch den Propheten: "AUS ÄGYPTEN RIEF ICH MEINEN SOHN."

Hosea 11, 1-2:
"Als Israel noch ein Knäblein war, gewann ich es lieb, und AUS ÄGYPTEN BERIEF ICH MEINEN SOHN. Doch je mehr ich sie rief, desto weiter rückten sie von mir ab. Sie opferten den Baalen und räucherten den Götzenbildern.

Der Sohn, der aus Ägypten berufen wird, ist Israel. Israel ist das Knäblein, als dessen Vater Jahwe gilt. Nicht Jesus von Nazareth! Daher heißt es im Original nicht: je mehr ich ihn rief, sondern "je mehr ich sie rief". Die Hebräer nämlich. Wer die Bibel kennt, weiß, dass die Konkurrenz der Baale Thema der Richter- und Königszeit war. Beileibe nicht der Zeitenwende! Es gibt dem entsprechend keinen Hinweis, dass zu Herodes' Zeiten ein aus Ägypten Berufener den Baalen opferte. Wer hätte das sein sollen? Maria? Joseph? Der Esel? Oder gar ich? Matthäus setzt mich mit Baalsdienern gleich.

Matthäus hat das "göttliche Wort" entwertet, indem er sich darauf bezog. Mit Glaubenseifer betrieb er Blasphemie. Sein Glaube war ein Ergebnis politischen Kalküls. Er sprach nach, was andere sagten, ohne zu wissen, ob er es tatsächlich glaubt. Woran einer glaubt, entspricht dem, was er tut. Glaube ist Tat. Matthäus glaubte nicht, dass die Schrift von Gott gestiftet ist. Er glaubte, dass man "heilige Texte" zum Zwecke des Glaubens verzerren darf. Nehmen wir an, er hat gewusst, dass er hier und dort ein bisschen log? Wäre das als "fromme Lüge" nicht entschuldbar? Im Gegenteil! Auch wer im Interesse einer Wahrheit spricht, die den Verstand überschreitet, darf seine Regeln nicht missachten. Es ist wie bei der Haute Cuisine. Wenn sie Suppenwürfel verachtet, darf sie keine in die Brühe tun. Tut sie es doch, bildet sie sich ihre Kunst bloß ein.

Das Argument ist ein Werkzeug des Verstandes. Wenn man es nutzt, muss es schlüssig sein. Deshalb bringt man es doch vor! Wenn Matthäus meint, der Glaube brauche sich um die Regeln des Verstandes nicht zu scheren, darf er sich zum Beweis des Glaubens seiner nicht bedienen. Das tut er aber. Zumindest zum Schein! Bei seinen Versuchen, meine Sendung aus dem Alten Testament herzuleiten, appelliert er an den Verstand und versucht ihn im gleichen Zuge zu betrügen. Sobald der Glaube aber etwas als Beweis heranzieht, muss er vor dem Verstand für die Richtigkeit seiner Schlüsse gerade stehen. Nicht nur Isaias, Micha und Hosea wurden Opfer christlicher Verdrehung, sondern auch Jeremias. Der habe den Kindermord des Herodes angekündigt:

Matthäus 2, 17-18:
Da erfüllte sich, was gesagt ist durch den Propheten Jeremias: "EINE STIMME WARD GEHÖRT ZU RAMA,, VIEL WEINEN UND KLAGEN; RACHEL BEWEINT IHRE KINDER UND WILL SICH NICHT TRÖSTEN LASSEN, DA SIE NICHT MEHR SIND."

Jeremias 31, 15-16 :
So spricht der Herr: "HORCH, KLAGE HÖRT MAN IN RAMA, BITTERES WEINEN: IHRE SÖHNE BEWEINT RACHEL UND LÄßT SICH NICHT TRÖSTEN, IHRE SÖHNE, WEIL SIE DAHIN SIND". So spricht der Herr: "Wehre deiner Stimme das Weinen und deinen Augen die Tränen! Denn für deine Mühsal gibt es einen Lohn...sie kehren aus Feindesland ...in ihre Heimat...zurück".

Jeremias meinte etwas anderes, als den Tod von Kindern auf Befehl Herodes'. Tote Kinder kehren nicht aus Feindesland zurück. Für die Mühsal ihrer Mütter gibt es keinen Lohn. Bei korrektem Zitat hätte es sich daher erübrigt, "weil sie dahin sind" in "weil sie nicht mehr sind" abzufälschen. Tatsächlich sprach Jeremias von - nach Babylon - entführten Kindern, nicht von ermordeten. Zitiert man Prophezeiungen, die es niemals gab, ist die Sache einfacher. Man braucht nichts nachzubessern.

Matthäus 2, 23:
Dort angekommen, nahm er Aufenthalt in einer Stadt, die Nazareth heißt, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er wird ein Nazoräer genannt werden.

Nazareth wird von den Propheten nicht erwähnt. Kein Prophet hat je verkündet: Er wird ein Nazoräer genannt werden. Angeblich berief sich Matthäus auf Isaias 11, 1. Wirklich? Dort heißt es: Doch wächst hervor ein Reis aus Isais Stumpf. "Reis" heißt auf Hebräisch "nezer". Berechtigt das aber zur Annahme, Gott habe Nazareth als Heimatdorf des Messias benannt? Bloß weil "nezer" und "Naza" ähnlich klingt? Spielt Gott mit Botschaften Versteck, damit Exegeten daran herumdeuten wie ägyptische Wahrsagepriester an den Sprüchen der Sphinx? Woher Matthäus' Zitat tatsächlich stammt, bliebt nur ein Rätsel, wenn man die wahre Quelle nicht wissen will. Wer den Sinn von Zitaten verfälscht, damit beweisbar wird, was bewiesen werden soll, hätte kein Format als Weichensteller der Geschichte, wenn er Beweise nicht völlig frei erfände. Im Übermut der Schöpfung hat Matthäus denn auch gleich behauptet, nicht nur ein Prophet habe den Nazoräer angekündigt, sondern die Propheten allesamt. Wenn schon, denn schon!

Wer hätte in der Frühzeit des Glaubens Matthäus' Argumente überprüfen können? Kaum einer! Es gab keinen Buchdruck und die Mehrheit konnte sowieso nicht lesen, denn mit der Machtübernahme des Christentums nahm der Analphabetismus in Europa zu. Die Leute glaubten, was der Klerus aus der Bibel vorlas und als der fest im Sattel saß, unterließ er es bewusst, den Völkern das Buch in ihrer Muttersprache vorzulegen. Phasenweise war Laien der Besitz der Bibel ganz verboten. Priester hätten die Widersprüche hinterfragen können. Die meisten waren aber keine Helden. Gehorsam war ein Erbe Moses', das auch das Christentum wie eine Ikone pflegte. Für die Zumutungen des priesterlichen Schweigens gab es irdischen Trost:

Jeremias 31, 14:
"...Ich labe die Priester mit Fett, mein Volk wird gesättigt an meinem Segen."

Auch für christliche Priester war es eine lässliche Sünde, den "göttlichen Willen" so zu verstehen, dass in mageren Zeiten der Priester das Fett und das Volk ihren Segen bekam. Beim Opferkult im alten Israel war es auch nicht anders. Je unsinniger das theologische Denken war, mit dem sich das Credo auf den Beinen hielt, desto mehr schützte das den Glauben vor Kritik. Wie sollte Kritik Machthaber erreichen, die den Dreisatz der Wahrheit verhöhnen, um bedeutungsvoll in den Himmel einer Algebra zu zeigen, die sich ihrem selbst gewählten Unverstand verschließt?

2 Korinther 10, 5:
Wir reißen...alle Vernunftgebilde ein...und fangen jeden Gedanken ein zum gehorsamen Dienst an Christus.

Jede fruchtbare Kritik bedient sich der Vernunft. Wie sonst sollte sie argumentieren? Nur Vernunft kann das Wahre so vernehmen, wie es an sich ist. Wer Vernunft verachtet, weil er sich im Besitz der letzten Wahrheit wähnt, kann auf Kritik nicht vernünftig reagieren. Also hört er weg. Oder er schlägt die Kritiker tot; je nachdem, was er ungestraft tun kann.

Was ist "Okkultismus"? Es ist der Glaube an übersinnliche Kräfte, mit denen der Laie nur durch ein Medium kommunizieren kann. Dem Medium wird eine Fähigkeit zugeschrieben, die der Laie nicht hat. Die Kraft, mit der es im Bunde steht, bleibt der Menge verborgen. Trotzdem hat sie über den Laien besondere Macht. Genau das ist Bibelglaube. Während das Medium beim inoffiziellen Okkultismus hinter der Glaskugel sitzt und sich den Kontakt zum Jenseits als bloße Begabung erklärt, greift der offizielle Okkultismus weiter. Er fühlt sich nicht bloß als begabt. Er rühmt sich als von Gott erwählt. Dementsprechend steht er auf der Bühne. Das Wesen des Okkultismus ist aber nicht, dass er im Schatten steht. Sein Wesen ist, dass es die wahre Quelle seiner Macht verbirgt. Den Wesenskern des Okkultismus hat der offizielle mit dem inoffiziellen gemeinsam. Den kleinen unterscheidet vom großen Okkultisten, dass der kleine nur wenig Anspruch hat. Er verkauft seine "Beziehung zum Jenseits" wie der Bäcker Brötchen, während der große sich für den Statthalter Gottes auf Erden hält. Der Gründer des größten Okkultismus war Moses. Er war das Medium, das mit Botschaften bepackt zwischen Jahwe und den Israeliten pendelte. Keine andere Rolle hatten die Propheten, keine andere die christlichen Priester, als sie Absolution erteilten; denn auch Paulus und sein reformierter Judaismus stehen nahtlos in der Tradition. Ihm ist der Heilige Geist begegnet, wie einst der Herrgott Moses. Er teilt der Menschheit mit, was der Geist von ihr will: bar jeder Vernunft alle Gedanken zum gehorsamen Dienst an Christus einzufangen. Und diesen Christus hat Johannes (14, 6) zum universellen Medium erklärt: "...niemand kommt zum Vater außer durch mich". Christus bleibt dabei genauso verborgen wie einst Jahwe im Offenbarungszelt. So bleibt dem Laien nichts übrig, als einstweilen den Okkultisten gehorsam zu sein. Johannes und ich hatten geglaubt, die Erfüllung der mosaischen Verheißung stehe unmittelbar bevor:

Matthäus 3, 1-3:
In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und predigte in der Wüste von Judäa, indem er sprach: "Bekehret euch, denn genaht hat sich das Reich des Himmels". Dieser nämlich ist es, von dem durch den Propheten Isaias gesagt ist: "STIMME EINES RUFERS IN DER WÜSTE: BEREITET DEN WEG DES HERRN; MACHT GERADE SEINE PFADE!"

Matthäus 4, 17:
...begann Jesus zu...rufen: "Bekehret euch, denn genaht hat sich das Reich des Himmels!"

Die Geschichte hat meinen Irrtum bewiesen. Was Matthäus über den vermeintlichen Rufer in der Wüste zitiert, ist ein Beispiel mehr, wie er Dokumente fälscht.

Isaias 40, 3-6:
EINES RUFENDEN STIMME: "IN DER WÜSTE BAHNET EINEN WEG FÜR DEN HERRN, EBNET IN DER STEPPE EINEN PFAD FÜR UNSEREN GOTT!"...Eines Redenden Stimme: "Predige!" Da sprach ich: "Was denn soll ich predigen?"

Da Johannes in der Wüste predigte, änderte Matthäus den Text. Im Original ruft keine Stimme in der Wüste. Sie ruft, dass dort ein Weg für den Herrn gebahnt werden soll. Wo sie ruft, bleibt offen. Matthäus macht daraus die Stimme eines Rufers in der Wüste. Warum? Weil er Johannes die passende Rolle besser zuschustern kann, wenn er ihn zu einem prophezeiten Rufer macht. Matthäus' Argumentation fehlt jedoch der Boden. Das wird klar, wenn man bei Isaias weiterliest. Dort spricht eines Redenden Stimme. Wessen Stimme sollte das nach Matthäus' Auslegung jedoch sein als ebenfalls die des Johannes? Wer ist dann aber der, dem Johannes zu predigen befiehlt, und der fragt, was er predigen soll? Doch wohl nicht ich! Muss Gottes Sohn Johannes fragen, was er zu predigen hat? Bleiben wir also bei der Wahrheit: Die rufende und die redende Stimme hat Isaias gehört. Er ist das Ich, das fragt, was es predigen soll. Die Stelle ist ein Erlebnisbericht des Propheten. Er soll predigen und Gott in der Wüste den Weg bahnen. Sie ist keine Prophezeiung. Sie verkündet weder Johannes den Täufer noch Jesus von Nazareth. Im selben Muster macht Matthäus weiter:

Matthäus 8, 15-17:
Er (Jesus) nahm sie (Petrus' Schwiegermutter) bei der Hand, und das Fieber verließ sie...Als es Abend wurde, brachten sie viele Besessene zu ihm, und er trieb durch sein Wort die Geister aus und machte alle Kranken gesund. So erfüllte sich, was gesagt ist durch den Propheten Isaias: "ER NAHM UNSERE GEBRECHEN UND TRUG UNSERE KRANKHEITEN FORT."

Isaias 52, 13 - 53, 12:
Siehe, Erfolg hat mein Knecht...Wie über ihn viele erschauerten - so unmenschlich entstellt sah er aus, und seine Gestalt war nicht mehr wie die der Menschen!...Keine Gestalt hatte er und keine Schönheit, daß wir nach ihm geschaut hätten...Verachtet war er, von Menschen gemieden, ein Mann der Schmerzen, mit Krankheit vertraut...JEDOCH UNSERE KRANKHEITEN TRUG ER, UNSERE SCHMERZEN LUD ER AUF SICH...Er wird Nachkommen schauen, lange leben...Darum werde ich ihm seinen Anteil unter den Vielen geben, und mit den Zahlreichen wird er den Erwerb teilen...

Isaias' Gottesknecht trägt die Krankheiten nicht fort. Er lädt sie auf sich. Das ist ein Unterschied. Wendet man die Prophezeiung auf den Mythos der Krankenheilung an, hätte ich nach der Heilung von Petrus' Schwiegermutter fiebern und nach der Heilung der Besessenen besessen sein müssen. Das wollte mir selbst Matthäus nicht zumuten. Daher riss er das Zitat aus dem Zusammenhang.

Jede Argumentation vereinfacht. Auch wir kürzen Zusammenhänge so, dass ein Teil ihrer Bedeutung verloren geht. Aber es gilt zu unterscheiden: Matthäus behauptet, dass er den Willen Gottes kennt, wir bloß, dass Matthäus irrt. Selbst wenn wir die selbe Menge Fehler machten, wäre das gemessen an unserem Anspruch verzeihlich. Will man aber beweisen, dass man Gottes Wille verkündet, müssen die Maßstäbe so streng wie möglich sein. Matthäus müsste sich entscheiden: Entweder eine Prophezeiung bleibt aus. Oder sie trifft ein. Dann aber ganz! Biblische Prophezeiungen werden nicht als Mutmaßungen der Herren Jeremias und Isaias gehandelt. Sie gelten als Aussagen des Allwissens. Wenn ich Isaias' Gottesknecht war, hat Matthäus daher manches zu erklären: Wann war ich unmenschlich entstellt und meine Gestalt nicht mehr wie die der Menschen? Außerdem: Wer mit Krankheit vertraut ist und ein Mann der Schmerzen, der ist der Kranke, nicht der Arzt. Der Arzt ist mit den Heilmitteln vertraut. Wann war ich also krank? Es stimmt auch nicht, dass mich die Menschen verachtet und gemieden hätten. Im Gegenteil: Wenn ich predigte, kam das Volk in großer Schar und bei der Ankunft in Jerusalem riefen Scharen: "Gepriesen sei, der da kommt...". So schreibt jedenfalls Matthäus (8, 1 und 21, 9). Auch Lukas beschreibt keinen Jesus, der verachtet war: Er lehrte in ihren Synagogen und wurde von allen gepriesen. (4, 15). Und bei Markus war der Andrang regelrecht gefährlich: Da sagte er zu seinen Jüngern, man solle für ihn ein Boot bereitstellen wegen der Menge des Volkes, damit sie ihn nicht erdrückten (3, 9). Isaias verheißt seinem Gottesknecht die Auferstehung nach dem Opfertod. Dann soll er Nachkommen schauen und lange leben. Was soll das in der christlichen Theologie? Wer lange lebt, wird sterben und seine Nachkommen sind Nachkommen, weil sie nach ihm kommen. Isaias prophezeite kein Christentum, sondern einen zweiten David an der Spitze israelitischer Truppen. Er sah die Machtergreifung einer judäischen Dynastie. Er sah einen König, der mit den Zahlreichen die Beute neuer Kriegszüge teilt; denn wie übersetzt Luther das nebulösen Bild vom "geteilten Erwerb" der katholischen Bibel? Darum will ich ihm große Menge zur Beute geben, und er soll die Starken zum Raube haben. Mein lieber Matthäus! Erst bin ich Baalsdiener und jetzt auch noch Räuber! Ein Vergleich zwischen Matthäus 12, 17-21 und Isaias fördert ebenfalls Verdächtiges zutage:

Matthäus 12, 17-21:
So sollte sich erfüllen, was gesagt ist durch den Propheten Isaias: "Seht meinen Knecht, den ich erwählt...er wird den Völkern das Recht verkünden. Er wird nicht zanken noch schreien...bis zum Siege führt er das Recht UND AUF SEINEN NAMEN WERDEN DIE VÖLKER HOFFEN."

Isaias 42, 1-4:
Siehe, mein Knecht, den ich halte...bis er auf Erden das Recht festsetzt UND AUF SEINE WEISUNG DIE INSELN HARREN."

Aus den Inseln, die auf göttliche Weisung harren, macht Matthäus Völker, die auf seinen Namen hoffen. Warum? Weil Isaias mit "Inseln" die israelitischen Gemeinden meinte, die in die Diaspora Assyriens verstreut waren. Isaias benennt die wenigen Israeliten im Ozean der Heidenvölker. Das kommt Matthäus nicht zupasse. Also ersetzt er die verstreuten Inseln der wenigen Auserwählten durch den Ozean heidnischer Völker, der die Inseln umspült. Schon hat Isaias angeblich 700 Jahre zuvor gesagt, was Matthäus meinte; auch wenn es in Wahrheit das Gegenteil war. Weiter mit Kapitel 21:

Matthäus 21, 4-5:
..damit sich erfüllte, was gesagt ist durch den Propheten:"...DEIN KÖNIG KOMMT ZU DIR, SANFTMÜTIG UND AUF EINER ESELIN REITEND, MIT EINEM FÜLLEN, DEM JUNGEN DES LASTTIERES."

