Cham
Weder Jude, Christ noch Moslem

Paulus

Ich habe das Christentum gegründet. Obwohl ich Jesus nie begegnet bin. Zunächst stand ich im Lager des traditionellen Judaismus.

Apostelgeschichte 22, 3:
"Ich bin ein Jude...unterrichtet...nach der Strenge des väterlichen Gesetzes..."

Apostelgeschichte 23, 6:
Ich bin ein Pharisäer, ein Sohn von Pharisäern.

Eine Kette von Ereignissen hat meine Treue zum rituellen Inventar des alten Glaubens jedoch gesprengt. All das stand mit der Nazoräersekte in Verbindung. Die Sekte der Nazoräer band sich nach der Kreuzigung Jesu durch das Gerücht der Auferstehung aneinander und glaubte an seine baldige Wiederkehr. Sie hatte ihr Hauptquartier in Jerusalem. Von dort aus kämpfte sie gegen die römischen Besatzer und das jüdische Establishment, das sich mit den Realitäten zu arrangieren versuchte. Wir Pharisäer gehörten zu jenem Flügel des Judentums, der dem Gesetz zwar grundsätzlich die Treue hielt, dem aber das Temperament zum heiligen Krieg gegen Rom ebenso abging wie die Bereitschaft, auf alle Weisheit im Umgang mit den Reizen fremder Kultur zu verzichten. Daher waren wir zu Kompromissen bereit; was ja auch nahe lag: Denn wir waren etabliert und hatten die Gemütlichkeit gewisser Arrangements mit dem Frevel zu verlieren. Die Eiferer, Zeloten, Sikarier und wie sie sonst noch hießen, warfen uns Abtrünnigkeit vor, zumindest Heuchelei im Umgang mit dem Gesetz. Bei manchen Pharisäern war die Kooperationsbereitschaft auch tatsächlich kaum noch von Verrat zu unterscheiden. Das muss man zugeben. Die Eiferer - heute heißen sie "ultraorthodox" - waren meist kleine Leute, häufig mit einem engen Bildungshorizont. Sie hielten sich mit ungleich größerer Entschlossenheit als wir an die Dogmen der nationalen Überlieferung. Ihr Nationalismus wurde durch die Besatzung stärker aufgestachelt als der unserige. Uns gelang es dank größerer Weltoffenheit besser, unser Selbstwertgefühl trotz nationaler Entmündigung durch Rom aufrechtzuerhalten. Am ärmeren Ende der jüdischen Welt war der Verlust nationaler Größe jedoch schwer zu ertragen, da die Identifikation mit der Auserwähltheitsphantasie für viele fast alles war, worauf sie stolz sein konnten. Der jüdische Nationalismus war untrennbar mit dem Judaismus verschmolzen. Der Judaismus war ein pseudospiritueller Nationalismus. So waren beide Motive für die Eiferer ihre einzige und heilige Sache. Ihr Nationalismus war für sie Religion und ihre Religion war nationalistisch. Da die Sekte der Nazoräer im Lager der Eiferer stand, war sie in den Augen der Pharisäer gefährlich. Ihre Radikalität untergrub die Kompromisse, die wir mit den Römern machten. Ich hatte die Aufgabe, die Aktivisten der Sekte dingfest zu machen. In diesem Sinne reiste ich umher; damals noch als "Saulus".

Ich war Spezialagent auf Terroristenjagd. Allerdings haderte ich mit meiner Rolle. Ich hatte zwar einen römischen Pass, war aber trotzdem kein Römer. Ich war Jude. Also war ich ein Jude, der Juden verfolgte; was dadurch, dass es im Einverständnis mit heidnischen Besatzern geschah, einen doppelt bitteren Beigeschmack bekam. Aber auch bei den Juden war ich nicht wirklich zuhause; weder bei den Pharisäern noch bei den Messianern. Als Jude war ich seit Geburt streng aufs Gesetz hin erzogen. Unterschwellig hatte ich den Zwang aber stets als Demütigung empfunden und der Glaube, dass ich dadurch "auserwählt" war, hatte nie ausgereicht, mein Schamgefühl zu dämpfen. Ich hatte mich dafür geschämt, in den Augen meines Vaters nicht mehr zu sein als irgendwer, der nach Altvätersitte normgerecht zu formen war. Nie hatte man mich des Rechts für würdig befunden, mich selbst für das Gesetz oder sonst eine Form des Umgangs mit dem Absoluten zu entscheiden. So war meine Bindung daran nur oberflächlich. Die Tradition war für mich eine Übermacht, die seit der Wiege nach mir griff und der ich mich einstweilen beugte, ohne je mit dem Herzen dahinter zu stehen. Also konnte ich weder der formalistischen Regeltreue der Pharisäer etwas abgewinnen, die eine Menge Spitzfindigkeit darauf verwandte, alles "richtig" zu tun ohne es richtig zu machen, noch dem Fanatismus der Zeloten, der zwar weniger geheuchelt, aber um so mehr Maske blinder Affekte war. Die Blindheit ihrer Affekte war mir erst Recht ein Gräuel; denn ich wollte jemand sein, dem gegenüber sich niemandes Hochmut erdreistet, von vornherein zu wissen, wie er zu denken, zu fühlen und zu leben hat. Solange ich gesetzestreu blieb, gelang mir das nur wütend. Meine Wut ließ ich an den Nazoräern aus, bis mich eine Vision aus dem Zwiespalt befreite.

Apostelgeschichte 22, 6-7:
Unterwegs aber, als ich mich Damaskus näherte, geschah es, daß zur Mittagsstunde mich plötzlich vom Himmel her ein helles Licht umstrahlte. Ich stürzte zu Boden und hörte eine Stimme...

Apostelgeschichte 26, 12-17:
Als ich aber...nach Damaskus zog, sah ich unterwegs, mitten am Tag...vom Himmel her ein Licht...hörte ich eine Stimme... :"...Ich bin Jesus...bewahren werde ich dich vor dem Volk und vor den Heiden, zu denen ich dich sende..."

Apostelgeschichte 22, 17-21:
Als ich wieder nach Jerusalem zurückkam und im Tempel betete, geschah es, daß ich in Verzückung kam und ihn sah, wie er zu mir sagte: "Eile...denn sie werden dein Zeugnis über mich nicht annehmen."...Er aber sagte zu mir: "Ziehe fort; denn zu den Heiden in der Ferne will ich dich senden."

Metaphorisch bin ich "Jesus" begegnet; allein schon, weil ich auf der Jagd nach seinen Komplizen mit seinem Anspruch in Berührung kam. Man darf die Dinge aber nicht wörtlich nehmen. Nicht Joshua als Person, die mich beauftragt, bin ich begegnet, sondern "Christus" als meiner eigenen Vision. Hätte ich aus einem Auftrag heraus gehandelt, könnte es niemals heißen:

Apostelgeschichte 13, 46:
Da traten ihnen Paulus und Barnabas freimütig entgegen und sagten: "Euch mußte zuerst das Wort Gottes verkündet werden; da ihr es aber zurückweist und euch nicht als würdig zeigt des ewigen Lebens, seht, so wenden wir uns nun den Heiden zu."

Apostelgeschichte 18, 5-6:
Nachdem Silas und Timotheus von Mazedonien herabgekommen waren, widmete sich Paulus ganz dem Worte und bezeugte den Juden, daß Jesus der Messias sei. Da sie aber sich dem widersetzten und in Lästerungen ausbrachen...sagte er zu ihnen: "Euer Blut komme über euer Haupt! Mit gutem Gewissen werde ich von nun an zu den Heiden gehen."

Ich missionierte die Heiden, weil die meisten Juden sich weigerten, dem Gesetz abzuschwören; so wie ich es vorschlug. Wenn mich Jesus zur Heidenmission berufen hätte, wäre es undenkbar, dass mein gutes Gewissen dazu erst aufkommt, nachdem ich mit meiner Predigt bei gesetzestreuen Juden gescheitert bin. Zumal er mir deren Widerstand angeblich angekündigt hatte. Anders ausgedrückt: Wenn Gott persönlich einen Auftrag erteilt und der Bote zögert aus schlechtem Gewissen, den Auftrag auszuführen, bis ihn Ärger vom Zweifel befreit, dann hat der sich Bote über Gott gestellt. Einen solchen Apostel hat nicht der Kontakt mit dem Absoluten geweckt. Was ihn zu den Heiden trieb, war gekränkte Eitelkeit und der Ehrgeiz, über andere zu bestimmen. Es ist zu hoffen, dass es der Allmacht in einer persönlichen Begegnung gelänge, einem Paulus von vorn herein ein gutes Gewissen mit auf den Weg zu geben, wenn der Seinszweck der göttlichen Schöpfung mit eschatologischem Gewicht am paulinischen Faden hängt!

Blut soll über die Häupter der Juden kommen. So drückte ich meine Hoffnung aus, dass göttliche Fügung sie umbringt; wie auch immer und durch wen auch immer. Durch den, den sich Gott als Werkzeug wählt. Falls Gott sich berufener Auftragskiller bedient, ermutigt das allerdings auch Mörder, die sich die Berufung nur einbilden. Wenn es bloß der Glaube ist, der einen solchen Gott behauptet, dann ist er es, der Mörder bestärkt.

Gesetzestreue Juden wiesen das Wort Gottes, wie ich es verkündet habe, zurück. Das zeigt der christlichen Partei, dass sie des ewigen Lebens nicht würdig sind. Ihre Existenz ist der flüchtige Vorspann eines verdienten Untergangs. Ich halte ja nun wirklich große Stücke auf mich. Trotzdem muss ich eingestehen, dass die moralische Verblödung, die der Offenbarungsglaube häufig nach sich zieht, mich damals fest in ihren Fängen hielt. Hätte ich nur eine Minute nachgedacht, wäre ich am Verstand dieses Gottes verzweifelt. Da wird einem Volk 1200 Jahre lang eingeschärft, das A & O aller Gerechtigkeit liege in der Treue zum Gesetz. Und dann kommt irgend so ein Paulus daher - ich darf so reden über mich - und verkündet das Gegenteil; ohne irgendeinen Beweis für den göttlichen Ursprung der Kehrtwende.

Kolosser 2, 16:
So sei denn niemand Richter über euch in Fragen von Speise und Trank oder bezüglich der Feier von Festen, Neumonden und Sabbaten.

Genau derselbe Gott, der dem braven Mann vom Stamme Levi das Heil durch den Mund aller Väter bisher für eine Gesetzestreue versprach, die sich durch nichts und niemand beirren lässt, wirft ihn nun in die Hölle, weil er Paulus' bloßer Behauptung nicht glaubt, dass die ewige Gerechtigkeit dasselbe Gesetz neuerdings für eine Klamotte hält. Wenn es der Himmel ist, der den braven Mann zunächst zum Sion schickt, um ihn zur Strafe dafür, dass er geht, von dort in den Abgrund zu stoßen, dann können wir diesen Himmel wirklich nur um Gnade bitten: dass er uns vor seiner Gerechtigkeit verschont.