Sacharja 9, 9-15:
..DEMÜTIG UND REITEND AUF EINEM ESEL, AUF DEM FÜLLEN EINER ESELIN..."...Sion, es kehren zu dir zurück die Gefangenen, die immer noch hoffen...Ja, ich spanne mir Juda als Bogen, fülle ihn an mit Ephraim! Ich schwinge deine Söhne, Sion, gegen die Söhne Griechenlands und gebrauche dich wie das Schwert eines Helden."...Seine Schleudersteine fressen Fleisch und trinken Blut wie Wein.

Welche Gefangenen sind gemeint, wenn sich die Prophezeiung im Jahr 30 erfüllt? Sacharja lebte um 520 vor Christus. Er bezog sich auf die "Gefangenen" in Babylon. Juda und Ephraim, die Sacharja zu Pfeil und Bogen zusammenführt, sind hebräische Stämme. Als Sinnbild meinte er das Süd- und das Nordreich. Wenn das Christentum sich als zweites Israel bezeichnet, wer ist dann das zweite Juda und das zweite Ephraim, aus denen sich der Messias eine Waffe schmiedet? Tatsächlich prophezeit Sacharja innerhebräisch. Dann macht seine Hoffnung Sinn: Die zerstrittenen Stämme kämpfen vereint gegen Griechenland. Apropos: Wieso geht es gegen Griechenland? Hätte Sacharja mich gemeint, hätte ich die Söhne Sions als Schwert gegen Rom gebraucht. Außerdem: Wie ist das Bild vom Messias, der sanftmütig geritten kommt, mit dem Gott vereinbar, dessen Schleudersteine Fleisch fressen und Blut trinken wie Wein? Verständlich bleibt die Verknüpfung von Friedensverheißung und Kriegsdrohung, wenn man Sacharja nicht für die Heidenmission beschlagnahmt, sondern ihn sein lässt, was er war: ein Prophet des Judaismus. Dessen Verheißung bleibt er treu: Frieden für Israel. Aber nicht für den Rest der Welt! Gegen den gebraucht Gott Israel wie das Schwert eines Helden. Und zu guter Letzt: Warum ist der Messias bei Sacharja demütig, bei Matthäus aber sanftmütig. Demut ist keine Sanftmut. Demut schließt Gewalt nicht aus, Sanftmut schon. Wenn sich ein jüdischer Messias seinem Gott gegenüber demütig verhält, kann er durchaus Blut trinken wie Wein; aus der Demut heraus, die gehorsam seinem göttlichen Kriegsherren dient. Von Sanftmut ist bei Sacharja keine Rede. Wie wenig sich das Christentum tatsächlich von den Gewaltphantasien des Judaismus löst, zeigt die Offenbarung. Alle Schminke, die das Evangelium überzieht, rutscht dort der Lehre vom Gesicht. Die Apokalypse strotzt so vor Gewalt, dass Matthäus' Behauptung, der Messias sei sanftmütig, im Rauch brennender Leiber erstickt.

Natürlich prophezeite Sacharja niemals gegen Griechenland. Zu seiner Zeit herrschte Persien. Das Buch Sacharja wurde von denen, die es "heilig" sprachen jedoch kaum je wie "heilig" behandelt; jedenfalls nicht, wenn man mit "heilig" etwas meint, das durch unantastbare Richtigkeit über jedes Ansinnen einer Nachbesserung erhaben ist. Je nach Lage der Dinge wurden "heilige" Texte geändert. So auch hier. Die zitierte Stelle wurde später eingefügt. Selbst die Thora wurde von den Priestern nicht heilig gehalten.

Jeremias 7, 22:
...ich habe euren Vätern, als ich sie aus dem Lande Ägypten herausführte, über Schlachtopfer und Brandopfer nichts gesagt und geboten.

Gebote über das rechte Opfern nehmen heute in der Thora breiten Raum ein. Jeremias kannte 600 nach Moses offensichtlich eine andere Fassung. Also hat die "Heiligkeit" des Textes die Priester nicht daran gehindert, Gott je nach Lage der Dinge passende Gebote ins mosaische Sprachrohr zu legen. Wie Irreführung in flagranti vonstatten geht, ist bei Matthäus' Schilderung jener Ereignisse erkennbar, die Judas' Verrat und seinem Selbstmord folgten. Aus Reue soll Judas die 30 Silberlinge Blutgeld in den Tempel geworfen haben. Angeblich kauften die Hohenpriester damit einen Acker zum Begräbnis für die Fremden.

Matthäus 27, 7-9:
Sie hielten Rat und kauften damit den Acker des Töpfers zum Begräbnis für die Fremden. Deswegen heißt dieser Acker Blutacker bis auf den heutigen Tag. So erfüllte sich, was gesagt worden ist durch den Propheten Jeremias: "SIE NAHMEN DIE DREISSIG SILBERLINGE, DEN SCHÄTZWERT FÜR IHN, WIE ER VON DEN SÖHNEN ISRAELS EINGESCHÄTZT WORDEN WAR, UND GABEN SIE FÜR DEN ACKER DES TÖPFERS, WIE MIR DER HERR BEFOHLEN HAT."

Jeremias 32, 6-9:
Jeremias hat berichtet: "Das Wort des Herrn erging an mich: Chanamel, der Sohn deines Onkels Schallum, wird zu dir kommen und sagen: Kaufe dir meinen Acker in Anatot; denn du hast das Löserecht zum Vorkauf!" Wirklich kam...Chanamel...zu mir...und sagte...: "Kaufe doch meinen Acker in Anatot...So kaufte ich den Acker von Chanamel...und wog ihm das Geld dar: SIEBZEHN SILBERSTÜCKE BETRUG DIE GELDSUMME..."

Außer dass man mit Silber Äcker kaufen kann, stimmt nichts. In Matthäus' Zählkunst kommt nach "eins, zwei, drei" ein "viel", bei dem 17 und 30 dasselbe ist. Im Bemühen seine Glaubwürdigkeit zu retten, verweisen christliche Exegeten auf eine Stelle bei Sacharja, wo immerhin von 30 Silberlingen die Rede ist. Was man dort zu lesen bekommt, lässt die Glaubwürdigkeit Matthäus' ebenso bezweifeln.

Sacharja 11, 6-13:
"...ich will fortan die Bewohner des Landes nicht schonen"..."...ich lasse jeglichen Menschen in die Hand...seines Königs geraten. Diese werden das Land zerschlagen; ich aber rette nicht aus ihrer Hand." So weidete ich die Schlachtschafe für die Schafhändler... "Ich mag euch nicht mehr weiden. Was sterben will, das sterbe...und von denen, die übrigbleiben, fresse einer das Fleisch des anderen!"...Ich sprach zu ihnen (den Schafhändlern): "Wenn es euch gefällt, so gebt mir meinen Lohn. Wenn nicht, so laßt es bleiben!" DA WOGEN SIE MIR MEINEN LOHN VOR, DREISSIG SILBERLINGE. DER HERR ABER SPRACH ZU MIR: "WIRF IHN DEM SILBERGIEßER HIN, DIESEN HERRLICHEN PREIS, DEN ICH IHNEN WERT BIN!" DA NAHM ICH DIE DREISSIG SILBERLINGE UND WARF SIE IM HAUS DES HERRN DEM SILBERGIEßER HIN.

Was das mit dem christlichen Christus zu tun hat, erkläre, wer kann. Auch Markus zitiert merkwürdig:

Markus 1, 2:
Wie geschrieben steht beim Propheten Isaias: "SIEHE, ICH SENDE MEINEN BOTEN VOR DIR HER, DER DIR DEN WEG BEREITEN WIRD".

Markus irrt. Der Satz steht nicht bei Isaias. Er steht bei Maleachi; zumindest so ähnlich.

Maleachi 3, 1-10:
"SIEHE, ICH SENDE MEINEN BOTEN, DAß ER EINEN WEG VOR MIR BEREITE! Dann kommt sofort... der Herr, den ihr erwartet..." Wer hält stand bei seinem Erscheinen...Er reinigt die Söhne Levis...Dann wird dem Herrn das Opfer Judas und Jerusalems wieder angenehm sein wie in den Tagen der Vorzeit..."Wahrlich, ich, der Herr, habe mich nicht geändert; aber ihr, Söhne Jakobs, seid unentschieden! Seit den Tagen eurer Väter habt ihr euch von meinen Vorschriften abgewandt...Kehrt um zu mir..."

Was heißt nach christlicher Heilsdeutung, dass ich die Söhne Levis gereinigt habe? Was heißt, dass dem Herrn dann das Opfer Judas wieder angenehm gewesen sei wie in den Tagen der Vorzeit? Das Christentum behauptet doch das Gegenteil: dass die Juden meinen Reinigungsversuchen sehr wohl stand hielten und sich Gott daher den Heiden zuwandte. Maleachis Herr will keine Aufhebung der Vorschriften, wie es Markus als Bote des Christentums predigt. Maleachis Gott will das Gegenteil: die Rückkehr zum Gesetz der Väter. Auch anderswo "beweist" Markus durch verfälschte Zitate das Gegenteil von dem, was das Original besagt.

Markus 11, 17:
Steht nicht geschrieben: "MEIN HAUS SOLL EIN BETHAUS HEIßEN FÜR ALLE VÖLKER?"

So steht es geschrieben. Aber Markus unterschlägt den Vers, der klärt, wie es gemeint ist.

Isaias 56, 6-7:
aber, die dem Herrn sich anschlossen...alle, die den Sabbat halten...die festhalten an meinem Bund, diese bringe ich zu meinem heiligen Berg...DENN MEIN HAUS SOLL EIN BETHAUS GENANNT WERDEN FÜR ALLE VÖLKER.

Entgegen dem Tenor der sonstigen Prophezeiungen des Buches, wo fremde Völker der Schlachtung überliefert (Isaias 34), in den Staub gestoßen (26), im Mistpfuhl (25) oder der Kelter (63) zertreten, gänzlich vertilgt (60), zermalmt (41) oder zerschmettert (13) werden, schlägt der Text hier vor, Fremdlinge, die zum Judaismus übertreten, die den Sabbat also halten, im Tempel beten zu lassen. Niemand prophezeit damit ein Christentum, also den Ersatz gesetzlicher Regeln durch das Bekenntnis zu Christi Himmelfahrt. Markus "beweist" mit einem Text, der den judaistischen Kult als alleingültig preist, dass dieser Kult abzuschaffen ist. Im Sinne des Judaismus hat der Jude das gesamte mosaische Gesetz einzuhalten, nicht nur das Sabbatgebot. Daher heißt es:...die festhalten an meinem Bund. In der biblischen Welt galt die Frage, ob einer den Sabbat einhält oder nicht, jedoch als prinzipielle Entscheidung für oder gegen das Gesetz. Deshalb kommt ihr beim Konflikt zwischen Christen und Juden eine symbolische Bedeutung zu. Ähnliches gilt für das Gebot der Beschneidung. Markus musste wissen, dass ein "Festhalten am Bund" die Treue zum mosaischen Gesetz bedeutet.

Jeremias 31, 31-37:
"...da schließe ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund"...so soll der Bund sein, den ich mit dem Haus Israel...schließe"..."Ich lege mein Gesetz in ihr Inneres und schreibe es ihnen ins Herz"..."Geraten jemals diese Ordnungen...ins Wanken...dann verwerfe auch ich Israels ganze Nachkommenschaft, ob all dem, was sie getan".

Kommen wir zu Lukas:

Lukas 4, 17-21:
Man reichte ihm (Jesus) das Buch des Propheten Isaias...wo geschrieben steht: "Der Geist des Herrn ist auf mir, denn er hat mich gesalbt; Armen frohe Botschaft zu bringen, SANDTE ER MICH...UND AUSZURUFEN EIN GNADENJAHR DES HERRN"..."Heute hat sich diese Schrift erfüllt..".

Isaias 61, 1-6:
..HAT ER MICH GESANDT...AUSZURUFEN EIN HULDVOLLES JAHR DES HERRN UND EINEN RACHETAG UNSERES GOTTES...Dann stehen Fremde bereit, euer Kleinvieh zu weiden, Ausländer sind eure Bauern und Winzer. Euch aber nennt man "Priester des Herrn". Die Habe der Völker werdet ihr genießen...

Wer sind die Fremden und Ausländer, die nach dem verschwiegenen Rachetag fürs Priestervolk die Arbeit machen, während es die Habe der Völker genießt. Welche Völker sind es, die genießen und welche, die genossen werden? Wie sehr sich mythologische Bilder in fatale Wirklichkeit verwandeln, wenn man auf die Wurzel der Tollkirsche ein Reis aufsetzt, das angeblich alle ernährt, zeigt die Geschichte. Das Christentum widersprach nicht dem heidnischen Imperialismus. Im Gegenteil: Es ist mit ideologischem Schwung in dessen Rolle geschlüpft. Auch die Christenheit fühlte sich als Gottesvolk, das die Habe kolonisierter Völker genoss und sie zur Arbeit nach Übersee verschiffte. Was schließen wir daraus? Dass man sich vom Übel der Vergangenheit nicht lösen kann, solange man sich darauf beruft. Johannes' Treue zum "göttlichen" Dokument beleuchtet Folgendes:

Johannes 19, 36:
Denn dies geschah, damit das Schriftwort erfüllt würde: "KEIN KNOCHEN AN IHM SOLL ZERBROCHEN WERDEN" .

Mir wurden am Kreuz die Beine nicht zertrümmert. Für Johannes erfüllt sich darin eine Prophezeiung.

2 Moses 12, 43-48:
"Dies ist das Gesetz für das Pascha: Kein Fremder darf davon essen...KEINEN KNOCHEN DÜRFT IHR DARAN ZERBRECHEN...Wenn aber ein Fremdling bei dir weilt und er Pascha für den Herrn halten will, so soll zunächst jeder, der männlich ist, beschnitten werden...Aber kein Unbeschnittener darf davon essen..."

Das mosaische Gebot, beim Vorbereiten des Paschas keinen Knochen des Lamms zu zerbrechen, ist keine Prophezeiung. Folglich konnte es bei meiner Kreuzigung nicht in Erfüllung gehen. Es ist eine Regel, die bei den Juden gilt und die das Christentum abschafft. Der Vergleich meines Todes mit dem jüdischen Schlachtritual hinkt zum Gotterbarmen. Während der 1200 Jahre von der Wüste Sinai nach Golgatha hat er weit vor Erreichen des Zieles schlapp gemacht. Johannes mag beim Vergleich meines Todes mit der Zubereitung eines Festbratens von archaischen Vorstellungen geleitet sein, die bei der Kommunion mit dem Allerheiligsten ans Essen denkt. Als Christ müsste er jedoch stutzig werden. Gerade der übertragene Sinn verbietet es Christen am christlichen Festtagsbraten des gekreuzigten Gottes teilzuhaben. Erst müssten sie sich beschneiden lassen. Johannes beweist mit seinem Bemühen ums Gegenteil, dass nur wer zum Juden beschnitten ist, Christ sein kann. Vielleicht straft ihn der göttliche Schalk für seinen Antisemitismus: indem er an ihm erläutert, wie es immer noch besser ist, an der Vorhaut als am Verstand beschnitten zu sein. Anderswo verfährt Johannes ähnlich:

Johannes 19, 24:
So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt: "SIE TEILTEN MEINE KLEIDER UNTER SICH, UND ÜBER MEIN GEWAND WARFEN SIE DAS LOS".

Hier wird dem Gläubigen weisgemacht, Psalm 22 habe angekündigt, dass römische Soldaten unter dem Kreuz um meine Kleider würfeln.

Psalm 22, 19-31:
SIE VERTEILEN MEINE KLEIDER UNTER SICH UND WERFEN ÜBER MEIN GEWAND DAS LOS...Meine Nachkommen werden ihm dienen und vom Herrn erzählen dem folgenden Geschlecht.

Offensichtlich ist es David, der da spricht; denn mit wem sollte der Messias, sitzend zur Rechten Gottes, Nachkommen zeugen? Dass es im Himmelreich für Menschen, geschweige denn für Götter, keine Generationenfolge gibt, konnte Johannes von Markus erfahren.

Markus 12, 25:
Denn wenn sie auferstehen von den Toten, werden sie weder heiraten noch verheiratet werden, sondern sie sind wie die Engel im Himmel.

Gilt Unzucht auf der Erde als verflucht, während im Himmel ein lustiger Messias ledige Engel begattet? Sollten wir glauben, dass ich als Sohn Gottes im Himmel dessen Enkel zeuge, damit sie dereinst der eigenen Brut vom Herrn erzählen? Hatte ich mit Maria Magdalena ein Techtelmechtel, dem ein göttlicher Bastard entsprang? Mit Blick auf die Lanze, die mir ein römischer Soldat in die Flanke stieß, meldet Johannes:

Johannes 19, 37:
...ein anderes Schriftwort sagt: "SIE WERDEN AUF DEN SCHAUEN, DEN SIE DURCHBOHRT HABEN".

Sacharja 12, 3-12:
An jenem Tage wird es geschehen...Alle Völker der Erde versammeln sich gegen die Stadt (Jerusalem)...An jenem Tage mache ich die Sippen Judas...zu einem Feuerbecken...sodaß sie...alle Völker ringsum verzehren...Doch über...die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist der Erbarmung...ausgießen...SIE WERDEN AUF DEN HINBLICKEN, DEN MAN DURCHBOHRTE, und Totenklage um ihn halten...An jenem Tage wird in Jerusalem große Klage herrschen...Klagen wird das Land, Sippe für Sippe gesondert..."

Wieso berichtet weder Johannes noch die Weltgeschichte von den Völkern der Erde, die sich an jenem Tage gegen Jerusalem versammelten und von den Sippen Judas vernichtet wurden? Wieso beschuldigt Johannes die Juden meinen Tod gewollt zu haben,

Johannes 7, 1:
..da die Juden ihn zu töten suchten.

...wenn dieselben Juden nach meinem Tod Sippe für Sippe...Totenklage halten? Welche Völker will er missionieren, wenn sie im Feuerbecken Judas verzehrt worden sind?

In den Evangelien finden sich Widersprüche. Sie stammen aus zwei Quellen. Erstens war ich weder Gott noch dessen Sohn. Mein Denken entwickelte sich im Lauf der Zeit. Als Bestandteil einer Dreieinigkeit hätte ich Bescheid gewusst, ohne die Meinung je zu ändern. Zweitens haben die Evangelisten "Beweise" zurechtgestutzt. Auch der Bericht, den sie über meine Lehre verfassten, ist demgemäß verfälscht. Findet man ein Bild, das vom Credo abweicht, ist fast sicher, dass es stimmt; denn was dem Credo widerspricht, hat der Glaube kaum erfunden.

Der Offenbarungsglaube ist stolz darauf, sich um Offensichtliches gar nicht erst zu kümmern. Daher haben die Evangelisten das Unvereinbare nicht aus der Darstellung getilgt. Die Logik genoss zwar bei Philosophen Respekt, nicht aber bei Menschen, denen Gesinnung wichtiger als nüchternes Denken war. Will man wissen, wofür ich stand, muss man das Unpassende stärker werten als den glatten Rest.

Matthäus 5, 17-20:
Denkt nicht, ich sei gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzuheben. Ich bin nicht gekommen aufzuheben, sondern zu erfüllen...Bis der Himmel und die Erde vergehen, wird nicht ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer daher eines von diesen kleinsten Geboten aufhebt und so die Menschen lehrt, der wird als Kleinster gelten im Himmelreich; wer sie aber tut und lehrt, der wird als Großer gelten im Himmelreich. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weitaus größer sein wird als die der...Pharisäer, werdet ihr nicht hineinkommen in das Himmelreich.

Himmel und Erde sind nicht vergangen. Christen machen das Gegenteil von dem, was ich als Bedingung fürs Himmelreich vorgab. Mehr kann man den Gott, den man preist, gar nicht lästern. Die einzig wahren Christen, sofern es sie gibt, sind einmal mehr die orthodoxen Juden. Doch vom Baum der Erkenntnis isst keiner. Unter "Gerechtigkeit" versteht ein orthodoxer Jude den Gehorsam unter das Gesetz. Matthäus benennt das eindeutig. Ich bin gekommen, um das Gesetz zu erfüllen. Für den Judaismus umfasst die Beachtung des Gesetzes alles, was gerecht sein kann. Es gibt für ihn keine Gerechtigkeit außerhalb der von Gott verordneten Moral. Gerechter als ein Pharisäer ist nur, wer ihn an Gesetzestreue übertrifft.

Markus und Lukas berichten, ich habe die Sabbatruhe gebrochen. Ich habe am Sabbat Kranke geheilt. Also habe ich das Gesetz missachtet. So einfach ist das nicht. Laut Moses (2 Moses 20; 5 Moses 5) soll man am Sabbat keine Arbeit und keine Geschäfte verrichten. Moses sagt aber auch (3 Moses 19): "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Das Gesetz sieht nicht alle Sonderfälle des Lebens voraus. So kollidiert das Liebesgebot mit der Sabbatruhe, wenn jemand am Sabbat erkrankt. Dann stellt sich die Frage, ob es sich bei der Hilfe für einen Kranken um Arbeit oder Geschäfte handelt. Selbst wenn man das bejaht, muss sich der Jude entscheiden, welcher Regelverstoß ihm geringer erscheint. Ist es gerecht, einen Kranken am Sabbat sterben zu lassen? Oder ist der Verstoß gegen die Sabbatruhe in diesem Falle legitim? Solche Fragen wurden zu meiner Zeit diskutiert, und die Problemstellung hat in Markus' und Lukas' Berichten (Markus 3, 1-6; Lukas 13, 10-17) über die Heilung des Mannes mit der gelähmten Hand bzw. der gekrümmten Frau am Sabbat ihren Niederschlag gefunden. Wenn sich jemand im konkreten Fall am Sabbat um einen Kranken kümmert, verstößt das jedenfalls nicht eindeutiger gegen das Gesetz, als wenn er es nicht tut. Wer aber behauptet, ich habe das eine oder andere Gesetz grundsätzlich aufgehoben, redet Unsinn. Nicht das Gesetz wird abgeschafft, sondern die mangelnde Gesetzestreue der Pharisäer beklagt.

Matthäus 23, 1-3:
Darauf sprach Jesus...: "Auf dem Stuhl des Moses sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Tut und haltet alles, was sie euch sagen, nach ihren Werken aber richtet euch nicht, denn sie reden zwar, tun es aber nicht.

Lukas 16, 17:
Es ist leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß vom Gesetz ein einziges Häkchen hinfällig wird.

Lukas 23, 56:
..den Sabbat aber verbrachten sie in Ruhe, der Vorschrift gemäß.

Wohlgemerkt! Lukas meint hier meine Jünger am Tag nach meinem Kreuzestod. Sie verhielten sich der Vorschrift gemäß. Hätte ich die Aufhebung des Sabbatgebots angeordnet, hätten meine Jünger zu diesem Zeitpunkt davon wissen müssen. Selbst Johannes berichtet, dass die Schrift, deren wesentlicher Gehalt das mosaische Gesetz ist, samt Sabbatgebot, Speiseregeln und Beschneidung, für immer gilt.

Johannes 10, 35:
...wenn die Schrift nicht außer Geltung kommen kann...

In der Schrift, die Johannes benennt, gibt es keinen Hinweis, dass die offenbarten Gesetze einem Zeitgeist anzupassen sind. Im Gegenteil: Im Zusammenhang mit dem Gesetz tauchen Begriffe wie "immerwährend" und "ewig" auf (z. B.: 2 Moses 30, 21; 2 Moses 31, 16; 3 Moses 16, 29; 4 Moses 19, 21). Die Thora sagt, dass das Gesetz für immer gilt. Gleiches wird von Propheten und Psalmen bestätigt:

5 Moses 29, 28:
...das Enthüllte aber gilt uns und unseren Kinder immerdar, damit wir alle Worte dieses Gesetzes erfüllen.

Isaias 24, 5:
Entweiht ist ja die Erde...denn sie...verletzten das Gesetz, brachen den ewigen Bund...

Psalm 148, 6:
...er gab ein Gesetz, das niemals vergeht.

Warum unterstellt man Gott, dass er "immerdar" und "ewig" sagt, wenn er 1200 Jahre meint? Wer tatsächlich glaubt, dass Gott sich durch Moses offenbarte, muss zweierlei: zum Judaismus übertreten und ihm so nahtlos folgen, wie die Thora es verlangt. Markus behauptet:

Markus 7, 19:
So erklärte er alle Speisen für rein...

Das habe ich nicht getan. Kurz vor meiner Festnahme feierte ich mit den Jüngern mein letztes Pascha:

Lukas 22, 7-8:
Es kam der Tag der Ungesäuerten Brote, an dem das Paschalamm zu schlachten war, und er schickte den Petrus und Johannes weg und sprach: "Geht hin und bereitet uns das Pascha, damit wir es essen".

Wissen Sie, warum "Ungesäuert" groß geschrieben ist? Weil "Ungesäuerte Brote" im jüdischen Ritus zu einer Speiseregel von so großer Bedeutung gehören, dass selbst das christliche Neue Testament im zwanzigsten Jahrhundert es nicht wagt, "Ungesäuert" klein zu schreiben. Das Paschafest ist ein zentrales jüdisches Ereignis. Ohne Speiseregeln hat es keinen Sinn. Es ist die Einhaltung von Speiseregeln zum Ruhme Jahwes. Wenn ich Petrus und Johannes kurz vor meiner Verhaftung losschicke, das Pascha zu bereiten, ist ausgeschlossen, dass ich vorher alle Speisen für rein erklärte. Sie hätten womöglich Schweinebraten gemacht. Das Mahl, um das es geht, ist das letzte Abendmahl, das ich vor meinem Tod mit den Jüngern aß. Das Abendmahl, das dem Christentum so viel bedeutet, dass fast jeder Da Vincis Gemälde kennt, war streng judaistisch. Hätte ich dabei Schweinekutteln essen müssen, wäre ich als gläubiger Jude vor Ekel gestorben. Nicht erst am Kreuz.

Nach der Entscheidung, den Glauben unter Nicht-Hebräern zu verbreiten, stellte sich die Frage, was dem im Wege stand. Schon Moses hatte Schwierigkeiten, den Israeliten das Gesetz aufzuzwingen. Massenmord war nötig, damit sich die öffentliche Meinung der Überlebenden zum Judaismus bekannte. Anders als Moses konnte die christliche Sekte ihre Zielgruppe weder geographisch isolieren noch konnte sie sich die Heiden im Binnenraum einer Sprach- und Nationalitätengrenze gefügig machen. Das Gesetz ist eine Klammer, wenn man die Macht hat, es zu erzwingen. Hat man sie nicht, ist es eine Hürde. Da der christlichen Sekte die Macht zum staatlich organisierten Terror zunächst fehlte, kam sie ihrer Zielgruppe entgegen. Hätte sie von den Heiden Beschneidung und Respekt vor Speiseregeln verlangt, wäre das Christentum nie über den Horizont des Judaismus hinausgewachsen. Petrus, Paulus und Markus wussten das. Also gaben sie das Gesetz preis, was dem Christentum den entscheidenden Konkurrenzvorteil verschaffte. Die Eintrittsschwelle ins Christentum ist niedrig. Ein Lippenbekenntnis genügt. Schon gehört man zu einer Gemeinschaft, die Vorteile verspricht, wie vordem nur der Judaismus. Was hinter der Fassade liegt, entzieht sich dabei der Kontrolle. Anders beim Judaismus: Ein Jude muss mehr tun, um zur Heilsgemeinschaft zu gehören. Und man kann besser kontrollieren, ob er bei der Stange bleibt. Jude ist man nicht nebenbei oder sowieso. Will man vollgültig Jude sein, muss man sich einer komplexen Ordnung unterwerfen. Zwar gibt es auch im Christentum viele, die sich ganz dem Glauben widmen, Priester und Mönche zum Beispiel, der Judaismus versteht jedoch die ganze Nation als Priestervolk. Die Disziplin, die er auch Laien abverlangt, belohnt er durch die Phantasie, über alle Maßen auserwählt zu sein. So kann er nur als elitärer Glaube existieren. Ohne die anderen, über deren "Gottlosigkeit" er die Nase rümpft, verlöre er das Gleichgewicht. Christ sein können viele; nicht weil sich Gott von Hinz und Kunz betatschen ließe, sondern weil das Christsein billig ist. Jude sein können dagegen nur wenige; nicht weil Gott sie zu Priestern der Menschheit ernannte, sondern weil jeder Jude zum Judesein zehn Gojim braucht. Der Judaismus lebt daher von der Abgrenzung. Es gibt ihn 3000 Jahre nach seiner Entstehung in fast ursprünglicher Form; nicht trotz Diaspora und Verfolgung, sondern deswegen. Trotz verschiedener Methoden, ihr Anrecht auf Belohnung zu beweisen, glauben beide Gruppen dasselbe: Dass ein Führer kommt, der die Gegenpartei niedermacht und die Getreuen mit Lohn überschüttet. Weil das Gros der Juden nicht mitzog, als Paulus und seine Kampfgefährten mich als diesen Führer priesen, wandten sie sich den Heiden zu und gaben vor, ich habe alle Speisen für rein erklärt.

Lukas 14, 15-24:
"Es veranstaltete einer ein großes Gastmahl und lud viele dazu ein. Zur Stunde des Mahles sandte er seinen Knecht, um den Geladenen zu sagen: Kommt, es ist [alles] bereit. Da fingen alle wie aus einem Munde an, sich zu entschuldigen...Da sagte voll Zorn der Hausherr zu seinem Knecht: ...führe die Armen und Krüppel, die Blinden und Lahmen herein!...Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, damit mein Haus voll werde. Denn ich sage euch: Keiner von den Männern, die geladen waren, wird kosten von meinem Mahle."

Ich galt als jener Himmelsknecht, der die Juden bei Gott zu Tische lud. Dass sie mich nicht als Götterboten anerkannten, brachte die Apostel in Rage. Statt derer, die geladen waren, führten sie die Armen und Krüppel herein. Krüppel und Arme waren für die Apostel nicht die, denen Gottes Interesse galt. Sie waren zweite Wahl. Lückenbüßer sozusagen! Man nötigt sie hereinzukommen, weil man, von der Sprödigkeit der Juden beleidigt, denen eins auswischen will. Hätten sich die Geladenen nicht entschuldigt, hätte "Gott" mit ihnen getafelt und auf die Nötigung der Krüppel verzichtet. "Damit mein Haus voll werde" heißt: "Damit unsere Sekte Zulauf bekommt". Die Heiden wurden missioniert, damit die abgewiesenen Hirten anderswo zur eigenen Herde kamen. Hätte ich Kranke geheilt und Tote erweckt, wäre ich nicht gekreuzigt worden. Meine Henker hätten mich gefürchtet. Die Geschichtsschreibung wüsste davon.

Matthäus 11, 5:
Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Toten stehen auf...

Lukas 7,15:
Und der Tote richtete sich auf...

Lukas 8, 54:
Er nahm sie bei der Hand und rief: "Mädchen steh auf!" Da kehrte ihr Geist zurück...

Rom wäre nie Rom gewesen, wenn jemand vor aller Augen Tote erweckt, ohne dass die Provinzverwaltung es der Hauptstadt meldet. Wenn die Wunder so phantastisch waren, warum wussten nur die Aktivisten davon? Der einzige Beleg findet sich in den Schriften derer, die damit ihr Credo verbreiten. Und wer's nicht glaubt, verdient für bloßen Zweifel Folter.

Matthäus 12, 30-32:
Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich...wer aber wider den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt.

Matthäus 13, 49:
Die Engel werden ausziehen und die Bösen absondern von den Gerechten und sie hineinwerfen in den Feuerofen...

Markus 16, 16:
Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden.

Die Überzeugungskraft der "Wunder" war selbst in den Augen der Christen so schwach, dass man den Glauben daran durch Einschüchterung erzwang; nicht anders als 1200 Jahre zuvor. Dabei ist die Wundermacht des Glaubens einfach zu beweisen. Hat nicht der Papst an der Schwelle zum 21. Jahrhundert eine Richtlinie zur Durchführung des Exorzismus erlassen? Hat er! Beruft sich die Kirche dabei nicht auf mich? Tut sie:

Markus 16, 17:
Als Zeichen aber werden denen, die glauben, diese zur Seite sein: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, mit neuen Zungen reden, Schlangen aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nichts schaden.

Es ist für die Kurie kein Problem, mit dem Schierlingsbecher an der Lippe zu beweisen, ob sie glaubt. Trinkt sie nicht, glaubt sie nicht. Trinkt sie doch, dann wissen wir bald, ob sie ihren Glauben bloß geheuchelt hat. Er heißt, ich habe vor aller Augen Wunder vollbracht. Sie dienten dem Beweis, dass ich Sohn Gottes bin. Andererseits sollten Heilungen verheimlicht werden. Es heißt, ich habe den Anspruch, Messias zu sein, mutig vertreten. Wir lesen aber auch, dass ich Anweisung gab, genau das geheim zu halten.

Matthäus 9, 30:
Es öffneten sich ihre Augen, und Jesus schärfte ihnen ein: "Seht zu, daß es niemand erfahre!" Sie aber...verbreiteten seinen Ruf in jenem ganzen Lande.

Matthäus 12, 16:
Er gebot ihnen streng, ihn nicht öffentlich bekannt werden zu lassen.

Markus 5, 19:
"Geh nach Hause zu den Deinen und berichte ihnen, was der Herr an dir tat..."

Markus 5, 43:
Er aber gebot ihnen, daß niemand davon erfahre...

Lukas 4, 41:
Von vielen fuhren auch Dämonen aus, die laut riefen: "Du bist der Sohn Gottes!" Er aber fuhr sie an und ließ sie nicht reden, denn sie wußten, daß er der Messias war.

Lukas 9, 20-21:
"..für wen haltet ihr mich?" Petrus antwortete: "Für den Messias Gottes". Er aber gebot ihnen streng...dies niemand zu sagen...

Lukas 22, 70:
Da riefen alle: "Du bist also der Sohn Gottes?" Er antwortete ihnen: "Ihr sagt es..."

Die christliche Mission richtete sich an Heiden in Übersee. Aber auch an die Bevölkerung Palästinas! Das war ein Problem. In Übersee konnte man alles erzählen. Glaubte man aber der Bibel, dürfte es in Palästina kaum jemanden gegeben haben, der von den Wundern erst durch Missionare erfuhr. So flossen zwei Motive in die Evangelien ein. Das eine schildert zum Beweis meiner Göttlichkeit herrliche Wunder. Das andere erklärt, warum man vor Ort nichts davon wusste: Weil die Wunder wie meine Göttlichkeit geheim gehalten wurden. Beide Motive treffen unvereinbar aufeinander. Falls Gott in meine Person inkarniert die Gerechten von meiner Göttlichkeit überzeugen will, warum sollte er das, was erkannt werden soll, dann verheimlichen? Gott mag rätselhaft sein. Ist er auch verquer?

Johannes 3, 18:
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Wenn alles Heil vom Glauben abhängt, dass ich der Messias bin, wäre es absurd, beim Versuch, die Menschheit zu retten, denen, die ich retten will, die einzig rettende Erkenntnis vorzuenthalten. Wie unvereinbar die Motive aufeinandertreffen, liest man bei Matthäus.

Matthäus 8, 1-4:
Als er herabstieg vom Berge, zog das Volk in großer Schar hinter ihm her. Und siehe ein Aussätziger kam...Da streckte er seine Hand aus...und sogleich wurde er rein von seinem Aussatz. Und Jesus sagte zu ihm: "Siehe zu, daß du es niemand sagst..."

Wie sollte der Mann die Sache geheim halten, wenn eine große Schar sie mitbekam? Das Motiv der Geheimhaltung hat einen wahren Boden; denn die Predigt eines jeden Juden, der sich für den Messias hält, hat politischen Charakter. Unser Heilsgedanke ging von je her davon aus, dass man sich beim Kampf nicht auf himmlische Heerscharen verlässt, sondern selbst zur Waffe greift. Dabei entwarf die jüdische Heilserwartung kein homogenes Bild. Es gab zwei Ansichten: Die nüchterne Variante erwartete die Wiederbelebung der davidischen Dynastie und die Errichtung eines israelitischen Reichs auf dem Boden Kanaans. Für sie war der Messias ein Mensch, den man zum König salbt, der Krieg führt, Kinder zeugt und stirbt. Auch Maimonides dachte sich ihn so. Wer das für unmöglich hielt, neigte zur anderen Erwartung: Die Ankunft des Messias werde von apokalyptischen Katastrophen begleitet, die den Frevlern und Heiden zum Verhängnis würden. Nachdem er alle Widersacher ausgerottet hätte, bezögen die Gerechten ihren Lohn in einem "Himmelreich". Die zweite Variante hatte den Vorteil, dass man ihr die These der Auferstehung besser zuordnen konnte. In einem Reich auf dem Boden Kanaans wäre für all die Auferstandenen aus 1000 Jahren Heilsgeschichte kein Platz gewesen; was neuen Streit ums Land heraufbeschworen hätte. Entschieden hatte ich mich zunächst für keins der beiden Bilder. Ich verstand mich als zukünftigen König der Juden, als Nachfolger Davids. Ich nahm zwar an, dass göttliche Macht ins Weltgeschehen eingreift, ich nahm aber auch an, dass ich das Volk in einem Crescendo nationalreligiöser Begeisterung auf meine Seite ziehen müsste. Was wir also taten, war eine Mischung aus Agitation und Verschwörung. So war Geheimhaltung durchaus Element unserer Pläne. Geheim gehalten wurde aber nicht die Heilung Aussätziger oder die Ankunft Gottes. Geheim gehalten wurden Vorbereitungen zum Umsturz. Den Sinn eines Wunders hätte Geheimhaltung in Frage gestellt. Wunder sind dafür da, dass man sich wundert. Ihr Sinn liegt nicht darin, dass sie geschehen. Ihr Sinn liegt darin, dass man sie für Wunder hält. Wie soll man das machen, wenn man nichts davon erfährt? Unser Umsturzplan tritt in der Bibel offen zu Tage:

Lukas 22, 49-51:
"...sollen wir mit dem Schwerte dreinschlagen?" Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab. Jesus aber entgegnete: "Laß ab, nicht weiter!" Und er berührte das Ohr und heilte ihn.