Sie machen sich kein Bild, wie magisch die Menschheit in der Antike dachte. Hinter allem, was man heute als natürliches Phänomen versteht, sah man übernatürliche Kräfte am Werk. Man wusste es nicht besser. Selbst so mancher Grieche hatte Angst, im Buschwerk Pan persönlich zu begegnen, weil das hellenischem Glauben gemäß üble Folgen nach sich zog. Trotzdem bemühten die Griechen sich um nüchterne Erkenntnis. Wenn selbst sie aber kaum je etwas Wichtiges entschieden, ohne Delphi zu befragen, um wie viel mehr konnte in den Köpfen der jüdischen Welt dann etwas geschehen, das nicht durch denselben Gott veranlasst war, dessen Gesetz das Leben von der Wiege bis zur Bahre im Voraus bestimmte? Trotz Delphi gab es in Athen einen Markt, auf dem sich jeder auf eigene Ideen berufen konnte. In Jerusalem gab es so ein Forum nicht. Dort herrschte kein buntes Parlament von Göttern, die dank ihres Streits ein gewisses Gleichgewicht der Mächte in der Waage hielten. Dort stand über allem Denken Jahwe und seine theokratische Diktatur. In deren Augen galt jede Idee, die ein Individuum aus eigener Erkenntnis schöpfte, als absolutes Nichts; es sei denn, man berief sich nicht aufs eigene Denken, sondern auf einen Auftrag, den man von Gott persönlich erhalten hat. Menschen, deren Kreativität nicht völlig im Gehorsam erstickt war, deuteten daher die Begeisterung für eine eigene Idee zuweilen instinktiv als göttliche Vision; je nach Heftigkeit ihrer Gefühle begleitet von Empfindungen ungewöhnlicher Wucht, die die Gewissheit verfestigten, durch eine höhere Macht beauftragt zu sein. Die Abgebrühten benutzten den Wortschatz der göttlichen Berufung allerdings auch mit Kalkül. Vor diesen Fakten stand auch ich. Hätte ich als Auftraggeber meiner Sendung mich selbst genannt, wäre ich - trotz gleichen Inhalts der Idee - niemals damit durchgekommen. Man hätte mich vielleicht sogar gesteinigt.

Der Talmud besteht aus individuellen Positionen einzelner Gelehrter. Das heißt aber nicht, dass im judaistischen Lager je das Recht bestand, Meinung frei zu äußern. Diskutiert wurde viel, aber nur unter einer Bedingung: Dass man dabei nie den Dogmen widersprach. Die wesentlichen Fragen, die man hätte diskutieren müssen, blieben ausgespart: ob die Bibel den Willen Gottes offenbart, ob alle Weisheit, die je zu erkennen ist, darin zum Ausdruck kommt, ob es einen göttlichen Auftrag an Israel gegeben hat. Da das Alte Testament von Menschen ohne göttliche Führung geschrieben ist, ist es logisch keinesfalls schlüssig. Es wimmelt von Widersprüchen. Der Judaismus hat daher das Denken zwar erlaubt, aber nie soweit, dass man dabei seinen Machtanspruch in Frage stellt. So bezeugt der Talmud die Mühen der Gelehrten, alle Fragen des Lebens aus dem biblischen Horizont heraus zu klären. Nirgends findet sich aber eine konsequente Kritik an dem, was das Dogma als vermeintlich göttliche Gerechtigkeit vorgibt. In der Folge des Tabus spiegelt der Umfang des Talmud weniger den Reichtum der Bibel als ihre Denkverbote wider. Wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, verzettelt man sich bei seiner Benennung in tausend Details.

Mein Plan, mit einem reformierten Judaismus Fremdvölker zu bekehren, ging über die Vorgabe der Tradition hinaus. Wenn ich da gesagt hätte: "Ich hab' da so 'ne Idee...", hätte man mich im besten Fall für verrückt erklärt. Es gab also keine andere Möglichkeit, mir Gehör zu verschaffen, als mich genauso auf einen göttlichen Auftrag zu berufen, wie alle Israeliten seit Moses, die je über die Gemeinschaft bestimmten.

Die "Theokratie", die alles Wesentliche zu wissen meint und ihr Weltbild jedem aufzwingt, wertet die Originalität des Einzelnen radikal ab. Dessen Wunsch, als besonderes Selbst anerkannt zu werden, versteigt sich daher gehäuft in die großartigste Möglichkeit: der "Berufung durch Gott". Dann ist man mehr als bloß Erfüllungsgehilfe einer Norm. Man wird durch die höchste Instanz in wahre Auserwähltheit erhöht. Je mehr die leiblichen Väter ihre Söhne im Gottesstaat durch die Augen Abrahams sahen, desto weniger hatten die Isaaks das Gefühl, ihren wahren Vätern je begegnet zu sein. Die Sehnsucht, die wahre Person eines Vaters zu finden, ließ so manches Erleben am Rande der seelischen Normalität als Begegnung mit "Gottvater" persönlich erscheinen.

Es ist kein Zufall, dass die Wende meines Lebens auf dem Weg nach Damaskus kam. Ich stammte aus Tarsus. Ich hatte meine Kindheit in einer Welt verbracht, die nicht vollständig vom Judaismus geprägt war, sondern auch andere Einflüsse zuließ. In Judäa, wo ich als Parteigänger der Pharisäer auftrat, unterlag ich enger Kontrolle durch die religiöse Obrigkeit. Mein Unbehagen ließ ich zunächst an den Nazoräern aus. Das entsprach der Logik meiner Konflikte; wollten die Eiferer doch die Daumenschrauben der Orthodoxie noch fester ziehen. Der Auftrag, messianische Aktivisten außerhalb Judäas aufzuspüren und sie der römisch-pharisäischen Gerichtsbarkeit zu überstellen, führte mich von Jerusalem fort. Unterwegs atmete ich auf. Endlich weg aus dem Zentrum des Gesetzes! Endlich wieder mit Leuten reden, deren Denken sich nicht bis zum Haarespalten an Vorschriften hielt! Für mich war das eine Offenbarung. Mein Leben sollte nicht in der Enge Judäas nach der Vorschrift Beschnittener weiter beschnitten werden. Ich wollte frei sein vom Gesetz; egal, ob pharisäisch oder zelotisch interpretiert. Ich, Saulus, wollte mein Leben selbst bestimmen und zwar so gründlich, dass ich mir sogar einen neuen Namen gab. Da mich der Auftrag, Jesu Anhänger zu verfolgen, weg von Jerusalem führte, war es im übertragenen Sinne tatsächlich er, der mich aus dem Gesetz in die Freiheit berief. Also machte ich ihn zum Namenspatron meiner Idee und bot mich als Verbündeter der Nazoräer an. Ich wurde aber kein Anhänger Jesu. Da wäre ich vom Regen in die Traufe geraten, denn er hatte Anweisung gegeben, vom Gesetz kein Häkchen zu streichen. Das war wirklich nicht meine Sache. Dank meiner Führungskraft und da das Unbehagen an der jüdischen Kultur nicht alleine mich betraf, wurden etliche Nazoräer vielmehr Anhänger meiner Idee. Zuletzt führte das zu einer Spaltung der Sekte.

Apostelgeschichte 10, 28:
"Ihr wißt, daß es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Stammesfremden umzugehen oder bei ihm einzutreten;..."

Die jüdische Welt war bedrückend eng. Obwohl sich die Orthodoxie auch in Übersee gerne ins Ghetto zurückzog, um ungestört den Gral ihrer Hoffnung zu hüten, fehlte ihr dort die Macht, auch den Rand der Gemeinde zu steuern. In der Diaspora war es unmöglich, den Kontakt zu Stammesfremden zu unterbinden. So bekam man als Jude frische Luft. In Judäa war das anders. Dort konnte man keinen Schritt vom Wege gehen, ohne des Frevels verdächtig zu sein. Dort wetteiferten die verfeindeten Parteien Israels, sich gegenseitig Vorschriften zu machen. Dabei hatte jeder den Knüppel des "göttlichen" Willens zur Hand. So mancher Jude lebte deshalb lieber im Exil, denn die schiere Präsenz der Heiden machte ihm dort das Jüdischsein erträglich; zumindest solange der Antisemitismus nicht überhand nahm. Die jüdische Geschichte war die Geschichte des Übergriffs der Fundamentalisten auf die Gesamtheit "ihres" Volks. Und sie war die Geschichte des Versuchs der Gemäßigten, sich dem Diktat des Fanatismus zu entziehen. Jüdisches Leben war daher stets ein Balanceakt zwischen dem Machthunger des Glaubens und der Feindseligkeit der Judenhasser, und man darf getrost darüber spekulieren, ob die babylonische Gefangenschaft den Judaismus nicht aus jener Falle befreite, in die er stets gerät, wenn ihm die Feinde fehlen: dem eigenen Volk mit der Verbissenheit, die Welt auf sich zu reduzieren, dermaßen auf die Nerven zu gehen, dass es untereinander zu Mord und Totschlag kommt.

Apostelgeschichte 15, 10:
...was versucht ihr Gott und legt auf den Nacken der Jünger ein Joch, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?

Gemäß meinem doppelten Bedürfnis, sowohl dem vertrauten Judentum treu zu bleiben, als auch die Ketten dieser Treue zu lockern, behielt ich im Konzept meiner paulinischen Revolution die Grundstruktur des Judaismus bei und schnitt ihm die alten Zöpfe ab. Grundstruktur war die Idee der Zugehörigkeit zum Gottesvolk und der absolute Gehorsam unter Gottes irdische Vertreter. Alte Zöpfe waren Beschneidung, Speise- und Reinheitsregeln sowie alle Teile vom Gesetz, die der Rekrutierung von Anhängern unter den Nichtjuden im Wege standen.

Durch die Briefe des Neuen Testaments und die Apostelgeschichte zieht sich ein Richtungsstreit. Zwischen mir und Jakobus, dem Führer der Jünger in Jerusalem, bestanden Differenzen. Dabei ging es um die alten Zöpfe. Ich hatte erkannt, dass die nazoräische Bewegung ohne die Eroberung der heidnischen Welt eine Fußnote der jüdischen Geschichte bleibt. Einer Expansion standen aber die Gesetze von anno dazumal im Wege. Also mussten sie weg, besonders die Beschneidung und die Speiseregeln. Jakobus stellte sich dagegen. Verbal fand die Spaltung ihren Niederschlag in den biblischen Floskeln von der Gerechtigkeit durch Werke im Gegensatz zur Gerechtigkeit durch den Glauben. Als Werk galt die Einhaltung des Gesetzes, als Glaube, der Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu. Die Orthodoxen meinten, gerecht sei, wer beschnitten ist, die Sabbatruhe einhält, kein Schweinefleisch isst und Lämmer schächtet. Wir gaben vor, alle wesentliche Gerechtigkeit erfülle, wer sich zum Glauben an Jesu Himmelfahrt bekennt. Vergessen wir dabei aber nicht, dass zum Gesetz auch Regeln gehören, für die sich selbst ein Anarchist erwärmen könnte! Wir wollten nicht alle Gesetze abschaffen; bloß die spezifisch jüdischen, die jenseits der israelitischen Gottesbünde keine Bedeutung hatten. Gesetze, die das Töten, Stehlen, Rauben und Betrügen betrafen, standen weder bei den Juden, noch bei den Heiden oder Christen zur Debatte. Alle Gesellschaften waren damals wie heute auf ein Mindestmaß an Respekt vor diesen Regeln angewiesen. Selbst in den Piratennestern auf den Kykladen brachte man sich nicht einfach mal so um.