Johannes 18, 10:
Simon Petrus aber, der ein Schwert hatte, zog es, schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters.

Bei meiner Verhaftung waren wir bewaffnet. Schwerter waren die Kalaschnikows der damaligen Zeit. Die christliche Predigt bezeichnet mich als Botschafter der Liebe. Sie malt von mir das Bild eines göttlichen Pazifisten. Das Schwert in Petrus' Hand widerspricht beidem: dem Pazifismus als auch meiner Göttlichkeit. Wenn ich Gottes Sohn gewesen wäre, wozu sollten sich die Jünger dann bewaffnen?

Lukas 22, 36:
"...und wer es nicht schon hat, der verkaufe seinen Mantel und kaufe dafür ein Schwert..."

Gott verteidigt sich nicht mit Schwertern. Aktivisten griffen damit an.

Matthäus 10, 32-37:
Denket nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen...sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, einen Menschen zu entzweien mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert...

Ich kannte die Texte auswendig. Moses hatte befohlen, den Kampf für die Herrschaft Jahwes bis in die Familien zu tragen. Er hatte Anweisung gegeben, Bruder, Freund und Nächsten zu töten (2 Moses 32, 25-29). Wer die Schrift kennt weiß, was gemeint ist, wenn einer sagt, er bringe im Auftrag desselben Gottes das Schwert und betont, dass nur der seiner wert ist, der ihn mehr liebt als das eigene Kind. Weil ich das Schwert bringen wollte, deshalb hatte Petrus eins dabei. Daher schlug er zu. Lukas' Behauptung, ich habe das Ohr wieder drangeheilt, ist erfunden. Das Ohr gehörte Malchus. Klingt römisch! Bei den Römern wäre Paulus' Bekenntnis schlecht angekommen, wenn zu fürchten gewesen wäre, dass es auch Gaius, Lucius und Cassius die Ohren abschlägt. Matthäus legt mir bei der Diskussion mit Pharisäern einen Vers aus Psalm 110 in den Mund:

Matthäus 22, 42-46:
"Was haltet ihr vom Messias? Wessen Sohn ist er?" Sie (die Pharisäer) sagten zu ihm: "Davids". Da sprach er zu ihnen: Wieso nennt ihn aber David im Geiste "Herr", wenn er spricht: "DER HERR SPRACH ZU MEINEM HERRN: SETZE DICH ZU MEINER RECHTEN, BIS ICH DEINE FEINDE UNTER DEINE FÜßE LEGE". Wenn nun David ihn "Herr" nennt, wie ist er dann sein Sohn?" Niemand konnte ihm ein Wort erwidern, und niemand wagte es von diesem Tage an, ihn noch weiter zu befragen.

Psalm 110, 1-6:
(Psalm Davids) SPRUCH DES HERRN FÜR MEINEN HERRN: "SETZE DICH ZU MEINER RECHTEN, BIS ICH DEINE FEINDE ZUM SCHEMEL DEINER FÜßE MACHE!" Dein machtvolles Zepter streckt der Herr vom Sion aus. Herrsche inmitten deiner Feinde! Dein Volk ist voll Ergebenheit am Tage deiner Macht..."Du bist Priester für immer um Melchisedechs willen"...Unter den Völkern hält er Gericht, häuft Leichen auf, zerschmettert Häupter auf weitem Gefilde.

Dein machtvolles Zepter streckt der Herr vom Sion aus. Der Sion ist ein Berg in Jerusalem. Der Psalm beschreibt weder die Versöhnung der Menschheit noch ein endgültiges Friedensreich. Er beschreibt den Triumph judaistischer Macht über Nachbarvölker. Matthäus schreibt, ich habe mit der Textstelle bewiesen, dass ich göttlicher Abstammung bin. Wie denn das? Wie kann man dem Messias Göttlichkeit zusprechen, wenn man ihn Priester für immer nennt? Nie wäre ich den Schriftgelehrten derart kopflos ins Messer gelaufen. Wenn die Inkarnation Gottes Priester ist, welchen Gott sollte dieser Priester dann anbeten? Sich selbst? Viele Christen waren nicht nur zum Widerspruch unfähig. Sie waren auch unfähig, Widersprüche zu erkennen. Daher wunderten sie sich nicht über die Kurzsichtigkeit einer angeblich göttlichen Argumentation, die jeder pfiffige Pharisäer mit links ausgehebelt hätte.

Apropos Pharisäer: Die Pharisäer gehörten zum liberalen Flügel des judaistischen Lagers. Sie wollten das Gesetz der jeweiligen Moderne anpassen. Sie waren die Vordenker des rabbinischen Judentums. Die Orthodoxen nannten sich "Essener", "Sikarier", "Ebioniten", zum Teil auch "Sadduzäer". Sie interpretierten die Überlieferung wörtlich, was zu einem Festhalten an archaischen Gesellschaftsformen führte. Die Pharisäer waren offen für Einflüsse von außen. Sie waren bereit, den Judaismus von innen heraus so weit zu entwickeln, wie es eben ging. In den Augen der Orthodoxen war die "Liberalität" der Pharisäer, die eine Koexistenz mit Rom versuchten, blanker Hochverrat. Ich war rigoroser als die Pharisäer. Ich wollte keine Kompromisse. Ich wollte unbedingte Treue zum Gesetz. Oder glauben Sie, ein Mensch, der den göttlichen Willen für beliebig hält, lässt sich dafür ans Kreuz nageln?

Als Anwärter auf den Thron hielt ich Gewalt für unvermeidbar. Gemessen an meinem Ziel war mein Werbefeldzug durch Galiläa aber kaum erfolgreich. Mein Ruf ging nicht über ganz Syrien hin, wie Matthäus behauptet (Matthäus 4, 24). Zunächst zog meine Predigt nicht einmal die Aufmerksamkeit der Besatzungsmacht auf sich. Im Gegensatz zu David fehlte mir jedes militärische Denken. Ich war kein Soldat. Ich war Träumer, so von der Macht des Glaubens überzeugt, dass ich von Machbarkeit nichts wusste. Ich stammte aus kleinen Verhältnissen. Während meiner Kindheit und Jugend war ich Außenseiter. Ich hatte mich um so weniger für die Geschäftigkeit des Alltags erwärmt, je weniger meiner Neigung zur großen Vision umgekehrt Verständnis entgegen gebracht wurde. Aber ich war nicht nur Träumer. Ich war auch fähig, meiner Utopie zu folgen. Meine Sehnsucht lehnte das Profane nicht nur ab. Ich war bereit, für sie zu sterben. Das gab mir das Charisma, sensible Naturen in meinen Bann zu ziehen. Da ich aber mehr Träumer als Krieger war, hatte ich nur vage Vorstellungen davon, wie ich aus meinem Dasein als Wanderprediger auf den Thron katapultiert werden sollte. Die Schriften strotzten vor Anspielungen auf Kriege und Gemetzel bei der Ankunft des Messias. So ging ich davon aus, dass sich ein Gewaltszenario ereignen würde; wobei sich das Volk erhob, um Römer wie Kollaborateure zu vernichten und mich zum König zu salben. Solange ich damit rechnete, dass ich das Volk durch Glaubenskraft und Predigt zum Aufstand bewegen kann, solange sprach ich vom Schwert, das ich auf die Erde bringen wollte. Je klarer aber wurde, dass meine Hoffnung trog, desto mehr ging ich davon aus, dass ich Gott dazu bewegen müsste, in den Lauf der Dinge einzugreifen. Wie in allem war auch dabei mein Denken von den Mythen der Tradition beherrscht. Hatte Jahwe einst nicht eingriffen, als er "sein" Volk unter der Knute des Pharao leiden sah? Genau! Was schloss ich daraus? Er würde erneut eingreifen, wenn er Menschen, die seinem Gesetz die höchste Treue hielten, wehrlos leiden sieht! So kann man die Bergpredigt, den Aufruf zur verschärften Gesetzestreue und die Forderung nach absoluter Gewaltfreiheit verstehen. Der Verzicht auf menschliche Gewalt, an deren Erfolg ich im Kampf gegen den Feind nicht mehr glaubte, sollte die göttliche gegen ihn richten. Die moralische Tragweite meiner Hoffnung auf ein apokalyptisches Gemetzel reflektierte ich nicht. Meine Kreuzigung war der letzte Schritt. Es reichte nicht, dass der Böse dem Gerechten auf die andere Wange schlägt. Es bedurfte eines unbedingten Opfers, damit Gott auf der Seite des Glaubens das Schlachtfeld betritt. Ich war sicher, dass er eingreift, wenn er seinen treusten Sohn - zum Pessah! - am Kreuz der Gottlosen hängen sieht. Ich war sicher, dass Gott dann die Gerechten aus der Knechtschaft in ein Himmelreich führt.

Das Himmelreich ist in den Evangelien mal als Jenseits vorgestellt, wo die Auferstandenen wie die Engel im Himmel sind (Markus 12, 25), mal als ein gelobtes Land mit unbestimmtem Grenzverlauf. Die Konzepte waren nicht konsequent durchdacht. Man sieht das in der Bergpredigt:

Matthäus 5, 3-5:
"Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich...Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land besitzen..."

Die Verheißung des Landbesitzes im Neuen Testament klingt wie das Versprechen Moses' aus dem Alten. Was aber soll Landbesitz in einem Himmelreich, wenn man es als Ort gemeinsamer Seligkeit versteht? "Besitzen" heißt "vorenthalten können". Besitz ist, was Besitzern Vorteile gegenüber Besitzlosen verschafft. Im Gegensatz zum Bewohnen setzt Landbesitz voraus, dass man anderen das Besessene vorenthalten kann. Wäre es anders, besäße der Büffel die Steppe, der Fisch den Ozean und der Vogel die Luft. Gibt es im Himmelreich neben Landbesitzern also Habenichtse? Wenn ja, was haben sie dort zu suchen? Oder ist das Himmelreich irdischer Natur, so wie das Vaterunser es beschreibt?

Matthäus, 6, 10:
Es komme dein Reich. Es geschehe dein Wille wie im Himmel auch auf Erden.

Das Vaterunser sieht das Reich Gottes nicht als himmlisches Jenseits, in das der Gläubige eingeht, sondern als Ära, auf dessen Kommen er wartet. Es bricht an, sobald Gottes Wille auf Erden geschieht. Was auch immer das Himmelreich ist, ich habe die Hürde dorthin höher gesetzt als die Propheten. Um das zu verstehen, muss man mich als Juden betrachten, der konsequent aus dem judaistischen Glauben heraus handelte. Der mosaische Glaube misst dem individuellen Schicksal kaum Bedeutung zu; um so mehr dem kollektiven Schicksal Israels. Das auserwählte Volk bekommt Kanaan, wenn es geschlossen gehorcht. Gehorcht es nicht, wird es verstoßen. Folglich vergrößert jeder Abweichler die Kollektivschuld aller; was die Ankunft des Messias, die Erfüllung der Verheißung und das Heil der Getreuen vereitelt.

1 Chronik 21, 1-3:
Der Satan trat wider Israel auf und reizte David an...(was) Israel zu einer Schuld (wurde)...

Der "Sünder" schadet nicht nur sich selbst. Er gefährdet den Seinszweck des auserwählten Volkes; was um so unerträglicher erscheint, je mehr Verzicht die Gesetzestreue fordert. Die verschärfte Auslegung der Gesetze war ein heroischer Akt. Eine Schar glühender Eiferer sollte das Ruder herumreißen, indem sie die Kollektivschuld durch Askese wieder abtrug.

Darauf beruht das Kernstück des christlichen Credos: Dass jeder Gläubige erlöst sei, weil ich die Schuld aller auf mich nahm. Die Psychologie des Christentums ist im ursprünglichen Thema der Bibelreligion verwurzelt. Sie ist ihr Kontrapunkt. Nur weil aus der Kollektivstruktur der mosaischen Ideologie den Frevlern gegenüber Hass entstand und der Judaismus Andersdenkenden eine satanische Schuld am eigenen Unglück zuschrieb, gipfelte der jüdische Verschuldungskomplex in der Phantasie, ein Märtyrer könne die Schuld aller wieder tilgen. Hätte Moses bei der Eroberung Kanaans militärischen Gehorsam nicht zur religiösen Pflicht erklärt, hätte man niemals geglaubt, dass jeder Deserteur schuld sein kann, wenn die Armee des Herrn der Heerscharen das Heilsziel verfehlt. Und ohne dass man davon ausging, hätte niemand geglaubt, dass ein Märtyrer die Schuld aller wieder löscht. Das theologische Konstrukt eines Christus ist nur als Konsequenz des mosaischen Militarismus zu verstehen. Dieser brachte eine Theologie hervor, in der Gott nicht im Dialog mit dem Einzelnen über das Wesen des Menschseins steht, sondern mit der Führung eines Kollektivs, um Politik zu machen. Ich opferte mich in Folge dessen nicht, um die Gewaltbereitschaft der Menschheit zu sühnen. Ich opferte mich zur Sühne dessen, was der Militanz unseres Glaubens im Wege stand: die mangelnde Linientreue Andersdenkender im "heiligen Krieg". Weil die Verschärfung des Gesetzes meiner Entschlossenheit entsprang, Moses' Verheißung durchzusetzen, enthält die Predigt der "Gewaltfreiheit" ebensoviel Licht wie Dunkelheit. Daher verschmilzt dort Sehnsucht nach Liebe mit Hass. Das mosaische Gesetz sagt: Du sollst nicht töten. In der Bergpredigt heißt es: Wer zu seinem Bruder sagt...: Du Narr! wird der Feuerhölle verfallen sein. Während Moses Mord mit Todesstrafe belegt, drohe ich für Bruderzwist endlose Folter an. Das mosaische Gesetz ist bei aller Brutalität pragmatisch. Die Brutalität, die ich für rechtens hielt, kannte kein Maß. Auch wenn die Sehnsucht nach Liebe brennt, kann man Liebe aber nicht durch Angst erzwingen! Ähnlich geht es in der Bergpredigt weiter. Moses hatte gesagt: "Du sollst nicht ehebrechen"! Ich verurteile jeden zur Hölle, der eine Frau begehrlich anblickt.

Matthäus 5, 28:
Ein jeder, der eine Frau anblickt mit begehrlicher Absicht, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen...

Weiter heißt es:

Matthäus 5, 29-30:
Wenn dein rechtes Auge dir zum Ärgernis wird, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, daß eines deiner Glieder verlorengehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.

Moses akzeptierte menschliche Unvollkommenheit. Ich wollte sie ausradieren. Moses genügte es, dass der Mensch verwerfliche Impulse nicht ausführt. Ich habe verlangt, dass er keine hat. Was Moses verlangte, war jedem möglich, was ich in der Bergpredigt verlange, den meisten nicht. In meiner Vision des "gewaltfreien" Menschseins unterliegt am Ende die Mehrheit unendlicher Gewalt: Sie landet in der Hölle. Meine Forderung nach "Feindesliebe" steht einer endzeitlichen Gewaltbereitschaft gegenüber, die alles, nur keine echte Feindesliebe kennt. Das ist ein zwingender Zusammenhang dessen, was ich dachte. Als das Christentum das Abendland beherrschte, hat die Bergpredigt Tod und Verderben gebracht. Die Inquisition berief sich auf mich, als sie unter dem Vorwand, den Leib des Gottesvolks vor der Hölle zu bewahren, alle rechten Augen ausriss.

Lukas 13, 7:
...schon drei Jahre komme ich und suche Frucht an diesem Feigenbaum und finde keine; hau ihn heraus!

Ich sah mich nicht als Landwirt. Wenn ich vom Feigenbaum sprach, der herauszuhauen ist, meinte ich damit Menschen. Wer der Sache nichts nützt, wird liquidiert, denn:

Lukas 11, 23:
Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich;

Das Daseinsrecht des Feigenbaums reicht nur soweit er "höheren" Zwecken dient: dem Hunger dessen, der seine Früchte will. Ein unbedingtes Lebensrecht des Menschen kennt meine Lehre nicht. Der Mensch hat darin nur zu leben, damit sein Leben nützlich ist. Gewiss: Bei Markus heißt es milder.

Markus 9, 40:
Denn wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.

Lukas' Variante ist totalitär. Markus' Variante spiegelt die Position der Kirche im Römerreich. Lukas' Variante ist authentisch. Markus' Variante ist es nicht.

Lukas 12, 49-51:
Feuer auf die Erde zu werfen, bin ich gekommen, und wie sehr wünschte ich, es würde schon brennen! ...Meint ihr, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Entzweiung. Denn von nun an werden fünf in einem Hause entzweit sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei...

Wer so unbedingt wie ich die Entscheidung für oder gegen Jahwe fordert, dass er im Streit darum jede Familie in Brand steckt, meint kaum, für uns sei bereits, wer nicht gegen uns ist. Wischiwaschi war nicht meine Sache. Lukas bleibt hier dem Ursprung treu, während Markus Rom beschwichtigt. Auch das Gleichnis vom Mann, der die Königswürde erwarb, bestätigt, wie kompromisslos ich die Entscheidung für mich forderte.

Lukas 19, 27:
"Meine Feinde aber, die nicht haben wollen, daß ich König sei über sie, führt hierher und macht sie nieder vor meinen Augen!"