Römer 3, 28:
Denn wir sind der Überzeugung, daß der Mensch durch Glauben gerecht werde, ohne Zutun von Werken des Gesetzes.

Römer 4, 15:
Das Gesetz wirkt ja Strafe; wo aber kein Gesetz, da auch keine Übertretung.

Apostelgeschichte 10, 34:
..."Nun erkenne ich (Petrus) in Wahrheit, daß Gott nicht auf das Äußere sieht (die Beschneidung), sondern in jedem Volk bei ihm Aufnahme findet, wer ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt..."

Apostelgeschichte 15, 1:
Es kamen aber einige aus Judäa...und suchten die Brüder zu belehren: "Wenn ihr euch nicht beschneiden laßt nach dem Brauch des Moses, könnt ihr das Heil nicht erlangen."

1 Korinther 10, 25:
Alles, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird, das esset...

Galater 5 1-5:
...laßt euch nicht wieder unter das Joch einer Knechtschaft bringen! Seht, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, wird Christus euch nichts nützen...Er (der sich beschneiden läßt) wird schuldig, das ganze Gesetz zu halten...Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung etwas noch Unbeschnittensein.

Jakobus 2, 21:
Wurde Abraham, unser Vater, nicht auf Grund von Werken als gerecht anerkannt, da er "seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte"?

Was Christentum und Judaismus unterscheidet, sind jene Regeln, um die hier gestritten wird. Es sind Regeln, die zwar als Flaggenfarbe dienen, deren Nutzen für eine moralische Ordnung aber kaum erkennbar ist. Schwein oder Lamm, Beschneidung oder nicht, Wunderglaube oder Normverhalten, Sabbat oder Sonntag? Macht das einen Menschen besser? Was an sinnvoller Moral bei beiden Bekenntnissen übrigbleibt, stand nicht zur Diskussion und wer die Antike kennt, weiß, dass der moralische Gehalt der Zehn Gebote gewiss nicht erst Moses offenbart worden ist. Was die beiden Bekenntnisse aber vereint, ist der Glaube, dass Gott den Standpunkt der "richtigen" Partei für so anspruchsberechtigt hält, dass er deren Parteigänger grenzenlos erhöhen und den Rest der Menschheit vernichten wird.

Offenbarung 11, 17-18:
"Wir danken dir, Herr, Gott, Allherrscher, der ist und der war [und der kommt], daß du deine große Macht ergriffen und angetreten hast deine Herrschaft...da kam dein strafender Zorn und die Stunde...zur Belohnung für deinen Knechte...und zur Vernichtung derer, die die Erde verderben."

Weisheit 4, 19:
...Bis aufs Äußerste werden sie (die Gottlosen) verwüstet; sie werden sich in Qualen winden...

1 Korinther 4, 6:
Dies nun, Brüder, habe ich...gesagt um euretwillen, daß ihr an uns einsehen lernt, nicht hinauszugehen über das, was geschrieben ist...

Angeblich ging ich nicht über das hinaus, was geschrieben steht. Das ist natürlich falsch. Nehmen wir das Thema "Schweinefleisch"! Ich empfehle, alles zu essen, was auf dem Fleischmarkt verkauft wird. Wie aber sprach Gott angeblich durch Isaias' Mund?

Isaias 65, 4-6:
...sie essen Schweinefleisch...Diese sind in meiner Nase nur Rauch, Feuer, das immerfort lodert!...Schweigen will ich erst nach der Vergeltung...

Streng gesehen hatte die Gruppe um Jakobus Recht; wenn denn der Erfolg davon abhinge, sich an "Heilige Schriften" zu halten. Der Triumph meines Konzepts zeigt jedoch, dass Respekt vor heiligen Büchern für den Erfolg irdischer Angelegenheiten nicht vonnöten ist. So schlug ich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ich löste mein persönliches Dilemma, mich vom Judentum beengt zu fühlen, und das Konzept einer Ausweitung der mosaischen Theologie vom See Genezareth ins Mittelmeer erwies sich als goldener Griff. Noch heute bin ich dem Schicksal dankbar, dass es mir den Weg in die Weltgeschichte wies. Als Ausdruck meines Danks verzeihe ich ihr, dass sie das Christentum nicht Paulismus nennt.

1 Korinther 4, 15-16:
Denn hättet ihr auch zehntausend Lehrmeister in Christus, so doch nicht viele Väter; in Christus Jesus nämlich habe ich euch durch das Evangelium gezeugt. Ich bitte euch daher: Werdet meine Nachahmer [, wie auch ich Christi Nachahmer bin]!

Gott schenkt dem Menschen Leben. Nun gut. Das ewige Leben beginnt aber erst mit meiner Vaterschaft und ich bezweifle überhaupt, ob Jesus mit mir klar gekommen wäre.

1 Korinther 7, 7:
Ich wünschte, alle Menschen wären wie ich selbst.

Wenn er anders war als ich, entsprach er jedenfalls nicht meinen Wünschen. Außerdem verbitte ich mir nachträgliche Zusätze in Originaltexte aus meiner Feder. Wenn Nachkömmlinge meinen, dass in eckige Klammern Altkluges passt, um meinen Ehrgeiz zu bemänteln, so verweise ich auf ein Sprichwort aus der guten alten Zeit: Den Ochsen ist nicht das gleiche wie Jupiter erlaubt. Ich habe geschrieben "Werdet meine Nachahmer"!, keineswegs: "wie auch ich Christi Nachahmer bin". Wenn ich den Lümmel erwische, der in meinen Briefen herumpfuscht, wird er sich wünschen, bereits in der Hölle zu sein. Wie kann das Werk eines Vollkommenen einer Verbesserung bedürfen?

Philipper 3, 14-15:
Das Ziel vor mir, jage ich nach dem Siegespreis der himmlischen Berufung...Die wir also vollkommen sind, laßt uns darauf sinnen...

2 Timotheus 4, 8:
Nun liegt mir bereit der Kranz der Gerechtigkeit, den mir überreichen wird der Herr an jenem Tag...

1 Korinther 4, 1-5:
So halte man uns für...Verwalter der Geheimnisse Gottes. Unter Verwaltern ist man zwar sonst darauf bedacht, daß einer als treu erfunden werde. Mir aber kommt es gar wenig darauf an, von euch gerichtet zu werden...ja nicht einmal selber richte ich mich...Richtet daher über nichts vor der Zeit, ehe der Herr kommt...

Zwischen der christlichen Predigt der Demut und dem Vorbild, das der Apostel der Demut gab, besteht eine Kluft. Da es lebensgefährlich war, meine Bitte um Nachahmung auszuschlagen, hat sich der Geist eines ganzen Kontinents daran gewöhnt, zwischen "frech" und "fromm" keinen Unterschied zu sehen. Das Schicksal Europas wurde von einem Credo geprägt, das sich zwar zum Richter der Moral erklärt, dessen Begründer durch sein Vorbild aber ausgerechnet die Moral der Obrigkeit der Beurteilung enthob. Die Messlatte der christlichen Demut wurde zuletzt an meiner Herrlichkeit geeicht. Ab dann legte der Zufall den Meter entsprechend der Launen meiner Nachfolger fest. Ich hätte "Christus" auch dann gepredigt, wenn ihn das Gerücht nach seinem Tod direkt ins Jenseits hätte fahren lassen. Die Legende von Jesu irdischer Auferstehung war jedoch das Dogma der Nazoräer, weil ein neues Wunder nötig war, damit sie nicht kopflos auseinander liefen.

Apostelgeschichte 10, 40-41:
Ihn hat Gott auferweckt...und ihn sichtbar werden lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern uns, den von Gott vorherbestimmten Zeugen...

1 Korinther 15, 5-6:
Er erschien dem Kephas (=Petrus) und danach den Zwölfen. Hierauf erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich.

Also habe ich das Dogma zum Fahneneid des Christentums erklärt. Wenn das ganze Heil des Menschen aber davon abhängt, dass er an die Auferstehung Jesu glaubt, warum hat der "Auferstandene" sich dann nur Auserwählten offenbart? Damit sie sich abmühen, Ungläubige von dem zu überzeugen, was Augenschein bewiesen hätte? Warum sollte Gott wollen, dass der Mensch ausgerechnet das für wahr hält, was andere ihm beteuern, statt das, was er selbst erkennt? Warum sollte er das Rettungswerk an Milliarden der Kunst fehlbarer Missionare überlassen, wenn die Allmacht gewiss tausend bessere Wege weiß? Auch von daher ist das Christentum keine Religion: Statt an Gott, hängt sein Glaube an den Lippen einer selbsternannten Geistlichkeit. Gott ist dabei nur Kulisse.

Schon der Judaismus erfand eine Erklärung, warum Gott sich nur Berufspropheten offenbart: weil das Volk den Verzicht auf spirituelle Kontakte beantragt hat und Gott in Fragen von kosmischer Bedeutung zuweilen Plebisziten folgt. Auch wir fanden eine Antwort auf ähnliche Fragen: Gott hatte den auferstandenen Sohn eben nur vorherbestimmten Zeugen sichtbar werden lassen. Warum er tat, was Milliarden in die Hölle brachte, blieb sein Geheimnis und das seiner Verwalter, die die Rätselhaftigkeit göttlicher Pläne des Problems enthob, die Barbarei ihrer Lehre zu erklären.

2 Thessalonicher 1, 6-10:
Es ist ja gerecht von Gott, daß er euren Bedrängern mit Drangsal...vergelte...wenn...Jesus sich offenbaren wird...in Feuerflammen und Vergeltung übt an denen, die Gott nicht kennen und sich nicht beugen dem Evangelium...Sie werden bestraft werden mit ewigem Verderben...wenn er kommt, um...verherrlicht...und bewundert zu werden...

Der auferstandene Jesus machte sich zwar rar, wehe aber denen, die sich bis dahin nicht beugen dem Evangelium, wenn derselbe Heilsbringer sich ihnen als apokalyptisches Wunder doch noch offenbart. Dann liefert der Gott der Liebe sie dem Satan aus und das Lamm lauscht dem Gesang der Schreie, die aus dem Rauch der Gerechtigkeit zu ihm dringen.

Offenbarung 14, 10-11:
...und er wird gepeinigt werden in Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch von ihrer Qual wird aufsteigen in alle Ewigkeit...