Die Ordnung, die das Gleichnis beschreibt, ist die gleiche wie die, die bei Vollendung der Welt zu gelten hat. Deshalb heißt es ja "Gleichnis". Geheiligt wird der Totschlag des Siegers an Feinden, die man zu ihm führt. Als Feind gilt, wer nicht will, dass dieser Sieger König ist. Als König habe ich mich selbst gesehen. Vor meinen Augen wird niedergemacht, wer sich meinem Anspruch nicht beugt. Man muss also schon für mich sein, denn in meinem Heilsplan hat Eigensinn keinen Platz und der Messias reicht dem Besiegten zur Versöhnung keineswegs die Hand. Da ich mich als Anwärter auf den jüdischen Königsthron sah, war Frieden auch für mich das Resultat eines Totschlags an den Widersachern unseres Glaubens. Je deutlicher dabei wurde, dass sich Israel nicht auf meine Seite stellt, desto apokalyptischer wurde meine Phantasie. Da wird mehr als nur niedergemacht. Da wird in die Hölle geworfen. Der bloße Tod des Gegners kann den Rachedurst nicht stillen. Seine Qual muss endlos sein.

Matthäus 3,12:
Die Wurfschaufel hat er in seiner Hand, und säubern wird er seine Tenne; seinen Weizen wird er sammeln in den Speicher, die Spreu aber verbrennen in unauslöschlichem Feuer.

Matthäus 7, 19:
Jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird herausgehauen und ins Feuer geworfen.

Matthäus 10, 14-15:
Wenn man...eure Worte nicht anhört, so geht fort von...jener Stadt...Es wird dem Lande Sodoma und Gomorra erträglicher ergehen am Tag des Gerichtes als jener Stadt!

Matthäus 11, 21-23:
"Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wären zu Tyrus und Sidon die Wunder geschehen, die bei euch geschahen, sie hätten sich längst in Sack und Asche bekehrt. Aber ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichtes als euch. Und du, Kaphernaum...in die Unterwelt wirst du hinabsteigen.

Matthäus 13, 40-49:
Wie man nun das Unkraut sammelt und im Feuer verbrennt, so wird es sein bei Vollendung der Welt. Der Menschensohn wird seine Engel aussenden, und sie werden zusammenholen...alle Ärgernisse und alle, die das Böse tun und sie hineinwerfen in der Feuerofen...Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne im Reiche ihres Vaters...So wird es sein am Ende der Welt. Die Engel werden ausziehen und die Bösen absondern von den Gerechten und sie hineinwerfen in den Feuerofen...

Matthäus 15, 13:
"Jede Pflanzung, die nicht mein himmlischer Vater gepflanzt hat, wird ausgerottet werden.

Matthäus 18, 6:
Wer aber einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es gut, daß ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er versenkt würde in die Tiefe des Meeres.

Lukas 17, 26-30:
Wie es aber zuging in den Tagen des Noe, so wird es auch sein in den Tagen des Menschensohnes...da kam die Sintflut und vertilgte sie alle...Und ebenso, wie es zuging in den Tagen des Lot...da Lot von Sodoma wegzog, regnete es Feuer...und vertilgte sie alle...

Johannes 15, 6:
Bleibt einer nicht in mir, wird er hinausgeworfen...man trägt sie zusammen und wirft sie ins Feuer.

Lukas 21, 20-24:
Wenn ihr aber Jerusalem von Kriegsheeren umlagert seht...das sind die Tage der Rache zur Erfüllung all dessen, was geschrieben steht. Wehe den Schwangeren und Stillenden in jenen Tagen!

Der Christianismus hat den pseudoreligiösen Charakter des Judaismus beibehalten. Deswegen fragt er nicht nach den individuellen Qualitäten der Bewohner ganzer Städte (Kaphernaum, Bethsaida, Chorazin), bevor er sie im Geiste der Vernichtung preisgibt. Im Mittelalter hieß es: cuius regio, eius religio. Der Herrscher legt das Bekenntnis der Untertanen fest. Das war keine Entartung der christlichen Kultur unter dem Druck weltlicher Macht. Es war Hauptprinzip der Gründerväter.

Ich spreche von "Judaismus" und "Christianismus". Der Begriff "Judaismus" verdeutlicht, dass es sich um eine Weltanschauung handelt. Der Begriff "Judentum" ist unscharf. Er bezeichnet zweierlei: zum einen das gleiche wie "Judaismus", zum anderen die Schicksalsgemeinschaft derer, die unter dessen Herrschaft lebten. Beides muss man unterscheiden. Niemand wird als Jude oder Christ geboren. Geboren wird man als Mensch. Zum Juden wird man danach erst gemacht. Die Ideologie bestimmt das Leben derer, die in ihren Machtbereich geraten; immer so weit, wie sie es jeweils kann. Der Judaismus behauptet, einzig legitimes Weltbild aller Menschen innerhalb des jüdischen Horizonts zu sein. Das spiegelt seinen totalitären Anspruch wider, der jede Alternative leugnet. Der Judaismus tut daher so, als sei er und der von ihm beherrschte Mensch als gottgewollte Einheit anzusehen. So verwischt er die Spuren seiner Machtergreifung. Wäre der Igel, die Ideologie der gleichgeschalteten Väter, nicht schlauer als der Hase, das vereinnahmte Kind, und gäbe es nicht genügend Antisemiten, deren boshafter Unverstand den Judaismus bestärkt, hätte der die größte Mühe, gegen Kritik aus den eigenen Reihen zu bestehen. Analog dazu ist vom "Christianismus" zu sprechen. Der Begriff "Christentum" ist ebenso Resultat eines ideologischen Übergriffs, der die Ergriffenen blendet. So wie es zum Wesen der mosaischen Idee gehörte, sich sämtlicher Israeliten zu bemächtigen, so versucht der Christianismus, ganze Völker seinem Machtbereich einzugliedern. Auch er tut so, als gehöre die Idee, die beherrscht und der, der beherrscht wird, zusammen wie Mutter und Kind. Tatsächlich sind sie Pferd und Reiter.

Wer sich klar macht, dass niemand als Jude oder Christ geboren wird, wird im ersten Grundsatz der Moral unerschütterlich sein: dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Mensch ist man unwiderruflich, Jude nur nebenbei. Menschsein ist Gotteswerk. Judesein ist Menschenwerk; indem man als Kind dazu gemacht wird oder sich selbst dazu erklärt. Der Judaismus stellt Menschenwerk über Gotteswerk. Er behauptet, erst das Judentum verleihe volles Daseinsrecht. Nicht-Juden blühe am Tag des Herrn die Vernichtung. Damit sät er Gewalt.

Antisemitismus und Kritik am Judaismus sind verschiedene Kategorien. Der Antisemitismus urteilt über die biologische Struktur konkreter Menschen. Über den Wert seiner Urteile braucht man nicht zu diskutieren. Im Gegensatz dazu interessiert sich die Kritik am Judaismus für die Folgen menschlicher Ideen; und für den Schaden, den ein Irrtum verursacht, wenn er verleugnet wird. Ideen sind nicht an Gene gebunden. Unabhängig von Rasse und Herkunft kann jeder Antisemit oder Judaist sein; je nachdem, welcher Idee er folgt. Der Antisemitismus hat sich antijudaistischer Argumente bedient. Aber nicht um die Menschenverachtung des Judaismus zu beklagen, sondern um die eigene zu verdecken. Dass die Kritik am Judaismus missbraucht werden kann, ändert aber nichts daran, dass sie zutrifft. Sogar der Judaismus selbst ist "antisemitischer" als die Kritik daran. Moses war nicht nur die biologische Qualität der Hebräer, sondern der Mensch überhaupt egal. Sein Mord an zigtausend Israeliten belegt, dass der Ernennung Israels zum "auserwählten Volk" keine Wertschätzung der Semiten entsprach. Die Menschenverachtung des Judaismus trifft daher Semiten genauso wie andere Völker auch. Wäre Moses Kanaaniter gewesen und hätte er es geschafft, sein Weltbild Kanaan aufzuzwingen, dann wären die Kanaaniter von der mosaischen Ideologie beherrscht. Den Hebräern hätten sie womöglich den Garaus gemacht. Für den Respekt vor Menschen und vor Gott sind nationale Unterschiede unbedeutend. Dem entsprechend sieht die Kritik am Judaismus die Juden keineswegs als Quelle des Schadens, den der Judaismus angerichtet hat. Für die Kritik am Judaismus sind sie sein intimstes Opfer. Daher gilt: Der Antisemitismus streitet mit dem Judaismus um die Macht. Die Kritik am Judaismus kämpft für Freiheit, Herz und Hirn.

Um dem Vorwurf vorzubeugen: Man riskiert keineswegs, Antisemitismus zu fördern, wenn man den Judaismus kritisiert. Im Gegenteil! Wegen der programmatischen Vereinnahmung der Juden durch "ihre" Ideologie traf die Ablehnung, die eigentlich dem Glauben gebührt, konkrete Menschen. Je mehr man die Kritik an einer Ideologie nämlich schwächt, desto mehr Unmut gegen die von ihr Vereinnahmten beschwört man herauf. Genau das gehörte zur Tragik des Abendlands: Der Christianismus hat durch seine Verwurzelung im Judaismus eine konsequente Kritik an der judaistischen Lehre verhindert. All seine Kritik blieb an der Oberfläche und machte dort viel Wind. Eine echte Kritik unterblieb, weil der Christianismus sich selbst damit ausgehebelt hätte. Zu allem Überfluss hat er den Verstand radikaler geopfert als sein geistiger Vater; weil man seiner Glaubenslogik erst recht nur folgen kann, wenn man das sacrificium intellectus (das Opfern des Verstandes) vollzogen hat. Der Übertrag des mosaischen Gottesbilds auf die außerhebräische Welt, die die christliche Sekte aus einer innerjüdischen Sackgasse heraus betrieb, führte so zu zweierlei: zu einem Bildungsdefizit der Christen im verstandesfeindlichen Kulturklima, das der Christianismus für seinen Bestand aufrecht erhielt, und zu einem Minderwertigkeitsgefühl gegenüber den "schlauen" Juden, die den Christen wegen der Verstandesfeindlichkeit ihrer Glaubensvariante intellektuell oft tatsächlich überlegen waren. So konnte dem Unbehagen, das Europa unter der Herrschaft judaistischer Ideen befiel, mit wachem Geist niemals konsequent begegnet werden und das Leiden am judaistischen Mythos verwandelte sich im Sumpf unverstandener Affekte in Judenhass. Juden wurden von Christen verfolgt, weil der christliche Glaube judaistisch ist und damit prinzipiell dazu neigt, alles Schlechte anderen anzudichten. Es gilt zu unterscheiden. Erstens: Juden sind Menschen, deren Wert so unantastbar wie der aller anderen ist. Die Kritik am Judaismus zweifelt nicht daran. Zweitens: Der Judaismus ist eine unmenschliche Lehre. Man muss ihr entschlossen begegnen. Obwohl das erste selbstverständlich ist, muss man es betonen. Um sie zu entkräften, wird der Judaismus nämlich jeder Kritik unterstellen, den Wert der Juden zu bezweifeln. Das tut sie aber nicht! Denn sie weiß: Menschlichkeit beruht stets auf der Annahme, dass alle menschlichen Wesen in allem Wesentlichen grundsätzlich gleich sind. Folglich kann es keine verfluchten Stämme geben, mit deren Ausrottung Gott ein Volk beauftragt. Wer sich selbst für Abel hält riskiert, dass sich sein Bruder in Kain verwandelt. Zu dieser Einsicht ist der Judaismus nur fähig, wenn er sich aufgibt. Das wird er niemals machen.

Heute halte ich alle biblischen Kulte für pseudoreligiös. Was religiös ist, kann ich nur im Ansatz sagen: Die Treue des Einzelnen zur Verbundenheit aller; denn wenn der Wurm in den Himmel schaut, sieht er keinen Geist, sondern der Geist sieht seine Sterne. "Religion" ist "Verbundenheit". Daher glaube ich keinesfalls an den Schwur auf ein Dogma, das irgendwen ausschließt, weil er ihm nicht folgen kann. Makkabäus hat schon darauf hingewiesen: Niemand kann entscheiden, was er wirklich glaubt. Also kann aus Unglaube keine Schuld entstehen. Die "Entscheidung" für ein Dogma ist moralisch bedeutungslos. Es mag sein, dass mancher wirklich glaubt, ich sei auferstanden. Das zu glauben ist aber kein Verdienst. Offenbarungskulte tun so, als sei es die entscheidende Pflicht, ihren Dogmen zu glauben. Dafür versprechen sie Lohn. Spirituell ist das Unsinn. Die meisten Gläubigen der jüdischen, christlichen und islamischen Welt haben sich ihren Glauben bloß eingebildet. Die Angst vor Repression war größer, als der Eifer, zu bestimmen, was man wirklich glaubt.

Moses wies das Ich in Schranken; aber mit dem falschen Ziel. Er hat es einem Plan gebeugt. Das war Politik. Religion will das Ich nicht beugen. Sie schickt es zu sich selbst. Das Ich ist der Ort, an dem Geist unmittelbar erfahrbar ist. Wer das Innere dem Äußeren beugt, hat ihn daher verraten. Da das Ich das ist, was Wahres erkennt, gibt es keinen religiösen Akt, bei dem ein Mensch zu Schaden käme. Echte Religion schützt das Subjekt bedingungslos. Anders sieht es die Bibel. Dort ist der Mensch Objekt des Himmels. Sähe die Bibel Gott im Menschen selbst, statt im Himmel, im Tempel und im Offenbarungszelt, könnte sie beim Kampf um Kanaan die Konkurrenz nicht aus dem Wege räumen. In der Folge kommt ihre Moral nicht über den Nutzen weniger hinaus.

Wahrheit wird nicht geglaubt. Sie wird erkannt; oder eben nicht. Zu glauben ist ein Manöver des Verstandes. Er bildet Hypothesen, wenn ihm etwas unklar ist. Er macht sich ein ungefähres Bild und im Wissen um die Ungewissheit glaubt er dann. Was die Bibelreligion als "Glaube" bezeichnet, verdreht die Dinge ganz. Dort leugnet der Glaube, ein Werkzeug des Verstandes zu sein und setzt sich ohne Recht an dessen Stelle. Er leugnet, dass die letzte Wahrheit nicht gefunden ist. Um das zu vertuschen, behauptet er das Gegenteil: dass sich ausgerechnet er - also das Ungewisse - über jeden Zweifel erhebt. Ein solcher Glaube ist eine Krankheit des Geistes.

Politischer "Glaube" sucht keine Wahrheit. Er ist taktischer Vorsatz. Verfolgt man den Sinn des Wortes bis zu seinem Ursprung, zeigt sich, dass "glauben" auch "gutheißen" meint. Man glaubt, was man gerne hätte. Moses hätte gerne Kanaan gehabt. Johannes wünschte sich einen Platz, von dem aus er "Frevler" brennen sieht. Moses glaubte, Gott will, dass er sich Kanaan holt. Johannes beschrieb das Jenseits als Tribüne eines Circus Maximus, von wo aus Sieger Besiegte leiden sehen.

Ich hätte gern, dass allem, was ist, Wahres innewohnt, damit nichts verloren geht. Ich glaube, dass es so ist. Das absolut Wahre ist nicht feststellbar. Es ist die Gestalt Gottes und bleibt das Ziel, um das sich der Glaube bemüht. Wer im Steinbruch Quader behaut, braucht sich nicht für den Bauherrn zu halten. Auch wer den Palast nicht übersieht, kann erkennen, ob der Quader, an dem er hämmert, gerade ist. "Quader" ist eins von vielen Bildern. Immerhin macht es klar, dass Wahrheit nicht erfunden wird. Sie wird in Stein geschrieben. Der eine behaut Quader, der andere Bögen und ein dritter Ornamente; je nachdem, was seinem Wesen mehr entspricht. Egal, woran er aber hämmert, er hat die Wahl zwischen Sorgfalt und Schlamperei. Lässt er fünf gerade sein, braucht er sich nicht zu wundern, wenn das Fundament nicht stimmt. Will man die eigene Form zur Meisterschaft bringen, damit sie im Bauwerk den Platz findet, an dem sie unverfälscht empfangen wird, muss man ihr treu sein. Es reicht nicht, wenn man sich bloß loyal verhält. Großes gelingt nur, wenn sich Kleines nicht beugt.

Subjektivität gibt es nur einmal. Daher schützt Religion das Subjekt bedingungslos. Gäbe es Subjektivität mehrfach, wären die "Subjektivitäten" für einander Objekt. Subjektivität ist unteilbar und unabgrenzbar. Wenn man sie dem Menschen zugesteht, muss, was subjektiv an ihm ist, wesensgleich mit seinem Schöpfer sein. Subjektivität beginnt weder mit der Geburt, noch endet sie mit dem Tod. Sie begegnet im Gegenüber immer auch sich selbst.

Es kommt vor, dass Ethik und Moral die selbe Antwort geben. Die Fragen, die sie stellen, sind jedoch verschieden. Die "Moral" spricht vom "starken Willen", die "Ethik" von der Treue zur "Eigenart". Ethisch ist ein Verhalten daher nicht, weil es einer Regel folgt, die ein Wille "gut" heißt. Ethisch ist ein Verhalten, wenn es mit der Eigenart dessen übereinstimmt, der es ausführt. Das biblische Gottesbild formuliert zwar eine Moral, da jeder sich dort dem Willen "Gottes" zu beugen hat, zu einer Ethik kommt man dadurch aber nicht. Zu einer Ethik kommt man nur, wenn man von der je eigenen Art ausgeht, in der Gott in einem selbst zum Ausdruck kommt. Es ist für den ganzen Baum entscheidend, ob es an der Wurzel heißt "Sei, der du bist", oder "Tue, was du sollst". Der Kernsatz des Samens bestimmt die Form aller Blätter. Es gibt eine Stelle in der Bibel:

2 Moses 3, 13-14:
Moses sprach zu Gott: "Wenn ich nun zu den Kindern Israels komme und zu ihnen spreche: 'Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt', und sie mich dann fragen werden: 'Wie heißt er?', was soll ich ihnen dann antworten?" Gott entgegnete dem Moses: "Ich bin, der ich bin!"

Das ist ein Bekenntnis zur Subjektivität. Der Glaube hat es verschwendet. Wenn man sich aufmacht, fremde Völker zu vernichten, kann man dem Menschen nicht zugestehen, Ausdruck jener Subjektivität zu sein, die von sich sagt: Ich bin, der ich bin. Dann muss man Gott in den Himmel versetzen, damit er von dort aus die Feinde verflucht. Dann wird er im Menschen verleugnet, weil die Führung dem Untertan das Recht abspricht, ihrer Willkür aus ebenbürtiger Autorität des Geistes heraus zu begegnen.

Das Bild vom entrückten Gott verhindert, dass man die Einheit mit dem Subjekt in sich selbst sucht. Das Individuum übersieht, dass es nicht nur ungeteilt, sondern auch unabgeteilt vom Ganzen ist. Es verbleibt in der Vereinzelung eines falsch verstandenen Daseins. Es ist nicht seit je her und für immer dabei, sondern von der Angst beherrscht, aussortiert zu werden. So wird es von sich und der Welt entfremdet. Nicht mehr das Subjektive in seiner Freiheit, seiner Neugier und seinem Schaffensdrang bestimmt sein Schicksal, sondern die Macht einer vermeintlich endgültigen Norm, die von oben herab entscheidet. Der mosaische Glaube zerschlägt nicht nur die spirituelle Einheit zwischen dem "auserwählten" Volk und seinen Gegnern, er zersplittert auch die Gemeinschaft der Gläubigen in ein Heer konkurrierender Egoismen. Der heimliche Gott der Bibel ist das verängstigte Ego, das zur Beschwichtigung seiner Ängste alles haben will. Ihre Moral versucht in der Folge, das Ego auf ein erträgliches Maß zu begrenzen und geht zuletzt soweit, seine Kreuzigung als Heilstat zu verkünden. Zum Zwecke der Macht betreibt der Kult Vereinzelung. Dann predigt er Gemeinsamkeit. Die Gläubigen suchen jedoch genau das Heil, das die Lehre ihnen vorenthält: dem Fluch des verängstigten Egos, dem Hunger nach Macht und Besitz, zu entkommen. Die Vertreibung aus dem Paradies fand nicht statt, weil der Mensch vom Baum der Erkenntnis aß, sondern, weil ihm der Glaube die Erkenntnis entzog, dass er mit allem je schon durch die eine Subjektivität hindurch verbunden ist. Damit sich sein Kult die Erde unterwirft, hat Moses die Gegenwart des Heiligen in der Welt verleugnet. Er hat es in den Himmel platziert, da nur das Entheiligte schuldfrei zum Untertanen degradiert und ausgerottet werden kann.

1 Moses 1,28:
...füllt die Erde und macht sie untertan...!

Hätte Moses Subjektivität als das unteilbar Eine angesehen, das jedem Geschöpf innewohnt, wäre das menschliche Sein und sein Wert nicht in Teile zerfallen. Das Bild vom entrückten Gott reißt den heiligen Pol der religiösen Beziehung aus der Subjektivität des Individuums heraus. Es verlegt ihn ideologisch nach irgendwo, praktisch in die Hand einer Obrigkeit, die ihren Menschenmissbrauch dergestalt rechtfertigt. Die religiöse Obrigkeit hat sich dort, wo sie Macht bekam, feudaler Strukturen bedient. Das biblische Gottesbild ist nur mit einer feudalen Gesellschaft vereinbar. Statt dass der Einzelne wert ist, indem er wahr ist, wird einem "Gottesvolk" ein kollektiver Wert durch die Willkür einer kosmischen Obrigkeit zugeordnet.

Römer 9, 22:
Wenn nun Gott, da er seinen Zorn zeigen...wollte, in großer Geduld Gefäße des Zorns ertrug, die bereitet waren für den Untergang und wenn er den Reichtum seiner Herrlichkeit zeigen wollte an den Gefäßen der Erbarmung, die er im voraus bereitet hat für die Herrlichkeit?

Dass eine Allmacht Gefäße töpfert, den vorherbestimmten Teil mit Lohn überschüttet und die zum Scheitern Verurteilten für eine Schuld zerschlägt, die nicht einmal sich selbst geschadet hat, ist ein Würfelspiel sinnloser Macht. In der Hölle landet der Frevler laut Römerbrief nicht, weil er frevelt, sondern weil er zum Freveln und zur Höllenfahrt geschaffen wurde, während der "Gerechte" vorherbestimmt den Himmel erbt. Gewiss: Die Heilsgeschichte hat sich bemüht, den Wert des Menschen zu betonen. Alle Betonung klingt jedoch halbherzig, denn das biblische Denken blieb auch nach mir im gewalttätigen Ansatz des Aufbruchs gefangen. Was mit dem Völkermord in Kanaan begann, endet in einer Welt, in der die Phantasie der Gewalt zur ewigen Ordnung erstarrt.

Offenbarung 19, 3:
Und abermals riefen sie (ein Chor im Himmel): "Alleluja"! Ihr Rauch steigt auf in alle Ewigkeit."

Der himmlische Chor ruft "Lobte den Herrn", weil der Rauch des brennenden Babylons auf ewig in den Himmel steigt. Erst brennt Sodom. Dann brennt Kanaan und zuletzt Babylon als Symbol einer ganzen Welt; der Welt nämlich, die nicht "Alleluja" ruft, wenn Kanaan brennt. Dass die Bibel in einer Gewaltphantasie endet, ist das Ergebnis einer Logik, die ihre Verirrung nie bereut. Johannes wünscht allen Mördern die Hölle.

Offenbarung 21, 7:
...den Mördern...wird ihr Anteil sein im See, der von Feuer und Schwefel brennt;

Aber auch er bleibt Moses treu und damit dem Credo, dass ein Mord, den man selbst begeht, keiner ist. Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten! Millionen haben sich in der Zwingburg des Glaubens bemüht, den Käfig zu läutern. Aber das geht nur begrenzt. Erklärte sich das Credo zu einer erdachten Tradition, die sich aus Irrtümern heraus entwickelt, könnte man den mosaischen Völkermord zu den Akten tun. Die Tradition sagt aber, Moses habe seine Morde im Auftrag ewiger Gerechtigkeit vollstreckt. Deshalb ist der Völkermord von damals zwar juristisch verjährt, für die Beurteilung der Moral hat er jedoch ebenso gut vor wie nach Auschwitz stattgefunden. Er entzieht sich jeder Relativität eines Zeitgeistes. Jüdischer, christlicher und islamischer Glaube behauptet bis heute, dass Völkermord gerecht sein kann. Auch ich habe das nicht in Zweifel gezogen. Im Gleichnis um Lazarus habe ich empfohlen, man solle sich an Moses und die Propheten halten. Es ist daher so: Einen Bibelglauben, der Völkermord als Mittel der Gerechtigkeit überzeugend verneint, kann es nicht geben; weil jeder Bibelglaube ein Sich-berufen auf Moses ist. Wer behauptet, der mosaische Völkermord war gottgefällig, Hitlers aber nicht, muss beides beweisen. Die moralische Empörung dessen, der gerechten Völkermord für denkbar hält, ist als Vorwurf gegen Hitler bedeutungslos. Er kann ihm nicht Völkermord vorwerfen, sondern bloß, dass er sich bei der Wahl der Opfer geirrt hat.

Es ist zwar so, dass Offenbarungskulte als historische Prozesse auch Vorteile brachten. Der römische Militarismus, der Kult um Muskelkraft, Kriegerehre und Heldentod, die Obszönität der Gladiatorenkämpfe: All das gehörte auf den Müllplatz der Geschichte; und wir haben dem Judaismus zu danken, dass er bei der Entsorgung mitgewirkt hat. Der Fortschritt historischer Prozesse ist aber keineswegs auf Willkür angewiesen. Im Gegenteil: Die Sehnsucht Europas nach Frieden, die sich im Getümmel antiker Gewalt dem Christentum anschloss, sah ihre Hoffnung enttäuscht. Heute ist kaum zu entscheiden, worunter die Menschheit mehr litt; unter Roms Eifer, Aufsässige ans Kreuz zu nageln oder unter der Macht der biblischen Sekten.

Die Zerstreuung der Juden hat dem Judaismus zwar das Land entzogen, nicht aber das Volk; und über "sein" Volk übt er große Macht aus. Dass es überhaupt Juden gibt, beweist, wie groß die Macht des Judaismus ist, denn er ist ein ideologisches System, das die Vereinnahmung des Individuums vorsätzlich betreibt. Von Generation zu Generation hat er Menschen Denkmuster "eingeschärft". Dazu brauchte er keinen Staat. Sein Programm funktioniert in der Diaspora. Dort sogar besonders gut. Denn das Sektierertum des Judaismus kommt seiner Erhaltung in der Diaspora entgegen. Solange es genügend Befremden zwischen Juden und Gojim gab, konnte der Glaube sicher sein, dass ihm die Schäfchen nicht wegliefen. Zwischen der Neigung des Judaismus, "sein Volk" von anderen fernzuhalten und dem Antisemitismus, der die Spaltung der Völker aus eigener Bosheit betrieb, gab es ein Wechselspiel. Es hat den Juden schreckliches Leid gebracht. Den Judaismus hat es gestärkt.

Wie der Christianismus ist auch der Judaismus eine Sekte. Das Wesen der Sekte ist nicht ihr Umfang. Das Wesen der Sekte ist die Abtrennung vom Umfeld. Es ist der Akt, mit dem sie sich zur Partei formiert und jede Sekte hält sich als Partei für elitär. Der Judaismus ist das Modell für alle Sektierer.

3 Moses 20, 24:
...Ich bin der Herr, euer Gott, der euch von den Völkern abgesondert hat!

Moses hat nie versucht, sich mit anderen zu einigen. Wozu auch? Die Auserwähltheit, das Besonders-sein und damit das Abgesondert-sein von anderen, ist eine so zentrale Idee des Judaismus, dass es einen Judaismus, der in einem Umfeld aufgeht, nicht geben kann. Juden haben sich niemals vollständig integriert. Besser gesagt: Dort, wo sie es taten, hörten sie auf, Juden zu sein. In zweiter Linie lag das daran, dass sich das jeweilige Umfeld sträubte. In erster ist es eine Auswirkung des Judaismus selbst. Das Auswählen ist ein "aus der Menge Heraus-wählen". Der Auserwählte verweigert die Integration, indem er an seine Rolle glaubt. Er besteht darauf, sich mehr auf eine spezielle Gruppe als auf deren Umfeld zu beziehen.

Der Christianismus versteht sich als umfassend. "Katholisch" heißt "allgemein". Aber warum? Doch bloß weil er die ethnische Grenze Israels übersprang. Das grundlegende Merkmal des Judaismus nahm er dabei mit: Sich als elitäre Gruppe zu verstehen, die sich im Alleinbesitz der Wahrheit wähnt und das Recht hat, die Welt zu beherrschen. Auch wenn der Christianismus sich für umfassend hält, kann er aus innerer Notwendigkeit heraus aber niemals alle umfassen. Wie jeder Judaismus braucht er etwas Fremdes, gegenüber dem er sich abgrenzen kann. Und er braucht etwas "Böses", das er beherrscht. In der Antike hatte er es dabei leicht. Da gab es noch eine heidnische Welt, gegenüber deren kultureller Vielfalt der Christ den Kontakt verweigern konnte.

2 Johannes 10-11:
Wenn einer...diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht auf in das Haus und sagt ihm auch nicht den Gruß;

Was passierte aber, als es kaum noch Heiden gab? Der Kampf gegen Ketzer begann. Das musste so kommen. Es ist eine Konsequenz des mosaischen Erbes. Der Bibelglaube entstand als theologisches Rüstzeug zum Völkermord. Dementsprechend wurden Fremde verteufelt. Ihr Gott war der "Beelzebub". Dieses Bild hat der Christianismus übernommen und als Ausdruck seines Erbes hat er eine Kosmologie erdacht, die in einem finalen Endkampf gegen das "Böse" gipfelt. Im ideologischen Fundament des Judaismus, dem Alten Testament, gibt es kein Konzept einer wechselseitig bejahenden Koexistenz zwischen dem Judaismus und irgendeiner anderen Kultur. Da der Bibelglaube etwas Fremdes nicht bejahen kann, kann er ohne das Fremde, das er verneint, gar nicht leben. Als dem Christentum am Ausgang der Antike mit den Heiden der Feind abhanden kam, es also "umfassend" wurde, spaltete es sich selbst. Es fand das "Böse" in der eigenen Mitte, damit es wieder etwas hatte, wogegen es sich abgrenzen konnte. Dem Schicksal, Sekte zu sein, sich also gegen etwas abzugrenzen, kann auch der Christianismus nicht entkommen. Als die islamische Gefahr dem Christentum einen neuen Feind bescherte, trat der Kampf gegen die Ketzer in den Hintergrund...und als der Bibelglaube vor den Moslems einigermaßen sicher war, kam die Reformation und mit ihr neues Blutvergießen. Und erst als die Seefahrt es der Christenheit in großem Stil erlaubte, die Welt mit Kolonialismus, Sklavenhandel und Völkermord zu überziehen, ließen die Glaubenskriege wieder nach. Die echt religiöse Gemeinschaft unterscheidet sich von der Sekte grundsätzlich. Echte Religiosität sucht Wahrheit. Sie fragt, was der andere über sie weiß. Sekten "besitzen" Wahrheit. Sie sagen dem anderen, wie er zu sein hat.

Nicht alles, was innerhalb des jüdisch-christlichen Kulturkreises geschah, war pseudoreligiös. Individualität drängt zur Verbindung; und zwar so grundsätzlich, dass der Impuls auch ungünstige Bedingungen durchbricht. Daher gab es Millionen Juden und Christen, die im Schatten unsinniger Dogmen Religiosität im besten Sinne versuchten. Das lag aber nicht an der Ideologie, die sie beherrschte. Es lag daran, dass der Geist spontan nach seinem Platz im Kosmos fragt und es der Ideologie trotz aller Schläue nie gelang, ihn völlig zu ersticken. Beispiele des Guten gibt es bei Juden und Christen folglich zuhauf. Nehmen wir Meister Eckhart! Eckhart schrieb: Wer Gott nur von fern wie durch ein Vermittelndes hindurch oder in einer Wolke erkennen würde, schon der würde sich selbst um den Preis dieser ganzen Welt nicht einen Augenblick mehr von Gott trennen. Das ist bemerkenswert. Denn damit leugnet Eckhart die Offenbarung und die theologische Bedeutung des Alten Testaments. Genau dort wird behauptet, dass Gott den Israeliten wiederholt erschienen sei; namentlich in Form einer Wolke. Und man liest, dass genau dieselben Israeliten gegen Moses und Jahwe murrten. Laut Eckhart war dort also kein Gott und die Kinder Midians sind zum Glück für alle frommen Menschen nicht seine Opfer.

Eckharts Leben belegt beispielhaft die aufgestellte Behauptung: Dass er sein Leben der Religion gewidmet hat, zeigt sein Aufstieg in Führungspositionen des Dominikanerordens. Dass er dabei Religiosität im besten Sinne gelebt hat, kann man aus seinen Schriften schließen. Und dass seine Religiosität im Schatten unsinniger Dogmen stand, zeigt der Ketzerprozess, den die Kirche 1326 gegen ihn betrieb, als sie Eckharts wachsenden Mut zum wahrem Glauben als Bedrohung ihrer Macht erkannte. Gewiss: Eckhart greift in seiner Lehre auf biblische Bilder zurück. War er deshalb aber Christ? Wohl kaum! Ein Christ kann unmöglich die Offenbarung leugnen. Was blieb Eckhart damals aber anderes übrig, als sich selbst für bibeltreu zu halten? Was blieb ihm übrig, als seine Lehre ins Gewand des einzigen Credos zu kleiden, für dessen Bekenntnis man nicht ermordet wurde? Ohne diesen Rückgriff hätte die Kirche ihn bereits beseitigt, bevor seine Religiosität im Schatten ihres Dogmas überhaupt herangewachsen wäre. Das zeigt der Ausgang seines Lebens. 1327 reist er zum Papst nach Avignon. Eine päpstliche Bulle verkündet zwei Jahre später, der verstorbene Eckhart habe seine Lehre widerrufen. Ob er eines natürlichen Todes gestorben ist oder ob jemand nachgeholfen hat, ist nicht bekannt. Auch nicht, ob er sich tatsächlich dem "apostolischen Stuhl unterworfen" hat.

Eine christliche Mystik hat es nie gegeben. Was es gab, war Mystik unter der Herrschaft des Christentums. Das Christentum selbst ist antimystisch und damit pseudoreligiös. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Johannes 14, 6). Das ist medialer Bibelkult. Mystik geht davon aus, dass der Kontakt des Einzelnen zu Gott unmittelbar in seiner Seele besteht. Aller Bibelglaube richtet sich notwendig nach dem, was die Israeliten unter Moses angeblich von Gott gefordert haben: Dass er nicht mehr unmittelbar zu ihnen spricht, sondern Propheten mit der Vermittlung beauftragt ( 2 Moses 20, 5 Moses 5, 5 Moses 18).

Lukas 16, 29:
Sie haben Moses und die Propheten, auf die sollen sie hören.

Kommen wir zur Bergpredigt! Die Bergpredigt beweist, dass ich Mensch war; weder Gottes Sohn noch Teil einer Dreifaltigkeit. Die Radikalität ihrer moralischen Forderungen ist nur im Hinblick auf einen speziellen Irrtum zu verstehen: die Naherwartung. Auch mein Gang zum Kreuz ist ohne Naherwartung unverständlich. Gerade sie hat sich jedoch als falsch erwiesen. Mit "Naherwartung" meine ich den damaligen Glauben, dass die Endzeit gekommen ist.

Matthäus 16, 28:
Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die hier stehen, sind einige, die den Tod nicht kosten werden, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reiche.

Matthäus 23, 36:
Dies alles wird kommen über dieses Geschlecht.

Matthäus 24, 34:
Wahrlich, ich sage euch: Nicht wird vergehen dieses Geschlecht, bis dies alles geschieht.

Markus 1, 15:
"Erfüllt ist die Zeit und genaht hat sich das Reich Gottes..."

Lukas 9, 27:
Ich sage euch in Wahrheit: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes schauen werden.

Thematisch hängen weitere Textstellen mit der Naherwartung zusammen.

Matthäus 6, 25-28:
Macht euch nicht Sorge für euer Leben, was ihr essen oder trinken, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet...Wer unter euch vermag mit seinen Sorgen seinem Lebensweg eine einzige Elle hinzuzufügen? Und was macht ihr euch Sorge um die Kleidung? Betrachtet die Lilien des Feldes...Sie arbeiten nicht und spinnen nicht...

Lukas 9, 62:
"Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurückschaut auf das, was hinter ihm liegt, ist tauglich für das Reich Gottes."

Lukas 12, 22-25:
Macht euch nicht Sorge um euer Leben, was ihr essen, noch...was ihr anziehen sollt...Betrachtet die Raben; sie sähen nicht, sie ernten nicht...Wer unter euch vermag mit seiner Sorge seinem Lebensweg eine einzige Elle hinzuzufügen?

Matthäus 10, 37:
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert.

Matthäus 19, 29:
Und jeder, der Häuser oder Brüder oder Schwester oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen verlassen hat, wird Hundertfältiges empfangen...

Lukas 14, 26:
"Wenn jemand zu mir kommt und er sagt sich nicht los von Vater und Mutter, Frau und Kindern...der kann nicht mein Jünger sein..."