Offenbarung 2, 26-27:
Dem Sieger...werde ich Macht geben...und er wird...herrschen mit eisernem Stab...

Offenbarung 14, 20:
Und die Kelter wurde getreten außerhalb der Stadt, und es floß Blut aus der Kelter bis hinan zu den Zügeln der Pferde, sechzehnhundert Stadien weit.

So zieht ein roter Faden durch den Geist der Bibel: Dass das Heil der einen den Tod anderer bedeutet. Es ist die Mythologie des gerechten Raubüberfalls, die das aufgeklärte Abendland im Umgang mit der Schöpfung auch 600 Jahre nach Petrarca kaum abgeschüttelt hat. Wenn die Wunder, die man Jesus in den Evangelien zugute hält, Wahrheit wären, hätten die Jünger, die all das mit eigenen Augen sahen, nie daran gezweifelt, dass er auferstanden ist. Haben sie aber.

Markus 16, 11:
Doch als diese hörten, daß er lebe und von ihr gesehen worden sei, glaubten sie es nicht.

Lukas 24, 11:
Doch denen erschienen diese Worte als leeres Gerede, und sie glaubten ihnen nicht.

Wohlgemerkt! Wer da nicht an die Auferstehung glaubte, waren Jünger Jesu, denen er die Auferstehung angeblich angekündigt hatte.

Johannes 15, 15:
...weil ich alles, was ich von meinem Vater hörte, euch kundgetan habe.

Warum sollten Augenzeugen, die sahen, wie Jesus Wasser in Wein verwandelte, Brotlaibe vertausendfachte, übers Wasser ging, dem Sturm zu schweigen befahl, Blinde, Lahme, Taube, Besessene und Aussätzige durch Wunderkraft heilte und verwesende Leichen zum Leben erweckte...

Johannes 11, 39:
"Herr, er riecht schon, denn er liegt schon vier Tage."

...daran zweifeln, dass ein solcher Wundertäter, wie angekündigt, seinerseits von den Toten aufersteht? Die Jünger hätten überrascht sein müssen, wenn er's nicht tut. Die Bücher Moses strotzen derart von Klagen darüber, dass es jener Generation der Israeliten, die seine angebliche Wunderkraft miterlebte, partout am rechten Glauben fehlte, dass das Echo der Klage noch 800 Jahre später im Buch Nehemia zu hören war.

Nehemia 9, 17:
Sie weigerten sich, zu gehorchen...sie verhärteten ihren Nacken und wollten starrköpfig in ihre Sklaverei nach Ägypten zurückkehren.

Ähnlich verhält sich die unmittelbare Umgebung Jesu. Ausgerechnet die vieltausendköpfige Schar der Augenzeugen kommt nicht über flüchtige Sensationslust hinaus. Da haben Zigtausende Wunder mitangesehen, zum Schluss rufen sie aber im Chor: Kreuzigt ihn! und, als hätte der Dämon einer unreflektierten Reumütigkeit sie verhext, heißt es sogar wie abgesprochen:

Matthäus 27, 25:
Das ganze Volk aber rief als Antwort: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!"

Kein Volk verlangt den Tod eines Wundertäters unisono und fordert im gleichen Atemzug, dass ihm die Untat mit dem Tod vergolten wird. Die Welt ist gefährlich, die Sehnsucht nach Geborgenheit groß. In der Angst glaubt der Mensch Unsinn, sobald man ihm himmlische Sicherheit für irdischen Dienst verspricht. Es ist allerdings leichter, Unsinn zu glauben, wenn die eigenen Sinne dabei nicht im Wege stehen. Solange die Israeliten Moses noch vor sich sahen, fiel es ihnen schwer, zu übersehen, dass es mit dessen Wunderkraft nicht weit her war. Daher musste dieser Generation der Glaube mit mehr Waffengewalt eingetrichtert werden, als späteren. Denen konnte man die Angst von Kindesbeinen an einjagen. Erst als Moses tot war, machte die Propaganda aus dem Haudegen einen mythischen Boten Gottes. Wunder, deren Ausbleiben man nicht selbst zur Kenntnis nehmen muss, glauben sich im Nachhinein viel leichter. Das Problem war auch uns bekannt. Daher verraten uns die Evangelien...

Matthäus 13, 58:
Und er wirkte dort (in Nazareth) nicht viele Wunder, ihres Unglaubens wegen.

Markus 6, 4-5:
"Ein Prophet ist nirgends so wenig geachtet wie in seiner Vaterstadt, bei seinen Verwandten und in seinem Hause." Und er konnte dort keine Wunder wirken...

Da man Jesus in seinem Heimatdorf schon kannte, als der Bub am liebsten Nachtisch aß, fehlte es dort erst recht an jenem Glauben, den die messianische Wunderkraft zur Entfaltung braucht. Die Skepsis der Verwandtschaft war so stark, dass selbst die Allmacht keine Wunder wirken konnte. Wird er unbefangen angewandt, entmachtet der Verstand von Dörflern jeden Bibelgott. Was Petrus' Wunderkraft betrifft, versichere ich, dass ich davon niemals etwas mitbekommen habe.

Apostelgeschichte 5, 15-16:
Ja, man trug sogar die Kranken auf die Gassen und legte sie auf Betten und Tragbahren, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen falle. Es kam ..das Volk...in Menge...und brachte Kranke...die alle Heilung fanden.

Bereits die Evangelien schreiben den Aposteln magische Kräfte zur Heilung von Kranken zu. Darüber hinaus seien sie fähig gewesen, himmlischen Feuern zu befehlen (Lukas 9, 53-56). Könnte ein Mensch, der solche Kräfte in sich trägt, so feige sein wie Petrus?

Matthäus 26, 34:
In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Galater 2, 12-13:
...bevor einige aus dem Kreis um Jakobus kamen, aß er (Petrus) zusammen mit den Heiden; als aber jene kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab aus Furcht von denen aus der Beschneidung. Und es verstellten sich mit ihm auch die übrigen Juden, so daß selbst Barnabas mit hineingezogen wurde in ihre Heuchelei.

Die Stelle im Galaterbrief bezieht sich auf den Streit um die Tischgemeinschaft von Juden und Heiden. In Antiochia aß Petrus mit Heiden. Als Vertraute Jakobus' kamen, wollte er das vertuschen. Zwischen dem Tag, als der Hahn krähte und dem, als er vor Jakobus' Leuten sein Mahl mit Nichtjuden verbarg, liegen 25 Jahre. Offensichtlich wagte er nicht, vor dem Führer der Nazoräersekte für die Aufhebung der Speiseriten einzustehen; obwohl er vorher göttliche Weisung dazu empfangen haben soll.

Apostelgeschichte 10, 11-15:
Er sah den Himmel offenstehen...und eine Stimme richtete sich an ihn: "Steh auf Petrus, schlachte und iß!"..."Was Gott rein gemacht hat, sollst du nicht unrein nennen."

Petrus fürchtete Jakobus mehr als Gott. Ein solcher Mangel an Rückgrat wäre bei einem Menschen, der dem Heiligen derart geweiht ist, dass bereits sein Schatten Kranke heilt, kaum zu glauben. Wenn das Christentum zu seiner Gründung auf Petrus hätte zählen müssen, würde der Papst den Messwein bis heute mit den Rabbis in der Synagoge trinken. Außerdem: Warum hat Jesus eigentlich nicht seinen leiblichen Bruder Jakobus über Petrus' Mission und die Aufhebung der Speiseregeln informiert? Warum hat er vor der Himmelfahrt nicht sein Vermächtnis geregelt? Als er tot war, riss jedenfalls Jakobus die Macht in der Sekte an sich. Jakobus war ein strenggläubiger Jude. Wenn es nach ihm gegangen wäre, gäbe es kein Christentum und alle Juden dächten streng essenisch. Es wäre auch absurd, hätte Jesus ausgerechnet jenen Jünger zum "Fels" ernannt, von dessen Bekennermut er gar nichts hielt und den er sogar Satan schimpfte:

Matthäus 16, 23:
Er aber wandte sich um und sagte zu Petrus: "Hinweg von mir, Satan; ein Ärgernis bist du mir; denn du denkst nicht, was Gottes ist, sondern was der Menschen ist."

Wir müssen doch annehmen, dass dem Sohn Gottes auf dem Weg zum eschatologischen Endkampf zwischen "gut" und "böse" eine derartige Beschuldigung nicht aus einer Aufwallung unbeherrschter Gefühle herausrutscht und er hinterher sagt: "Schwamm drüber, 'hab ich nicht so gemeint...da, nimm mein Zepter und regiere die Kirche!"...ja, welche Kirche denn auch, wenn es im Korintherbrief, also etwa 54 nach Christus, heißt:

1 Korinther 15, 51:
Seht, ein Geheimnis sage ich euch: Nicht alle werden wir entschlafen...

...und ich also selbst 24 Jahre nach Golgatha noch die zeitnah bevorstehende Apokalypse verkündete? Die nazoräische Sekte war so, wie alle Sekten sind: hierarchisch. Sie empfand sich als irdische Speerspitze des Herrn der Heerscharen. Sie erlebte ihren Glauben als Einstimmung auf einen Krieg, in dem auf Befehl des kommenden Messias allen Feinden der Garaus gemacht wird. Das erzeugte eine paranoide Stimmung. Mancher erwartete das Gemetzel jeden Augenblick. Man forderte daher militanten Verzicht auf jedes individuelle Interesse. Erwartet wurde bedingungsloser Gehorsam, gegenseitige Kontrolle und die Abtretung aller Habe an die Organisation.

Apostelgeschichte 4, 32-35:
Die Gesamtheit der Gläubigen war ein Herz und eine Seele, und nicht ein einziger nannte etwas von dem, was er besaß, sein eigen...Alle nämlich, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie und...legten ihn (den Erlös) zu den Füßen der Apostel, und es wurde einem jeden zugeteilt, je nachdem einer bedürftig war.

Wenn eine ideologische Gruppierung meldet, dass die Führung zu 100% im Amt bestätigt wird, weiß man, was man von der Wahl zu halten hat. Entgegen der Versicherung, dass die Gläubigen ein Herz und ein Seele waren, gab es aber Widerstand. Wer zögerte, Besitz vollständig abzutreten, wurde besonderer Behandlung unterzogen.

Apostelgeschichte 5, 1-11:
Ein Mann mit Namen Ananias verkaufte mit Saphira, seiner Frau, ein Grundstück, unterschlug aber unter Mitwissen auch seiner Frau vom Erlös und brachte nur einen Teil und legte ihn zu Füßen der Apostel. Petrus aber sprach: "Ananias, warum erfüllte der Satan dein Herz...Nicht Menschen hast du belogen, sondern Gott!" Als Ananias diese Worte hörte, fiel er um und gab den Geist auf und große Furcht kam über alle, die davon hörten. Die jungen Männer...trugen ihn hinaus und begruben ihn. Nach einer Zwischenzeit von etwa drei Stunden, kam auch seine Frau herbei, ohne zu wissen, was geschehen war...Petrus entgegnete ihr: "... Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begruben, sind schon vor der Tür und werden auch dich hinaustragen." Und sie fiel auf der Stelle vor seinen Füßen um und gab den Geist auf; die jungen Männer kamen herein, fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie bei ihrem Mann. Große Furcht kam über die ganze Gemeinde...

Fragen Sie einen Kriminalisten! Am besten einen, der den Heiligen Geist erst zuletzt als Täter verdächtigt, wenn man zwei eilig verscharrte Leichen findet. Stellen Sie sich vor, was er Petrus fragen würde, wenn der Polizei Unterlagen in die Hände fielen, in denen das überraschende Ableben zweier Sektenmitglieder in der zitierten Weise erklärt wird! Er würde fragen, warum man die erste Leiche schon nach drei Stunden begrub. Denn wer würde eine Leiche beiseite schaffen, solange sie noch warm ist, wenn sie nicht verdächtige Spuren trüge? Üblich war eine solche Eile bei der Bestattung nicht. Was noch? Er würde fragen, warum man die Frau vor der Beerdigung des Mannes nicht über seinen Tod informiert hat. Er würde fragen, warum bereits vor dem Tod der Frau die Füße derer, die auch sie hinaustragen werden, vor der Tür bereit standen. Er würde fragen, woher Petrus wusste, dass zwei Menschen innerhalb von drei Stunden tot umfallen, so dass er die Totengräber sich bereithalten hieß. Er würde fragen, ob man vor dem Vergraben der Leichen Dritte informiert hat: Nachbarn zum Beispiel oder Verwandte, die nicht der Sekte angehörten. Richtig? Außerdem, ob vor dem Tod der Eheleute Gelegenheit war, sie zu ihren Motiven zu befragen. Womöglich waren sie in einem Zwiespalt. Vielleicht waren sie unsicher, ob es richtig war, einer Sekte wegen bloßer Heilsversprechen allen Besitz zu überschreiben. Vielleicht hatten sie Kinder und wollten für deren Sicherheit etwas zurückhalten, falls die Apokalypse wie durch ein Wunder ausblieb. Was sie ja auch tat. Und da finanzielle Interessen der Sekte im Zusammenhang mit den Todesfällen stehen, bräuchte der Kriminalist nach einen Tatmotiv gewiss nicht lange anderswo zu suchen. Und zu guter Letzt würde er fragen, warum der Bericht auf die Furcht, die alle überkam, so großen Wert legt, dass er in wenigen Sätzen gleich zweimal darauf hinweist, wie gründlich die ganze Gemeinde nach dem Tod der Zweifler eingeschüchtert war.

Die Erklärung liegt auf der Hand. Das Ziel des Exempels, das Petrus an Saphira und Ananias statuierte, war es ja, den Gläubigen Furcht einzuflößen. Am leichtesten war es seit Moses, das Hab und Gut derer in die Kasse zu lenken, die so von der Angst beherrscht sind, dass ihrem Willen die Freiheit fehlt, sich gegen "freiwilliges Geben" zu entscheiden. Käme der Tod von Ananias und Saphira vor Gericht, müsste der Heilige Geist schon persönlich als Zeuge erscheinen, damit Petrus nicht wegen Doppelmordes verurteilt wird.

Das Beispiel Ananias' und Saphiras zeigt, dass die nazoräischen Sekte ihre Forderung nach absolutem Gehorsam bis zur letzten Konsequenz durchgesetzt hat. Wenn sich unser Kriminalist bei der Untersuchung des Falls ebenso wenig von der Autorität des christlichen Establishments einschüchtern ließe, wie seinerzeit Jesus von der des pharisäischen, würde er gegen Petrus Haftbefehl erlassen. Die Episode um Ananias stammt aber aus der Zeit, als ich noch nicht zu den Nazoräern gestoßen war. Wenn man mich jedoch als den wahren Vater der Christenheit auffasst, wie ich es im Bonmot um die Bedeutungslosigkeit der zehntausend Lehrmeister in Christus selbst tat, dürfte man weder den Gruppendruck bis zur Exekution noch die Politik der Angst als ursprünglich christliche Machtmittel betrachten. Sie wären nur soweit christlich, wie das Christentum die nazoräische, also die jüdisch-orthodoxe Tradition, für sich vereinnahmt. Welche Rolle spielte aber die Angst für das paulinische Christentum? Zuerst ein paar Zitate:

Römer 16, 17:
Ich mahne euch, Brüder, nehmt euch in acht vor denen, die Zwietracht und Ärgernisse anrichten im Widerspruch zu der Lehre...geht ihnen aus dem Wege!

1 Korinther 1, 10:
Seid alle einmütig im Reden und laßt es nicht zu Spaltungen unter euch kommen; seid vielmehr wohlgeordnet in gleicher Gesinnung und gleicher Überzeugung!

1 Korinther 4, 21:
Was wollt ihr? Soll ich mit dem Stock zu euch kommen oder mit Liebe und im Geist der Milde?

1 Korinther 5, 1-13:
Überhaupt, man hört von Unzucht unter euch...Ich nämlich...habe bereits, als wäre ich anwesend, das Urteil gesprochen, über den, der so etwas treibt: Im Namen des Herrn Jesus sollt ihr und mein Geist sich versammeln und mit der Kraft unseres Herrn Jesus einen solchen dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde am Tage des Herrn...Denn was habe ich die Draußenstehenden zu richten? Die aber herinnen sind, sollt nicht ihr sie richten? Die draußen sind, wird Gott richten. "SCHAFFT DEN BÖSEN HINAUS AUS EURER MITTE".

Die judaistische Tradition der Gleichschaltung ging nahtlos ins Christentum über. Alle sollten die gleiche Gesinnung und die gleiche Überzeugung haben. Diskussionen über "richtig" und "falsch" waren verpönt. Die "Liebe" und der "Geist der Milde" kamen bereits im Frühchristentum nur zur Geltung, wenn der Gehorsam der Gläubigen so weit vorauseilte, dass ein Stock nicht vonnöten war.

Philipper 2, 14:
Tut alles ohne Murren und Widerstreben...

Hebräer 13, 17:
Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch unter...

1 Timotheus 5, 20:
Die Fehlenden weise in Gegenwart aller zurecht, damit auch die übrigen Furcht bekommen.

Unterordnung und Gehorsam bestimmten die Gemeindestruktur. Widerspenstige demütigten wir in Gegenwart aller, damit sich die übrigen erst recht unter die Vorsteher duckten. Gefährlichere Fälle haben wir jedoch mit anderen Mitteln geahndet: So beschreibt der erste Korintherbrief (5, 1-13) ein Beispiel von Sektenjustiz. Da wird in einem gemeinsamen Akt der Gruppe das Fleisch eines Unzüchtigen dem Satan übergeben, damit sein Geist durch das Verderben des Fleisches gerettet werde. Das ist nicht bildlich gemeint, als Ausschluss aus der Gemeinde etwa und als moralische Verurteilung dessen, der sich außerhalb der Lehre stellt. Eine moralische Verurteilung der Draußenstehenden vollzieht die Gemeinde sowieso. Die Draußenstehenden faktisch zu richten - gemeint ist: hinzurichten - überlässt man jedoch Gott; zumindest solange sich die Sekte nicht zur Staatsreligion mit Inquisitionsinstrument gemausert hat. Die aber herinnen sind, also innerhalb der Sekte, sollen bereits vor der Ankunft des Messias durch Sektenmitglieder gerichtet werden. So habe ich selbst es den Korinthern geschrieben. Damit dort kein Zweifel am erwarteten Vorgehen aufkam, habe ich Moses zitiert. Dort steht, wie man "das Böse" aus der Mitte tilgt.

5 Moses 17, 5:
...dann führe diesen Mann oder diese Frau, die solchen Frevel getan, zu deinen Toren und lasse sie zu Tode steinigen!...Die Zeugen sollen zuerst ihre Hand gegen ihn erheben, um ihn zu töten, danach aber das ganze Volk. SO SOLLST DU DAS BÖSE AUS DEINER MITTE AUSTILGEN!

Mit der Übergabe an den Satan zum Verderben des Fleisches ist mehr als nur der Ausschluss aus der Gemeinde gemeint. Ein Ausgeschlossener gehörte zu den Draußenstehenden und es widerspricht der Logik unseres Glaubens diametral, dass ein Draußenstehen zur Rettung des Geistes führt. Als Ausgeschlossener könnte der Unzüchtige problemlos weiter "Unzucht" treiben und die "Rettung seines Geistes" wäre erst Recht in Frage gestellt. Erst wenn man den Frevler umbringt, hat er, christlicher Logik zufolge, die Chance auf Rettung; weil der Tod seines Fleisches ihn am weiteren Sündigen hindert. Dank dieser Logik konnten wir die Gemeinde einschüchtern und die Beseitigung subversiver Elemente zu einem Werk der Liebe an den Opfern erklären. Der Satan gilt dem Glauben als das Böse, mit dessen Bekämpfung er sich beauftragt sieht. Statt ihn aber zu bekämpfen, hat er bei der Disziplinierung von Abweichlern mit ihm kooperiert:

1 Timotheus 1, 19-20:
...gewisse Leute...im Glauben Schiffbruch litten...Zu ihnen gehören Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergab, damit sie, so gezüchtigt, nicht mehr lästern.

Im zweiten Brief an Timotheus wird sowohl Hymenäus (2 Timotheus 2, 17) als auch ein Alexander (2 Timotheus 4, 14) erwähnt. Vor beiden wird gewarnt. Offensichtlich leben sie. Solange das Christentum eine Sekte im Römerreich war, konnten wir die Todesstrafe zwar jederzeit verhängen, aber nicht immer vollstrecken. Das hätte uns selbst gefährdet, denn auch im heidnischen Rom wurden die Bürger durch Gebote voreinander geschützt. Der Selbstjustiz privater Gruppen hatte der Staat Grenzen gesetzt. Hinrichtungen fanden daher anfangs nur selten statt und unser Hass blieb oft verbal. Da das Christentum zudem Friedfertigkeit als Aushängeschild nutzte, haben wir derartige Dinge zu meiner Zeit kaum je an die große Glocke gehängt. Ketzerverbrennung als Glaubensakt mit Volksfestcharakter fand erst statt, als niemand es den Christen mehr verbieten konnte.

Mein Todesurteil gegen Hymenäus und Alexander weist in jene Zukunft, in der jeder Widerspruch gegen den Kult maximale Strafe nach sich zog und Millionen Ketzer, Häretiker, Hexen und Heiden unsere Feindesliebe am eigenen Leibe erlebten. Hymenäus' Vergehen lag in abweichender Meinung: dass die Auferstehung schon geschehen sei (2 Timotheus 2, 18). Wessen Auferstehung er auch immer damit gemeint haben mag, was den aufkeimenden Geist der Inquisition den Beistand des Satans anfordern ließ, war kein Mangel an menschlicher Tugend. Es war das Abweichen von der Parteidoktrin. Die potentielle Tugend, die mögliche Charakterfestigkeit, die bislang unwiderlegte Nächstenliebe des Hymenäus, die dem Etikett des Christentums gemäß Messlatte ist, interessiert nicht. Was interessiert ist die Gefahr, dass ein "Irrlehrer" die Partei um Anhänger bringt.