Das macht nur Sinn, wenn das Ende der Geschichte gekommen ist. Nur dann braucht man sich um nichts mehr zu kümmern. Nur dann kann man durch Sorge dem Lebensweg keine Elle mehr hinzufügen. Mit einem Leben, das weiter geht, ist die Moral, die hier verkündet wird, unvereinbar. Für den, der Frau und Kinder hat, ist die Aufforderung der Bergpredigt, sie zu verlassen, um das Seelenheil zu suchen, absurd. Die Bergpredigt kann das Fundament eines Bettelordens sein, zur Grundlage einer ethisch ausgerichteten Gesellschaft taugt sie nicht, denn der Bettelorden braucht den Obolus derer, die der Bergpredigt nicht folgen und statt dessen die Äcker bestellen. Wollte man das Modell jedoch verallgemeinern, wäre das Ende der Geschichte tatsächlich gekommen; nicht, weil das Himmelreich beginnt, da endlich alle tun, was Gott gefällt, sondern weil der Nachwuchs verhungert. Im Unsinn der Verallgemeinerung liegt religiös gesehen auch das Problem. Die Verallgemeinerung ist keine Religion. Wenn sich der Einzelne seiner Überzeugung zur Verfügung stellt und damit aus der selben Subjektivität heraus handelt, die die Welt erschuf, hat das nichts mit irgendeinem Dachverband zu tun, der Gesetze zur Regelung seines Machtbereichs erlässt. Mit der Verallgemeinerung von Dogmen zur Leitschnur für alle hat man die Chance zur Religion erneut vertan und der Christianismus blieb im judaistischen Vorbild einer politischen Gesinnungsgemeinschaft stecken. Pragmatisch wie er in eigener Sache ist, hat er die Pflicht des gläubigen Laien, den Forderungen des erklärten Gottes tatsächlich zu folgen, denn auch verneint. So blieb den Bauern, die durchaus Hand an den Pflug legten, Schelte von Seiten ihrer christlichen Obrigkeit erspart. Von welchem Zehnten hätte sich die Obrigkeit nach der Messe auch den Bauch füllen sollen, wenn das Volk mich wirklich ernst genommen hätte? Zu guter Letzt wurden daher auch die Toten christlich beerdigt, obwohl das unter Berufung auf mich gar nicht geht. Ich war so vom Ende der Welt überzeugt, dass ich selbst die Beerdigung der Toten für Zeitverschwendung hielt.

Matthäus 8, 21-22:
Ein anderer von den Jüngern sagte zu ihm: "Herr, laß mich zuvor hingehen und meinen Vater begraben!" Jesus erwiderte ihm: "Folge mir nach und laß die Toten ihre Toten begraben!"

Mein Ziel war nie, einer künftigen Menschheit den Weg zu weisen. Meiner Meinung nach gab es keine Zukunft mehr, in der sich irgendwer bewähren müsste. Die Zeit der Bewährung war in meinen Augen vorbei. Wenn wir uns also darin einig sind, dass die Konsequenz, mit der ich für meine Überzeugung eintrat, jedem wahrhaft religiösen Menschen anzuraten ist, dann sollten wir uns auch eingestehen, dass es keinesfalls meine Absicht war, einer zukünftigen Menschheit Vorbild zu sein. Nachdem alles anders kam, als ich dachte, war für die Zwecke des Glaubens mein Menschsein aber nicht mehr gut genug. Sie haben mich zum Gott erklärt. Die Gesinnungsgemeinschaft brauchte keinen Jesusmenschen, der heroisch in die Irre ging. Sie brauchte einen Jesusgott; damit ihre Obrigkeit dem Volk einbleuen konnte, dass an ihr nicht gezweifelt werden darf.

Auch die anderen Forderungen der Bergpredigt, die im Imperativ der Feindesliebe gipfeln, machen nur Sinn, wenn das Ende der Welt gekommen ist. Nur wenn ich meine Kinder der unmittelbaren Ankunft Gottes überlassen kann, erübrigt sich die Frage, was zu tun ist, falls jemand dem einem etwas antat und er das andere bedroht. Dann kann ich denken...

Matthäus 5, 39:
...Wehrt euch nicht gegen den Bösen, sondern wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin!

...denn ich glaube, dass sich Gott unverzüglich um die Rettung kümmern wird. In Auschwitz und Midian kam es anders. Bis heute erstaunt mich die Dreistigkeit, mit der Christen mich für unzurechnungsfähig halten. Als wisse ein "Allwissender" nicht, dass keine Weisheit, keine Gerechtigkeit und keine Liebe es einer Menschheit, deren Generationenfolge weitergeht, empfehlen kann, Frau, Kinder oder Äcker zu verlassen, um sich als Lohn dafür hundertfältigen Gewinn zu sichern. Die christliche Kirche kann nur bestehen, solange sie ihren Gott entmündigt. Man kann die Bergpredigt als religiöse Metapher sehen. Man darf es aber nur, wenn man meine Botschaft als menschlich und damit vorläufig begreift. Erklärt man mich zum Gott, weil man mit mir die Welt beherrschen will, dann gilt meine Botschaft als vom Absoluten offenbart und man hat ihr wortgetreu zu folgen. Weil das mit dem Leben aber nicht vereinbar ist, hat der Terror des Glaubens dem Leben schwer geschadet. Sein Vernichtungsvorsatz sickerte unter einem jahrtausendelangen Diktat wie Regenwasser ins Erdreich Europas. An brüchigen Stellen quoll er aus dem Grund hervor.

Das Gebot der Nächstenliebe gehört zum Selbstverständnis von Christen und Juden. Bei den Christen gipfelt es im Aufruf zur Feindesliebe. Hillel, ein Schriftgelehrter meiner Zeit, wurde von einem Heiden aufgefordert, den Sinn des Judaismus zu erklären. Es heißt, er habe erklärt, die zentrale Botschaft des Judaismus sei Liebe, alles andere nur ein Kommentar. In Anbetracht des Völkermords an Kanaan ist zu vermuten, dass Hillel dem Heiden die Kehrseite der Liebesbotschaft verschwieg. Was die Christen betrifft, liest man bei Matthäus:

Matthäus 5, 43-48:
Ihr habt gehört, daß gesagt wurde: 'Du sollst deinen Nächsten lieben' (3 Moses 19,18: ...trage den Söhnen deines Volkes nichts nach, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst.). Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde...denn er (der Vater) läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute...Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr?...Seid also vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!

Richtig: Der biblische Gott läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute. Aber doch nicht, weil er den "Bösen" einen Wert beimisst, der sie am Tag der Rache rettet. Es heißt nicht: Liebt eure Feinde, weil auch sie dem Schöpfer teuer sind! Es heißt:...welchen Lohn habt ihr? Geliebt wird da nicht, damit die Liebe den Feind schützt. "Geliebt" wird, damit man ihn aus der Nähe Gottes, dem Quell allen Lohns, verdrängt. Und wohlgemerkt: Der Lohn, von dem ich spreche, wird erst nach dem Tag der Rache empfangen, also nach dem Zeitpunkt, an dem selbst die Schwangeren und Stillenden (Lukas 21, 20-24) der Feinde abzuschlachten sind. Ich hatte den Hass nicht überwunden. Ich hatte ihn für später aufgespart. Und ich dachte, dass das Später nicht mehr lange auf sich warten lässt.

Auch das Gebot der Feindesliebe ist nur vor dem Hintergrund der Naherwartung und als Ausdruck meines judaistischen Denkens verstehbar. Der Kollektivstruktur unserer Religion folgte die Idee, ich könne die Kollektivschuld Israels durch mein Martyrium tilgen und damit den Tag des Herrn erzwingen. Mein Aufruf zur Feindesliebe diente dabei einem klaren Zweck. Der Weg durch Galiläa hatte gezeigt, dass ich die Juden nicht zum Aufstand gegen Rom bewegen konnte. Daher setzte ich alles auf eine Karte. Ich war überzeugt, dass der Vater im Himmel dem Leiden eines Sohnes, der zum völligen Gehorsam bereit war, nicht tatenlos zusieht, wenn der Sohn zu Tode gequält wird. Da meine Predigt machtlos war, gab ich eigene Gewaltanwendung auf. Aber nicht weil ich ihr abschwor, sondern um eine himmlische Macht auf den Plan zu rufen, die die Welt mit einer apokalyptischen Welle von Gewalt überschwemmt. Eine wirkliche Liebe zum Feind empfand ich keineswegs. "Feindesliebe" war für mich ein taktischer Gewaltverzicht. Dass auch er nichts nützte, ist bekannt. Rom blieb in Judäa und ich fragte am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"

An nichts krankt das Verständnis der Botschaft beider biblischen Kulte mehr, als an der oberflächlichen Betrachtung des Gebots der Liebe. Moses sagte: "...trage den Söhnen deines Volkes nichts nach, sondern liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Dann, so darf man in literarischer Verkürzung behaupten, forderte er die Vernichtung ganzer Völker. Wusste er nicht, was er tat? Natürlich wusste er es. Sein Denken war gewiss nicht so konfus, wie das des braven Hillel. Moses wusste, dass der Sieg Israels nur erreichbar ist, wenn der Zwist zwischen den Sippen seines Volkes zugunsten eines geschlossenen Nationalgefühls ein Ende nimmt. Daher soll den Söhnen des eigenen Volkes nichts nachgetragen werden. Daher soll der Israelit seinen Nächsten lieben, wie sich selbst, während man gemeinsam den Gegner massakriert. Faktisch ist solch ein Gebot der Liebe und Massenmord kein Widerspruch. Mit dem "Nächsten" ist genau der gemeint, den das Wort auch benennt: Der, der mir am nächsten steht. Also der, der den Superlativ des Naheseins erfüllt. Offen bleibt zunächst, ob die Nähe genetisch, topographisch oder ideologisch gemeint ist. Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass Moses nicht sagt: Liebe den anderen wie dich selbst. Oder gar den Fremden. Das kam ihm nie in den Sinn. Als wäre die Einschränkung des Liebesgebots auf den nächsten Kreis der Umstehenden noch nicht genug, ging Moses voran, als es zu klären galt, ob nun die verwandtschaftliche oder die ideologische Nähe beim Liebesgebot wichtiger ist. Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten! Ist die Herrschaft bedroht, ist auch ein leiblicher Sohn oder Bruder nicht mehr nah genug, um vor dem Zugriff des Glaubens sicher zu sein. Also ist das Kriterium, das in den Augen des mosaischen Glaubens den Nächsten ausmacht, die Gleichheit der nationalreligiösen Gesinnung. Wer das Kriterium verfehlt, ist des Todes. Wird er nicht gleich umgebracht, dann eben später; wenn der Heiland kommt, am Tag des Herrn. So hoffte es der Glaube und er verkündet sein Recht durch den Mund der Propheten. Die Bergpredigt befasst sich mit dem christlichen Liebesgebot und der Feindesliebe.

Matthäus 5, 21-22:
Ihr habt gehört, daß gesagt wurde zu den Alten: 'Du sollst nicht töten'. Wer tötet, wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder zürnt, wird dem Gericht verfallen sein. Wer zu seinen Bruder sagt...Du Narr! wird der Feuerhölle verfallen sein.

Auch ich verstand "Bruder" nicht in dem Sinn, als wären alle Menschen Brüder. Wenn es Sünde ist, den Menschenbruder "Narr" zu nennen, wie dürfte ich dann meine Gegner beschimpfen, ohne selbst der Hölle zu verfallen?

Matthäus 7, 5:
Du Heuchler!

Matthäus 7, 6:
Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht vor die Schweine...

Matthäus 12, 34:
Ihr Schlangenbrut!

Matthäus 16, 23:
Satan!

Matthäus 23, 33:
Ihr Schlangen, ihr Natterngezücht...

Lukas 10, 19:
Seht, ich habe euch Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten...

Lukas 17, 37:
"Wo das Aas ist, da sammeln sich auch die Geier."

Wer Menschen als Heuchler, Schweine, Schlangen, Natterngezücht, Skorpione, Geier und Satan bezeichnet, klingt pharisäisch, wenn er fordert, Brüder nicht als Narren zu beschimpfen; es sei denn, er definiert den Nächsten und Bruder genauso wie seinerzeit Moses. So habe ich es auch getan. Alles andere macht keinen Sinn. Hätte ich selbst die Feindesliebe und den Aufruf, Beschimpfungen gegen jedermann zu unterlassen, auf den Menschen als Mensch bezogen, wäre mir meine Zunge zu einem Ärgernis geworden. Der Verbreitung meiner Botschaft hätte ein wesentliches Organ gefehlt:

Matthäus 18, 8:
Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dir zum Ärgernis wird, so haue ihn ab...

Wie schon für Moses waren auch für die Christen Konflikte auf Parteiebene unerwünscht. Da sollten alle nur mit einer Stimme sprechen. Außerdem: Wie verträgt sich das Gebot der Feindesliebe, das man schließlich einhalten soll, um vollkommen zu werden, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist, mit der Ankündigung, dass eben dieser Vater jedes seiner Geschöpfe foltern lässt, wenn es seinem Bruder nicht von Herzen verzeiht?

Matthäus 18, 34-35:
Voll Zorn übergab ihn sein Herr den Folterknechten, bis er die ganze Schuld bezahlt hätte. So wird auch mein himmlischer Vater mit euch verfahren, wenn ihr nicht, ein jeder seinem Bruder, von Herzen verzeiht.

Matthäus 5, 44-46:
...betet für sie, die euch verfolgen [und verleumden], auf dass ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet...denn wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr?

Es ist leicht Beten für den Feind, wenn man das Ende der Welt gekommen sieht. Warum sollte man ihn noch fürchten? Wenn man doch glaubt, dass der Rächer aus dem Himmel ihn in Kürze beim Schlafittchen packt! Dann kann man sich getrost auch auf die zweite Backe schlagen lassen. Bereits Paulus hat sich um Klärung bemüht, wie das christliche Gebot der Feindesliebe zu verstehen ist. Dabei wies er darauf hin, dass die Idee der "Feindesliebe" gar nicht so neu war, wie ich selbst glaubte. Der Judaismus hatte sich längst mit der Frage beschäftigt:

Sprüche 25, 21-22:
Wenn Hunger hat dein Feind, dann speise ihn mit Brot, und wenn ihn dürstet, tränke ihn mit Wasser! Denn Feuerkohlen häufst du auf sein Haupt, und auch der Herr wird es an dir vergelten.

Der Judaismus ist vom Liebesgebot nicht so überschminkt wie der Christianismus. Daher ist nicht überliefert, ob die Verfasser der Sprüche die Speisung der Feinde mit derselben Indolenz für ungeheuchelte Liebe hielten, wie es Paulus im Brief an die Römer tat.

Römer 12, 9-20:
Die Liebe sei ungeheuchelt...Segnet eure Verfolger..."wenn dein Feind hungert, gib ihm zu essen; wenn er dürstet, gib ihm zu trinken; denn tust du das, wirst du feurige Kohlen sammeln auf sein Haupt."

Ob der Feind, wenn er die Liebe des Christen annimmt, weiß, dass Paulus mit jedem Bissen, den der Gast genießt, den Berg feuriger Kohlen über dessen Haupt in liebevoller Häme wachsen sieht? Paulus ist die Logik unseres Glaubens voll bewusst. Er weiß: Es ist sogar das Ziel der Feindesliebe, dass man dem anderen damit schadet. Deshalb heißt es: ...gib ihm zu trinken; denn tust du das... Gib ihm zu trinken, damit ihn bald der Durst der Hölle quält! Der Römerbrief belegt, dass die "Feindesliebe" auch für das Urchristentum ein taktischer Gewaltverzicht war, der dem Feind den Untergang keineswegs ersparen will.

Meine Kindheit war kein Zuckerschlecken. Es gab Gerüchte...ach was, die Spatzen pfiffen von den Dächern, dass Josef nicht mein Vater war. In den Augen der Bigotten war ich Aussatz und Dirnenkind. Josef war ein braver Mann; aber ihm fehlte die Kraft, sich nicht für mich zu schämen. Wie oft hatte ich gehofft, dass mein wirklicher Vater kommt und mich aus der Verachtung rettet. Meiner Mutter gegenüber war ich zwiespältig. Ich liebte sie. Was hatte ich aber mit einem Weib zu schaffen, dessen Fehltritt mich in die Schande stieß? Diese Motive flossen in meiner Laufbahn zusammen. Als Außenseiter fühlte ich mich bei Außenseitern heimisch, bei Aussätzigen, Dirnen und Zöllnern, bei allem, was nicht zur feinen Gesellschaft gehörte. Und auch der Weg ans Kreuz wurde von diesen Motiven gebahnt. Weil ich mich gegenüber der Macht der Bigotten wehrlos fühlte und mich durch ihre Blindheit selbst nicht sah, gab ich den Versuch, mich zu behaupten, völlig auf. Wenn sich auf Erden kein wirklicher Vater zu mir bekannte, dann wollte ich der Gehorsamste aller Juden sein, damit mich der Vater im Himmel an Sohnesstatt annimmt. Was ich ersehnte, traf nicht ein. Ich war Abraham und Isaak in einer Person. Mein Vertrauen in den Vatergott, der im letzten Moment Isaak vor Abrahams Gehorsam schütze, wurde enttäuscht. Die Stimme aus den Wolken blieb aus. Mein Gehorsam brachte mich um.

Das Credo des Christianismus weicht vom Judaismus ab. Es behauptet, ich hätte das Ziel der mosaischen Offenbarung über den Horizont der Israeliten hinaus erweitert. Tatsächlich blieb ich dem jüdischen Glauben treu bis in den Tod. Die Evangelien belegen, dass ich eine Mission von Nichtjuden abgelehnt habe. Es stimmt zwar: Die Evangelien berichten auch das Gegenteil:

Matthäus 8, 11:
Viele werden von Osten und Westen kommen und sich zu Tische legen mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich, die Söhne des Reiches aber werden hinausgeworfen werden in die Finsternis...

Matthäus 16, 18-19:
Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen...Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben...

Johannes 4, 39:
Aus jener Stadt aber kamen viele von den Samaritern zum Glauben an ihn...

Das sind aber nachträgliche Zusätze im Dienste der christlichen Argumentation. Auch hier gilt: Textstellen sind um so eher authentisch, je mehr sie dem Credo widersprechen. Widersprüchliches wird kein Propagandist in die Überlieferung eingewoben haben, Passendes schon. Wenn Aussagen unvereinbar sind, stimmt, was der Darstellung der Machthaber widerspricht:

Matthäus 10, 5-7:
Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: "Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet nicht eine Stadt der Samariter, geht vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel!"...verkündet: Genaht hat sich das Reich des Himmels!