2 Timotheus 2, 18:
...und dadurch den Glauben von manchen untergraben.

...einen Glauben, bei dessen Urteil über Leben und Tod Tugend keine Rolle spielt.

Johannes 8, 24:
"...denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben."

Johannes 16, 27:
...denn der Vater selbst liebt euch...weil ihr geglaubt habt, daß ich von Gott ausgegangen bin.

Was zählt, ist der Beitritt zur Partei. Wenn das Parteiabzeichen vom Sockel kippt, zeigt sich, dass niemand dem Programm einen eigenen Wert beimaß.

1 Korinther 15, 14:
Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Predigt sinnlos, sinnlos auch euer Glaube...

Im Korintherbrief, der dazu auffordert, den Unzüchtigen dem Satan zu übergeben, schrieb ich:

1 Korinther 13, 4:
Die Liebe übt Nachsicht...

Anderswo heißt es:

Lukas 6, 37:
Richtet nicht und ihr werdet nicht gerichtet werden...

Todesurteile fassten wir nicht als Widerspruch zur Nachsicht auf. Moses' Satz "Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst" gilt zwar als Quintessenz sowohl der mosaischen als auch der christlichen Variante des Glaubens...

Galater 5, 14:
Denn das ganze Gesetz wird in einem einzigen Wort erfüllt, in dem: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

...aber schon Moses hatte Nächstenliebe auf die unbedingte Gesinnungsgemeinschaft beschränkt. Gerade mal zwei Zeilen vor dem Bekenntnis zur Nächstenliebe steht im Galaterbrief schwarz auf weiß:

Galater 5, 12:
Möchten doch jene, die euch verwirren, gleich ganz verschnitten werden!

...und im Brief an Titus heißt es:

Titus 1, 10-13:
Es gibt ja viele Widerspenstige; Schwätzer und Verführer, besonders die aus der Beschneidung, denen man den Mund stopfen muß..."Kreter sind immerdar Lügner, schlimme Bestien, faule Bäuche."

Beide Stellen beziehen sich auf Juden, auf Beschnittene nämlich, die letzte auch auf Kreter. Gemeint sind - zumindest im Galaterbrief - nicht bloß irgendwelche Pharisäer! Gemeint sind die leibhaftigen Jünger Jesu, die sich unter Führung Jakobus' in Jerusalem das Vermächtnis Jesu streng jüdisch vorstellten und durch ihre Quertreiberei dem Geist der paulinischen Heidenmission widersprachen. Von einer Nächstenliebe, die fähig wäre, etwas anderes zu achten, als den bedingungslosen Vertreter der eigenen Sache, fehlt auch hier jede Spur. Der andere ist eine Bestie! Ihm gehört das Maul gestopft! Durch Verschneidung - also Kastration - soll er an der Fortpflanzung gehindert werden. Das mosaische Motiv maximaler Intoleranz wandte sich in meiner Glaubensvariante konsequent gegen seinen geistigen Vater.

1 Timotheus 1, 9-10:
...daß das Gesetz nicht für einen Gerechten bestimmt ist, sondern für...Gottlose und Sünder, Unheilige und Gemeine, Vatermörder...Unzüchtige, Knabenschänder...Lügner und Meineidige und was sonst im Gegensatz steht zur gesunden Lehre...des Evangeliums...mit dem ich betraut bin.

Jesus hatte gesagt, dass vom Gesetz kein Häkchen vergeht. Für mich zählte er damit zu den Gottlosen, Unheiligen, Knabenschändern und Lügnern. Indem wir dem Publikum die ganze Palette von sanft bis brutal als Ausdruck des christlichen Geistes anboten, war für jeden Geschmack etwas dabei. Die Sanftmütigen meinten, Sanftmut sei der Kern des Glaubens, für die Bescheidenen gab es Demut, für die Sehnsüchtigen das Himmelreich und für die Bösartigen das Recht, im Auftrag des Glaubens andere bis aufs Blut zu drangsalieren. So wurde der Glaube allgemein. Wichtig war, dass möglichst viele zu uns überliefen. Was man jenseits des Lippenbekenntnis' tat, zählte kaum, solange man der Treue zur Familie niemals abschwor.

2 Korinther 10, 5-9:
Wir...fangen jeden Gedanken ein zum gehorsamen Dienst an Christus. Wir sind auch bereit, jeden Ungehorsam zu strafen...Doch möchte ich nicht den Anschein erwecken, als wollte ich euch einschüchtern durch Briefe.

2 Korinther 13, 1-2:
.."DURCH DIE AUSSAGE ZWEIER ODER DREIER ZEUGEN SOLL FESTSTEHEN JEDE SACHE...Ich...sage es abermals...: wenn ich wiederum komme, werde ich keine Schonung üben.

5 Moses 17, 2-6:
Findet sich...ein Mann oder eine Frau...die...tun, was ich nicht erlaube, und...du hast sie verhört und genau ausgeforscht...dann...lasse sie zu Tode steinigen! AUF DIE AUSSAGE VON ZWEI ODER DREI ZEUGEN SOLL DER TODESWÜRDIGE DEN TOD ERLEIDEN...

Auch als ich den Korinthern schrieb, dass ich keine Schonung üben werde, verwies ich auf das mosaische Gebot, Ungehorsam mit dem Tod zu strafen. Glauben Sie, ich hätte eigens betont, dass ich niemanden einschüchtern möchte, wenn Einschüchterung nicht das genaue Ziel meiner Drohung gewesen wäre? Alle Bischöfe, die nach mir kamen, wussten, was der Apostel der Liebe ihnen ins Gebetbuch schrieb. Hatte Jesus nicht gesagt, seine Liebe zu den Jüngern bestehe solange, wie die Freunde gehorchen?

Johannes 15, 12-14:
Das ist mein Gebot, daß ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe...Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.

Da wir uns als Statthalter Gottes auf Erden sahen, ging das Gehorsamsrecht auf uns über. Den Verwaltern der Geheimnisse hatte man so zu gehorchen wie Gott.

Liebe gilt als oberstes Gebot der christlichen Moral. Es ist aber kaum in der Lage, der Liebe Vorschub zu leisten. Liebe ist ein spontanes Vermögen, das aus der Erkenntnis der Wahrheit erwächst. Wer nicht sowieso liebt, weil er den Wert des Geliebten von sich aus erkennt, wird kein Deut mehr lieben, bloß weil jemand ihm zu lieben gebietet. Im Gegenteil: Das Liebe Deinen Nächsten! gräbt der Liebe das Wasser ab, weil es von oben herab gesprochen wird und dadurch Kräfte der Feindschaft weckt. In der christlichen Moral ist "Liebe" ein Gehorsamsakt, ein "als ob", das sich nicht von innen entwickelt.

Gehorsam bestimmt das Verhältnis zwischen Knechten und Herren. Der Wert des Menschen entspricht dem Hoheitsrecht auf sein je eigenes Selbst. Knechtschaft bleibt übrig, wenn Gehorsam dieses Recht beseitigt. Jeder monotheistische Offenbarungsglaube offenbart im Gründungsmythos seinen Willen zur Macht. Der Kampf um Herrschaft ist sein wirkliches Ziel. Da man aber eher mit den Mächtigen herrscht, als gegen sie, lag es in der Logik der Sache, dass das Christentum von Anfang an die Machtinteressen der Unterdrückung vertrat. Hätte es das nicht getan, wäre es nie Staatskult geworden. Wirkliche Verbreitung fand es erst, als die Macht begriff, wie nützlich es war, den Klerus an ihrer Herrschaft zu beteiligen. Ohne den Spagat von der Bergpredigt zum Plädoyer für die Sklaverei unter den gläubigen Herren, wäre das Christentum längst zur Bedeutungslosigkeit verkümmert. Man muss daher nicht glauben, dass seine Haltung zur Sklaverei ein Widerspruch zu seinem Wesen wäre. Sein Einsatz für die Beibehaltung der Sklaverei ist wesensnäher als alle Predigt vorgeblicher Brüderlichkeit im Geiste Christi. Jesus verkündete den Wert spiritueller Askese:

Matthäus 19, 24:
"...Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in das Himmelreich."

Matthäus 6, 24:
...Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.

Für das Christentum sind Sklavenhalter, sobald sie gläubige Herren geworden sind, voll bezugsberechtigte Anwärter auf das Himmelreich; als hätten sie durch ihren Beitritt zur Partei den selben Weg zurückgelegt wie ein Mönch in zwanzig Jahren Wüste.

1 Timotheus 6, 1-2:
Die als Sklaven unter dem Joch zu leben haben, sollen ihre Herren aller Ehre würdig halten, damit der Name Gottes und die Lehre nicht in Verruf kommen. Die aber gläubige Herren haben, sollen...diesen...erst recht.. zu Diensten sein...Dies lehre und schärfe ich ein!

Der Glaube der Herren ruft nicht dazu auf, Sklaven zu befreien, damit die Herren dereinst, von ideeller Armut verschlankt, durchs Nadelöhr passen. Er berechtigt vielmehr, von Sklaven gesteigerte Dienstbarkeit zu erwarten. Dem gläubigen Herrn hat der Sklave erst recht zu Diensten sein! Sein Anspruch, den "Bruder" zu besitzen, wird durch die Taufe verfestigt.

Titus 2, 9:
Die Sklaven sollen ihren Herren in allem untertänig sein, gefällig, nicht widersprechen...damit sie...der Lehre Gottes...zur Zierde gereichen.

Titus 3, 1-2:
Ermahne sie, den obrigkeitlichen Gewalten untertan und gehorsam zu sein...

1 Petrus 2, 13-19:
Ordnet euch jeder menschlichen Einrichtung unter...sei es dem König...sei es den Statthaltern...fürchtet Gott, ehrt den König! Ihr Sklaven, seid mit aller Ehrfurcht untertan den Herren, nicht nur den gütigen und freundlichen, sondern auch den bösartigen. Denn das ist Gnade, wenn einer in Gewissenstreue vor Gott Widerwärtigkeiten erträgt und ungerecht leidet.

Epheser 6, 5-7:
Ihr Sklaven, gehorcht den irdischen Herrn mit Furcht und Zittern...als Sklaven Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun, und willig dienen, dem Herrn...zuliebe.

Wir trieben die Verherrlichung des Gehorsams bis zum Anschlag. Wir erfanden eine Theologie, in der Gott den eigenen Sohn am Marterpfahl in vollendeten Gehorsam beugt, damit der zu Tode Gebeugte widerspenstigen Untertanen als Beispiel dient.

Hebräer 5, 8-9:
..obgleich Gottes Sohn, lernte er an dem, was er erlitt, den Gehorsam, und zur Vollendung gelangt, wurde er allen, die ihm gehorchen, Urheber ewigen Heils...

Philipper 2, 8-9:
..er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis in den Tod...Und darum erhöhte ihn Gott so hoch...auf daß beim Namen Jesu "sich beuge jedes Knie"...

Der Mensch ist vollendet, wenn er gehorcht. Das ist judaistisches Denken. Seit Moses klagte die Heilsgeschichte über den mangelnden Gehorsam der Missionierten. Sie verherrlichte jede Gewalt, die Gehorsam erzwang. Die religiöse Theorie bezeichnete Gott als Urheber der Forderung, dass jedes Knie sich beuge. Tatsächlich waren es aber jene, die eine Staatsform schufen, in der aller Gehorsam ihnen selbst als Eigentümern Gottes zukam. Im Kult um den Gehorsam wird die geistige Verbindung von Judaismus und Christentum besonders deutlich, wobei das Christentum bei der Verherrlichung des Gehorsams noch weitergeht. Während der Judaismus Isaak aus den Händen Abrahams rettet, sobald er seinen Gehorsam durch die Bereitschaft zur Kindstötung beweist, wird der Sohn im christlichen Mythos tatsächlich geopfert. Obendrein ist der Täter nicht mehr bloß Mensch. Gott selbst tötet sein eigen Fleisch und Blut; damit der Sohn an dem, was er erlitt zum ewigen Heil der Menschheit Gehorsam lernt.

Die christliche Gesellschaft spiegelt ihren Mythos wider. Der Glaube, der ihm huldigt, ruft die Mächtigen zur Milde auf und erklärt ihre Bosheit zugleich zum Vermittler göttlicher Gnade. Er versichert den Gepeinigten, dass es eine Gunst des Himmels ist, wenn man ungerecht leidet. Da Fügsamkeit ins Unrecht Gottes Lehre zur Zierde gereicht und die himmlische Gnade untertänigen Leidens alles Recht übersteigt, erübrigt sich jede Kritik an irdischem Unrecht von selbst. Was ist schon das bisschen Barbarei im Vergleich zum unendlichen Lohn, der dem zufällt, der die Barbarei hinnimmt? Der Sklave darf glauben, dass er ein kleiner Jesus ist und sein bösartiger Herr ein Bote des Himmels. Der Sklave ist Sklave Christi, sein Besitzer von Gott zur Herrschaft bestimmt. So hat jeder im Leben den Platz, für den er sich beim Schicksal bedanken kann. Ich selbst stand dabei mindestens auf gleicher Stufe wie Gott:

Apostelgeschichte 15, 28:
Denn es hat dem Heiligen Geist und uns gefallen, euch weiter keine Last aufzulegen...

Der Heilige Geist wird geschmeichelt sein, dass es den Menschen mit der Bibel in der Hand gefällt, in herrschaftlicher Allianz mit ihm, den Untertanen weiter keine Last mehr aufzulegen. Immerhin kann er bis dahin noch froh sein, dass der Mensch sich bloß auf eine Stufe mit ihm stellt und ihm nicht, wie später im Galaterbrief, das Votum ganz entzieht.

Galater 1, 8:
Doch wenn selbst wir oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten, als wir euch verkündet haben, so sei er verflucht!...

Engel stehen im biblischen Kosmos über dem Menschen. Sie sind unmittelbare Boten Gottes. Vorbeugend habe ich die Allmacht entmündigt; für den Fall, dass der Schwätzer aus der Beschneidung an meiner Botschaft etwas zu bemängeln hat. Bei Johannes finden wir die Vorwegnahme des Jüngsten Gerichts:

Johannes 20, 23:
"...Deren Sünden ihr nachlaßt, denen sind sie nachgelassen; deren Sünden ihr behaltet, denen sind sie behalten."

Wenn der Klerus Sünden vergeben kann, warum betet man dann noch zu Gott? Die Kirche erklärt, dass sie über "gut" und "böse" steht; denn nur wer das tut, kann Sünden im eschatologischen Sinne vergeben. Was bleibt dem Messias zu tun, wenn er kommt? Ist er Knüppel einer irdischen Obrigkeit, die über himmlisches Recht bereits entschied, nachdem sie alle Vernunftgebilde eingerissen hat? Holt er sich beim Klerus Haftbefehle ab, damit er weiß, wen er zu massakrieren hat? Ist er die Bulldogge des Papstes, die auf Kommando den Gegner zerbeißt? Apropos "Papst" und "Patres": Die Begriffe sind Varianten von lateinisch "pater = der Vater". Jesus hat den Begriff "Heiliger Vater" für Gott benutzt. Er hat betont, dass man niemanden auf Erden als Vater anreden soll?

Johannes 17, 11:
...Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen...

Matthäus 23, 9:
Auch als Vater sollt ihr niemand von euch anreden auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel.

"Heilig" ist mehr als "gut". Das "Gute" ist das, was sich in ein Höheres fügt, während das Heilige selbst dieses Höhere ist, dem das Gute dient. Jesus sagt:

Lukas 18, 19:
"Warum nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein.

Kann sich ein Priester für "heilig" erklären und zu Recht behaupten, er stehe zur Lehre Jesu? Nein, das kann er nicht. Es ist nämlich so: Ein Priester, der sich als "Heiliger Vater" bezeichnet, erklärt sich zu Gott. Theologisch ist der Katholizismus vom Pharaonenkult kaum zu unterscheiden. Zu verwundern braucht uns das nicht. Schließlich beruft er sich auf eine Tradition, die aus Ägypten stammt und Jesus hat tatsächlich Grund zu seufzen:

Lukas 6, 46:
Was ruft ihr mich: Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?

Lesen wir die Anekdote um Onesimus Wort für Wort, wie man einen Teller Feigen Frucht für Frucht genießt!

Philemon 10-21:
Ich bitte dich für mein Kind, dem ich das Leben gab in meinen Fesseln, für Onesimus. Er war dir früher ein Nichtsnutz, jetzt aber ist er dir und mir nützlich. Ich schicke ihn dir zurück..., ihn, das heißt mein Herz. Ich wollte ihn gerne bei mir behalten, daß er mir an deiner Stelle zu Diensten wäre...Doch ohne deine Einwilligung wollte ich nichts tun, damit deine Guttat nicht erzwungen geschehe, sondern aus freier Entscheidung. Denn vielleicht wurde er deswegen auf kurze Zeit von dir getrennt, damit du ihn für immer wiedererhältst, nicht mehr als Sklaven, sondern über einen Sklaven hinaus: als geliebten Bruder...Sollte er dir etwas schuldig sein, so setze dies mir auf die Rechnung. Ich, Paulus - schreibe dir mit eigener Hand - ich will es bezahlen, ohne daß ich zu dir sage, daß du sogar dich selbst mir schuldig bist. Ja, Bruder, laß mich von dir Nutzen haben im Herrn...Im Vertrauen auf deine Bereitwilligkeit habe ich dir geschrieben; denn ich weiß, daß du mehr tun wirst, als ich sage. Zugleich halte mir auch eine Herberge bereit; denn ich hoffe, daß ich dank eurem Beten euch wieder geschenkt werde.

Onesimus war Sklave. Er war Philemon entlaufen. Philemon war ein reicher Mann. Ich hatte ihn bekehrt, wiederholt besucht und mich von ihm bewirten lassen. Onesimus war mir zugetan und ich wünschte, daß er mir...zu Diensten wäre. Einen entlaufenen Sklaven zu behalten, hätte man mir jedoch als Diebstahl ausgelegt. Also überzeugte ich Onesimus, zu seinem Herrn zurückzukehren und flocht im Brief an Philemon meine Erwartung ein, er möge Onesimus aus den seinen in meine Dienste entlassen. Zur verschämten Formulierung meiner unverschämten Wünsche nutzte ich die Wortbedeutung des Namens "Onesimus". "Onesimus" heißt "der Nützliche". Statt "Schenke mir Onesimus, den früheren Nichtsnutz, der seit seiner Bekehrung dir und mir nützlich ist", bat ich Philemon: laß mich von dir Nutzen haben im Herrn. Der Vorteil, den ich ihm für die Abtretung anpries, war, dass er damit mehr als einen Sklaven, nämlich einen geliebten Bruder zurückerhält. Bemerkenswert ist die Haltung, mit der ich Onesimus und Philemon begegnete. Onesimus gab ich das Leben in meinen Fesseln. Ich meinte damit das ewige Leben, das er meinem Credo zufolge erst durch das Bekenntnis zum Christentum erlangt. In seinem Fall blieb mein Größenwahn in den Grenzen der erklärten Überzeugung. Im Fall Philemons ist das anders. Ihm erkläre ich, dass er sich selbst mir schuldig ist. Geht man davon aus - wie es unsere Tradition tut - dass Gott den Menschen schuf, dann maße ich mir Philemon gegenüber an, Gott selbst zu sein. Nur ihm kann man sein Dasein schulden. Es versteht sich, dass ich einen Anspruch, der mein erklärtes Credo übersteigt, nicht offen formulierte.

Jesus hat bereits verdeutlicht, wie die Evangelisten Zitate des Alten Testaments verfälschten. Lukas schrieb außer einem Evangelium auch die Apostelgeschichte. Dem entsprechend geht es dort in gleicher Weise weiter:

Apostelgeschichte 1, 16-20:
Es mußte sich erfüllen das Schriftwort, das der Heilige Geist im voraus gesagt hat durch den Mund Davids über Judas...: "SEINE WOHNSTATT SOLL ÖDE WERDEN, UND ES SEI KEINER, DER DARIN WOHNT"

Psalm 69, 5-26:
Zahlreicher als meines Hauptes Haare sind die, welche ohne Grund mich hassen...Du kennst ja meine Schmach, und vor dir stehen alle meine Widersacher...IHR LAGERPLATZ MÖGE VERÖDEN UND NIEMAND WOHNE IN IHREN ZELTEN! Denn sie verfolgen, den du bereits schlugst...

"Judas" kommt im Psalm nicht vor. David verwünscht vielmehr seine Feinde. Ohne Recht ändert Lukas IHR LAGERPLATZ in SEINE WOHNSTATT und unterstellt, der Heilige Geist habe durch Davids Mund Judas gemeint. Wenn der Verfolgte aber Jesus ist, was heißt dann: ...den du bereits schlugst? Es mag sein, dass Gott David schlug. Wofür sollte er aber den Heiland schlagen? Und womit? War die Kreuzigung Strafe? Kurz danach zitiert Lukas erneut:

Apostelgeschichte 2, 25-36:
David spricht ja im Hinblick auf ihn: "...DENN DU GIBST MEINE SEELE NICHT DER UNTERWELT PREIS UND LÄßT DEINEN HEILIGEN VERWESUNG NICHT SCHAUEN.."...Weil er nun ein Prophet war und wußte...so sprach er voraussehend von der Auferstehung des Messias...Mit aller Sicherheit also erkenne das ganze Haus Israel: Gott hat diesen Jesus...zum Messias gemacht.