Matthäus 15, 22-27:
Und sieh, da kam einen kanaanäische Frau aus der dortigen Gegend und rief: "Erbarme dich meiner...Sohn Davids!...Meine Tochter wird arg von einem Dämon geplagt"...Da entgegnete er: "Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel." Sie aber fiel vor ihm nieder und sprach: "Herr, hilf mir!" Er antwortete: "Es ist nicht recht, das Brot der Kinder zu nehmen und es den jungen Hunden vorzuwerfen." Sie aber sprach: "Doch, Herr; denn auch die jungen Hunde fressen von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen"...Da antwortete Jesus: "Frau, groß ist dein Glaube...".

Lukas 24, 21:
Wir aber hofften, daß er es sei, der Israel erlösen würde. Aber nun ist seit all dem schon der dritte Tag, seit dies geschah.

Die Stelle bei Lukas ist besonders aufschlussreich. Es handelt sich um die Aussage zweier Jünger, denen ich nach meiner Kreuzigung und angeblichen Auferstehung inkognito begegnet sein soll. Offensichtlich ist ein Auftrag zur Heidenmission bis zu meinem Tod nicht erfolgt. Sonst hätte es die Hoffnung der Jünger sein müssen, dass nicht Israel, sondern die Menschheit erlöst würde. Mit der "Erlösung" Israels meinte der alttestamentarische Glaube, auf den ich mich berief, keineswegs, dass Israel sich in der Masse fremder Völker auflöst. Die Erlösung Israels ist sein Sieg über fremde Völker und ein Nationalstaat auf dem Boden Kanaans. Wenn Johannes also schreibt, ich habe Samariter missioniert, dann ist das eine Lüge.

Die Anekdote um die kanaanäische Frau (bei Markus 7, 25-28 ist es eine Hellenin) könnte man als Hinweis werten, mein Sendungsbewusstsein habe den jüdischen Horizont überschritten. Schließlich helfe ich der Frau, obwohl sie keine Jüdin ist! Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man meine nationale Gesinnung. Erstens vergleiche ich Nichtjuden mit "Hunden", während Juden als "Kinder" - wohlgemerkt Kinder Gottes - gelten. Da messe ich Menschen mit zweierlei Maß, und zwar nach ethnischen, nicht nach ethischen Kategorien. Zweitens stimmt mich erst die Unterwerfung der Frau unter meinen nationalistischen Anspruch milde. Ich lobe sie dafür, dass sie die Unterordnung ihres Volkes unter meines vorauseilend akzeptiert. Nichtjuden sind Hunde, denen jüdische Herren Brosamen überlassen, wenn sie gegen deren Anspruch, die Herren der Hunde zu sein, nicht aufbegehren. Die Kanaaniterin bestätigt den judaistischen Wahn vom auserwählten Herrenvolk. Das nannte ich einen "großen Glauben".

Über mein Verhältnis zu den Samaritern liegen widersprüchliche Darstellungen vor. Daran kann man sehen, wie sich die Kirchenpolitik historische Wahrheiten gefügig macht. Laut Matthäus (10, 5-7) habe ich die Einbeziehung der Samariter ausdrücklich abgelehnt. Bei Lukas steht es anders. Dort gehe ich mit meinen Jüngern zu den Samaritern. Nicht ich weise sie ab, sondern sie mich.

Lukas 9, 53-56:
Doch sie (die Samariter) nahmen sie nicht auf, weil sein Antlitz auf den Weg nach Jerusalem gerichtet war...(da) sagten Jakobus und Johannes: "Herr, willst du, daß wir sagen, es solle Feuer vom Himmel fallen und sie verzehren [wie auch Elias es tat]?" Er aber...verwies es ihnen streng [und sprach: "Der Menschensohn ist nicht gekommen, Menschenleben zu vernichten, sondern zu retten"].

Die Feindschaft des Judaismus gegenüber dem Jahwekult der Samariter ist in Lukas' Darstellung noch nicht herausgefiltert. Bei ihm wird die Gewaltbereitschaft der Jünger sichtbar, und lediglich durch den späteren Zusatz - der Menschensohn komme zum Retten - zurückgenommen. 20 Jahre danach beschreibt Johannes Missionserfolge (Johannes 4), die wir angeblich bei den Samaritern erzielten. So verwandelt sich die Darstellung historischer Ereignisse innerhalb weniger Jahrzehnte in ihr Gegenteil. Natürlich war die Gewalt meiner Anhänger, die gegen die Samariter zur Debatte stand, irdischer Natur. Oder glauben Sie, der angebliche Friedensfürst würde Jüngern die Macht verleihen, ganze Ortschaften mit magischen Kräften zu vernichten, wenn er dabei gewahr sein müsste, sie zurückzupfeifen, damit die Christenschar nicht Herrgott spielt? Die Gewaltbereitschaft der Jünger war echt. Die Behauptung, sie hätten dem Himmel befehlen können, Feuer zu speien, ist eine Propagandalüge.

Die Bewohner Samarias beriefen sich wie die Juden auf Jahwe und Abraham. Auch ihr heiliges Buch war die Thora. Sie wurden von den Judäern aber nicht als Juden anerkannt, weil sie der Vermischung mit Fremdvölkern entstammten, fremde Einflüsse zuließen, eigene Kultstätten hatten und daher als unrein galten. Als man sich nach meinem Tod daran machte, den israelitischen Horizont zu überschreiten, gehörten sie zu den ersten Adressaten. Bei ihnen war die Bereitschaft, einen anderen Judaismus als die Orthodoxie zu akzeptieren, längst gebahnt.

Im Gegensatz zu dem, was später Paulus betrieb, war mein Missionsgedanke aber alles andere als "katholisch". Nachdem klar war, dass mich das Gros der Juden nicht als Messias anerkannte, wurde mein Anspruch besonders elitär. Als jüdischer Fundamentalist war ich der Ansicht, Gott würde innerhalb des auserwählten Volkes, das sich als Ganzes "undankbar" erwiesen hatte, eine neue Wahl treffen; um die wirklich Auserwählten aus dem auserwählten Volk herauszufiltern. Ich predigte allen. Keineswegs aber in der Erwartung, sie damit zu retten! Insofern hatte ich den Glauben an das kollektive Heil des einstmals auserwählten Volkes aufgegeben.

Matthäus 7, 14:
Doch wie eng ist das Tor und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind es, die ihn finden.

Lukas 13, 23-24:
"Herr, sind es wenige, die gerettet werden?" Er sprach: "Müht euch, hineinzukommen durch die enge Pforte...viele werden hineinzukommen suchen und es nicht vermögen..."

Johannes 14, 6-12:
"Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.."...Phillipus sagte...: "Herr, zeige uns den Vater und es genügt uns." Jesus sprach..:"...du hast mich nicht erkannt...?...Wer an mich glaubt, wird auch selber die Werke tun, die ich tue..."

Errettet wird nur, wer die Werke tut, die ich angeblich selbst vollbringen konnte.

Matthäus 17, 20:
Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Geh von da weg dorthin!, und er wird weggehen, und nichts wird euch unmöglich sein.

Lukas 17, 6:
"Wenn ihr Glauben hättet wie ein Senfkorn groß, könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen: "Nimm deinen Wurzel heraus und verpflanze dich ins Meer!" Und er würde euch gehorchen.

Bisher hat niemand durch Glaubenskraft Berge versetzt oder Maulbeerbäume ins Meer verpflanzt. Also hat noch niemand so an mich geglaubt, wie ich es forderte. Da das jedoch unabdingbar zum Eintritt ins Himmelreich ist, war alles Betteln und Beten gemäß meiner Lehre seitdem für die Katz.

Johannes 3, 18:
Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

Das Credo, das sich auf mich beruft, verspricht einen Zugang zum Himmel, dessen Mühsal kaum zu erkennen ist: das schiere Bekenntnis zur christlichen Partei. Dieser Widerspruch ist ebenfalls ein Erbgut des Ursprungs. Von Anfang an war der Glaube von der Idee bestimmt, wenige seien dazu berufen, viele zu beherrschen. Wir alle wurden von diesem Denkmuster geprägt. Etwas anderes als eine Selektion Auserwählter aus einer Masse Wertloser konnte sich auch meine Theologie kaum vorstellen. Zum Erbgut der Väter gehörte aber auch der Kollektivcharakter des Bibelglaubens. Der Glaube war das Manifest einer Einheitspartei im Kampf um die Macht. Wie sollte die Einheitspartei aber mächtig werden, wenn sie keine Mitglieder fand? Moses konnte die Hebräer vom Start weg in den Judaismus prügeln. Die Gruppe um Paulus konnte das den Römern gegenüber nicht. Was lag also näher, als den Beitritt zu erleichtern?

Abgesehen davon stand die christliche Propaganda vor einer weiteren Frage: Wie erklärt man den Umworbenen, warum Christus, im Vollbesitz göttlichen Charismas und unter Aufbietung unglaublicher Wunder, so wenig Überzeugungskraft besaß. Ausgerechnet die, denen er persönlich begegnete, konnte er kaum je für sich gewinnen. Wenn ich kam, um Menschenleben zu retten, warum gelang mir das dann nicht? Ist eine Allmacht allmächtig, wenn sie am Unverstand irgendwelcher Leute scheitert? Entweder so ein Gottessohn hat wenig Macht. Warum sollte dann aber der, der keines seiner Wunder zu Gesicht bekam, mehr an ihn glauben als ein Augenzeuge? Oder die christliche Geschichtsschreibung findet eine Erklärung für die mangelnde Effizienz seiner Predigt. Das hat sie getan. Und da sich der Glaube einen Freibrief zur Verbreitung von Unfug ausgestellt hat, brauchte sich auch diese Erklärung nicht vor dem entmündigten Verstand zu fürchten. Im neutestamentären Denkens ist die Störrigkeit der vielen, die einst in die Hölle fahren, nicht die eigentliche Quelle ihres Unglücks. Christus selbst sorgt dafür, dass die meisten nicht errettet werden.

Wie man weiß, habe ich mich oft in Gleichnissen ausgedrückt. Warum? Weil dem Volk komplexe Tatbestände in bildhafter Sprache leichter zu verdeutlichen sind? Falsch! Zumindest nach Ansicht der biblischen Logik war es genauso gut umgekehrt. Erklärter Sinn der Predigten in Gleichnissen war es, nicht verstanden zu werden. Warum predigte ich dann? Weil ich fest an Prophezeites glaubte und längst gefasste Beschlüsse des Himmel vollzog. So erklärt es zumindest die Bibel. Es liefen mir Tausende zu. Wer kam, wurde nach der Predigt mit herbeigezauberter Nahrung versorgt:

Matthäus 14, 21:
Es waren derer, die gegessen hatten, etwa fünftausend Männer, Frauen und Kinder nicht gerechnet.

Die Predigt selbst diente jedoch nicht der Rettung des Volkes. Sie diente der Vollstreckung angeblich prophezeiter Ereignisse; was in einem Zug erklärt, warum auch Wunder nichts bewirken konnten.

Matthäus 13, 10-15:
"Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?"..."Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Himmelreiches zu verstehen, ihnen aber ist es nicht gegeben...Darum rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht hören noch verstehen. Es wird an ihnen die Weissagung des Isaias erfüllt...: 'Hinhören werdet ihr und doch nicht verstehen...Denn das Herz des Volkes ist verstockt, und sie hören schwer...und verschießen ihre Augen, damit sie nicht...mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, daß ich sie heile.'

Markus 4, 11-12:
...denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, auf daß sie...nicht verstehen...und sich nicht bekehren und nicht Vergebung finden.

Markus 4, 34:
Ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen; waren sie aber unter sich allein, erklärte er seinen Jüngern alles.

Selbst die Jünger wären in der Hölle gelandet, hätte ich sie nach der Predigt nicht über den Sinn meiner Reden aufgeklärt. Matthäus spielt auf eine Stelle bei Isaias an:

Isaias 6, 1-10:
Im Todesjahr des König Ussia (740 v.Chr.) sah ich den Herrn...und er sprach: "...rede zu diesem Volke da: Höret, höret, aber versteht es nicht; sehet, sehet, aber erkennt es nicht! Mache das Herz dieses Volkes verstockt...daß...sein Herz nicht zur Einsicht komme..."

Auch hier zeigt sich: Isaias hat keineswegs prophezeit, dass ein Messias einst unverständliche Gleichnisse spricht. Sein Bericht bezieht sich auf die eigene Person.

Die meisten Gleichnisse sind gut zu verstehen, manche von einer Weisheit, die problemlos bereichert. Wieso spricht Jesus in verhüllten Botschaften, wie die christliche Bibel es nennt? Wozu sollte ein Messias, der die Menschheit erlösen will, seine Erlösungsbotschaft so verschlüsseln, dass er nicht verstanden wird? Was steckt dahinter, wenn es heißt: "Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse...zu verstehen, ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird in Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen...( Matthäus 13)."

Natürlich waren meine Gleichnisse von je her geeignet, das Verständnis selbst derer zu erhöhen, die wenig davon haben. Mit dem Verstand war mir das klar und entsprechend Mühe gab ich mir, gute Vergleiche zu finden. Wenn man Unsinn glaubt, muss man aber auch Unsinn reden. Um zu verstehen, wie der Glaube auf die Idee kam, meine Gleichnisse dienten nicht nur dem Verständnis, sondern auch dem Gegenteil, muss man sich erneut die Logik des Vernichtungskriegs gegen Kanaan ins Gedächtnis rufen. Ein Glaube, der Krieg zu seinem Thema macht, denkt die Verlierer immer schon mit. Die christliche Kosmologie hat das mosaische Motiv einer Selektion der Menschheit ins Metaphysische vergrößert. Die Parteigenossen bekommen alles. Der Ausschuss landet zur Vernichtung im Lager. Wie für Moses, war auch für mich selbstverständlich, dass das Heil der Sieger von den Verlierern zu bezahlen war. Nichts nützt der Machtergreifung eines solchen Glaubens mehr, als dass er sein Urteil über "gut" und "böse" radikal vereinfacht. Auch ich hatte keine Vorstellung davon, wie schwer die Welt tatsächlich zu verstehen ist; und dass es verschiedene Wege geben kann, das Leben in Anstand zu meistern. Eine andere Erklärung, als dass eine abweichende Meinung Ausdruck des Bösen ist, kannte ich nicht. Folglich hielt ich alle, denen meine Sicht der himmlischen Gerechtigkeit nicht gegeben war, für jenen Ausschuss, der zur Hölle fährt. Und da der Vernichtungsglaube das Bild eines entrückten Gottes geschaffen hatte, dessen Allmacht alles vorherbestimmte, hatte ich auch eine Erklärung dafür, warum es der vermeintlich göttlichen Wahrheit an der Kraft fehlte, die erbärmliche Schwäche der Menschheit zu besiegen: weil die Allmacht es nicht anders vorgesehen hatte.

Dass es den einen gegeben ist und dass wer hat, noch mehr bekommt, entspricht der Logik meines Judaismus voll und ganz. Den einen ist etwas offenbart. Ihnen ist es gegeben: Kanaan zu besitzen oder die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen. Das Himmelreich ist ein kosmisches Kanaan, das den Erwählten zusteht. Den anderen ist nichts offenbart: Ihnen ist es nicht gegeben. Was sie haben, wird ihnen auch noch genommen. Die Logik des Anfangs beschrieb die Kanaaniter als von je her vernichtenswert. Niemand, der ihnen nehmen wollte, was sie besaßen, hat an diesem Dogma gerüttelt. Die selbe Logik war in meinem Kopf und die selbe Logik hat das Christentum gegründet. Deshalb ist vor meiner Predigt schon klar, dass die Vernichtenswerten keine Vergebung finden. Ein Mörder, der seine Schuld verleugnet, vergibt dem Opfer nicht, dass der Mord ihn schuldig macht.

Welche Verwirrung die Lehre in den Köpfen stiftet, kann man im Johannesevangelium bestaunen. Bei Matthäus, Markus und Lukas richtet sich der Unmut des Christianismus weit mehr gegen die Pharisäer als gegen die Juden an sich. Bei Johannes wird die Verteufelung der Juden als boshafte Spezies jedoch zum Gebot der Stunde. Grund ist folgender: Markus schrieb 65 nach Christus, also vor dem jüdischen Aufstand gegen Rom; Matthäus und Lukas im Jahre 70, also im gleichen Jahr, in dem der Aufstand zusammenbrach. Da die öffentliche Meinung vor Erfindung der technischen Kommunikation nur träge auf die Schockwellen der Ereignisse reagierte, verstanden sich die frühen Evangelien noch als Manifeste des fundamentalistischen Judaismus gegen die Untreue der Pharisäer. Als Johannes 90 nach Christus sein Evangelium schrieb, war man als Christ im römischen Reich jedoch gut beraten, die Abstammung des eigenen Glaubens vom judaistischen Vater zu leugnen. Deshalb liest sich das Evangelium des Johannes, was die Bewertung der Juden betrifft, als leide der Autor unter gespaltenem Irresein.

Johannes 5, 16:
Deshalb verfolgten die Juden Jesus...

Johannes 7, 1:
...denn er wollte nicht in Judäa umherwandern, da die Juden ihn zu töten suchten.

Johannes 7, 13:
Niemand aber redete offen von ihm, aus Furcht vor den Juden.

Obwohl in den übrigen Evangelien betont wird, wie viel Achtung und Zulauf Christus unter der jüdischen Bevölkerung genoss, erscheinen die Juden bei Johannes zunächst als geschlossene Phalanx der Boshaftigkeit. Dann räumt er ein, dass sie sich bezüglich meiner Person nicht einig waren:

Johannes 10, 19:
Wiederum kam es zu einer Spaltung unter den Juden...

Andernorts verheddert sich Johannes vollends. Er meint, ich selbst habe ausgerechnet jene Juden, die sich zu mir bekannten, für Söhne des Teufels gehalten.

Johannes 8, 31-44:
Da sprach Jesus zu den Juden, die sich gläubig zu ihm bekannten:..."...So aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der ich euch die Wahrheit sagte...Ihr stammt aus dem Teufel als Vater und wollt nach den Gelüsten eures Vaters tun. Dieser war ein Menschenmörder von Anbeginn..."

Zu guter Letzt meint er dann, selbst viele der Führenden (Juden!) hätten an mich geglaubt, obwohl dies wegen Isaias Prophezeiung gar nicht möglich war.

Johannes 12, 37-42:
Obwohl er so große Zeichen vor ihren Augen getan hatte, glaubten sie nicht an ihn...Deshalb konnten sie nicht glauben, weil Isaias ferner gesagt hat: "Er hat ihre Augen geblendet und ihr Herz verhärtet...Gleichwohl glaubten auch viele von den Führenden an ihn...

Etymologisch entstammt das Wort "Teufel" dem griechischen Verb "diaballein = durcheinanderwerfen". In diesem Sinne gibt es den Teufel tatsächlich. Er ist die Verwirrung in den Köpfen derer, denen das Dogma den Verstand verwirrt.



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