Psalm 16, 1-10:
Behüte mich Gott, denn ich flüchte zu dir!...DENN DU GIBST MEIN LEBEN NICHT DER UNTERWELT PREIS UND LÄßT DEINEN FROMMEN DIE GRUBE NICHT SCHAUEN.

Nichts weist darauf hin, dass David im Hinblick auf Jesus sprach; noch dass er sich als Prophet betätigte. Der gesamte Psalm ist in Ichform geschrieben. Also sprach David von sich. Zu welchem Gott und vor wem sollte Jesus als Inkarnation Jahwes auch flüchten? Spielte Gott gar mit dem Gedanken, seinen Sohn der Unterwelt preiszugeben? Das wäre ja ein Ding, wenn die Dreieinigkeit mit einem Bein in der Hölle steht. Wenn Lukas also meint, durch die Exegese des Psalms 16 erkenne das ganze Haus Israel: Gott hat diesen Jesus...zum Messias gemacht, erkennt man daran mit aller Sicherheit nur eins: dass Lukas seinen Lesern ein X für ein U vormacht. Ebenso unbegründet verweist er auf Psalm 2. Er behauptet:

Apostelgeschichte 4, 25-26:
...du hast durch den Heiligen Geist durch den Mund deines Knechtes David gesprochen:...ES STANDEN AUF DIE KÖNIGE DER ERDE, UND ES TATEN DIE MACHTHABER SICH ZUSAMMEN GEGEN DEN HERRN UND GEGEN SEINEN GESALBTEN."

Apostelgeschichte 13, 33:
...da er Jesus auferstehen ließ, wie geschrieben steht im zweiten Psalm: "Mein Sohn bist Du, heute habe ich dich gezeugt".

Psalm 2, 2-9:
DIE KÖNIGE DER ERDE TRETEN ZUSAMMEN, MACHTHABER VERSCHWÖREN SICH GEMEINSAM WIDER DEN HERRN UND SEINEN GESALBTEN...Der Herr sprach zu mir: "Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt...ich gebe dir die Völker zum Erbe...Mit eisernem Stabe magst du sie leiten, sie zerschlagen wie Töpfergeschirr."

Tatsächlich erwähnt der Psalm weder Jesus noch eine Auferstehung. Bloß weil "Christus" auf griechisch "Gesalbter" heißt, sprach David nicht von Jesus. Zu seiner Zeit verstand jeder Israelit das Wort Messias (= Gesalbter = Christus) ganz profan. "Salbung" war die Krönungszeremonie der damaligen Zeit.

1 Samuel 16, 12:
Da nahm Samuel das Ölhorn und salbte ihn (David) unter seinen Brüdern.

Ein "Gesalbter" war keine verklärte Gestalt in den Wolken. Er stand mit dem Schwert in der Hand an der Spitze seiner Truppen und hoffte, dass er feindliche Völker dank göttlichem Beistand wie Töpfergeschirr zerschlagen kann. Auf einen Heiland der Heidenvölker passt der Gesalbte des Alten Testaments nicht besser, als die Faust aufs Auge. Anderswo heißt es:

Apostelgeschichte 3, 22-23:
So hat Moses gesagt: "EINEN PROPHETEN WIE MICH WIRD EUCH ERSTEHEN LASSEN DER HERR...AUF IHN SOLLT IHR HÖREN IN ALLEM, WAS ER ZU EUCH SAGEN WIRD...EIN JEDER, DER NICHT AUF DIESEN PROPHETEN HÖRT, SOLL AUSGEROTTET WERDEN AUS DEM VOLKE.

Lukas beruft sich auf Moses, um die Rechtmäßigkeit des Christentums zu belegen. Das Original ist für sein Konstrukt vernichtend.

5 Moses 18, 15-19:
EINEN PROPHETEN GLEICH MIR WIRD DER HERR...AUS DEINEN STAMMESBRÜDERN ERSTEHEN LASSEN; AUF IHN SOLLT IHR HÖREN. In diesem Sinne hast du es...gefordert, als du sprachst: "Nicht mehr will ich die Stimme des Herrn...vernehmen...damit ich nicht sterbe...UND WER NICHT AUF MEINE WORTE HÖRT, DIE ER IN MEINEM NAMEN SPRICHT, DEN WILL ICH SELBER ZUR VERANTWORTUNG ZIEHEN. Jedoch der Prophet, der in meinem Namen ein vermessenes Wort verkündet, das ich ihm nicht aufgetragen habe...muß sterben. Denkst du aber in deinem Herzen: "Wie sollen wir das Prophetenwort erkennen, das nicht vom Herrn stammt?" so wisse: was der Prophet im Namen des Herrn ankündigt, ohne daß das Wort sich erfüllt und eintrifft, das ist ein Wort, das der Herr nicht gesprochen hat. Vermessentlich hat er es gesprochen...

Moses prophezeit einen "Propheten gleich mir". Christus ist im Glaubenskonstrukt aber etwas kategorisch anderes als ein banaler Prophet. Dann schneidet Lukas einen Satz aus dem Zitat heraus: den, der behauptet, das Volk Israel habe darum gebeten, die Stimme des Herrn nicht mehr zu vernehmen, damit es nicht sterbe. Die Behauptung war ein Schachzug der levitischen Priester. Sie erklärte, warum Gott nicht ebenso überzeugend wie direkt zu den Menschen spricht, sondern den unsicheren Weg über die Propheten wählt. Ebenso geschickt wie die Leviten den Satz einfügten, strich Lukas ihn wieder weg. Laut christlicher Lehre war Jesus ja eben kein Prophet, sondern der inkarnierte Herrgott selbst. Wenn man von seinen Worten jedoch gestorben wäre, hätten Leichenberge den Weg von Galiläa nach Jerusalem gesäumt. Taten sie aber nicht. Wie so oft kommt das Wesentliche auch hier erst dann, wenn der Glaubenszeuge sein Zitat beendet hat. Bei Moses wird ein Rezept mitgeliefert, woran man einen falschen Propheten erkennt: daran, dass er vermessentlich sagt, was sich nicht erfüllt. Da steht es um Jesus schlecht. Er hat verkündet, was nicht eintraf:

Lukas 9, 27:
Ich sage euch in Wahrheit: Es sind einige unter denen, die hier stehen, die den Tod nicht kosten, bis sie das Reich Gottes schauen werden.

Kann man der richtige Sohn Gottes sein und zugleich ein falscher Prophet? Gewiss: Zu Lukas' Zeiten hätte die Prophezeiung noch eintreffen können. Fünfzig Jahre später konnte der Klerus aber folgern, dass sich sein Glauben erneut als Irrtum erwies. Moses Befehl, dass ein "vermessener Prophet" zu sterben hat, wäre das beste Argument zugunsten der jüdischen "Unbelehrbarkeit" gewesen. Die Stelle reicht sogar aus, die Kreuzigung Jesu zu rechtfertigen. Nicht so, dass sie dem Heilsplan dient, sondern als gerechte Strafe für seine Vermessenheit. Die Juden hatten aber ein Dilemma. Sie waren ebenso unredlich wie die Christen. Der Satz bei Moses ließ sich auch auf die alttestamentären Propheten anwenden. Auch sie konnte die Redlichkeit längst als "vermessene" Propheten entlarven. Je weiter die Zeit fortschritt, desto mehr Prophezeiungen entpuppten sich als bloße Wunschphantasien, die nicht bloß "noch nicht" eingetroffen waren, sondern es nicht mehr können. Die historischen Umstände, auf die sie sich bezogen, sind vorbei.

Apropos: Umgang mit geschichtlichen Zusammenhängen. Warum zitiert Lukas Amos falsch? Er vertauscht in Stephanus' Rückblick auf die israelitische Geschichte "Damaskus" gegen "Babylon".

Apostelgeschichte 7, 43:
...DARUM WERDE ICH EUCH WEGFÜHREN BIS ÜBER BABYLON HINAUS.

Amos 5, 27:
..SO BRINGE ICH EUCH IN DIE VERBANNUNG ÜBER DAMASKUS HINAUS.

Amos lebte um 750 vor Christus. Von der babylonischen Gefahr wusste er nichts. Erst nach dem Fall Assurs 614 vor Christus begann der Aufstieg Babyloniens. Mit der VERBANNUNG ÜBER DAMASKUS HINAUS meinte Amos die assyrische Verbannung der Nordstämme. Assyrien lag nordöstlich von Damaskus. Da sich die Nordstämme in Assyrien weitgehend assimilierten, hat die "assyrische Verbannung" im Bewusstsein der Juden nie die Bedeutung erlangt, wie die spätere "babylonische Gefangenschaft". In der "Kurzfassung" der israelitischen Geschichte im Neuen Testament tauscht Lukas die Städte als Mittel zur dramaturgischen Verdichtung aus. "Babylon" war fürs Publikum eingängiger als "Damaskus". Da musste man nicht viel erklären und je eingängiger etwas ist, desto leichter wird es geglaubt.

Lukas schöpft das exegetische Opportunitätsprinzip erfinderisch aus. Indem er sich auf die Propheten beruft, beruft er sich auf Gottes Wort. Indem er nachprüfbare Aussagen seiner Zeugen wie ein Metzger zerlegt, die Bruchstücke dann in einer Weise wieder zusammensetzt, dass die Zitierten scheinbar das Gegenteil von dem ankündigten, als tatsächlich getan, bastelt er aus ein paar Stücken Rind und einem halben Schaf ein Schwein und gibt seinem Gott zu verstehen, dass er von dessen Geschwafel nichts hält.

Apostelgeschichte 15, 13-19:
...Jakobus...sagte: "...Damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: "DANACH WILL ICH ZURÜCKKEHREN UND DIE VERFALLENE WOHNSTÄTTE DAVIDS WIEDER AUFRICHTEN; WAS NIEDERGERISSEN IST AN IHR, WILL ICH WIEDER AUFBAUEN UND SIE NEU ERSTEHEN LASSEN, daß die übrigen Menschen den Herrn suchen und alle Völker, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr, der dies wirkt, was erkannt ist seit Ewigkeit." Darum entscheide ich mich dafür, man solle denen, die aus den Heiden sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufbürden...

Hier setzt Lukas Bruchstücke einer Prophezeiung von Amos vermutlich mit Stücken aus Jeremias zusammen.

Amos 9, 11-12:
"AN JENEM TAGE RICHTE ICH DIE ZERFALLENE HÜTTE DAVIDS WIEDER AUF. ICH SCHLIEßE IHRE RISSE, IHRE TRÜMMER LASSE ICH WIEDERERSTEHEN UND BAUE SIE AUF, DAß SIE WIRD WIE EHEDEM. Den Rest von Edom wird man erobern und alle Völker, die mir gehören".

Die Stelle bei Amos ist leicht zu finden. Den zweiten Propheten muss man erraten. Wahrscheinlich ist es Jeremias. "Daß die übrigen Menschen den Herrn suchen...", dürfte im Original so gelautet haben:

Jeremias 12, 16-17:
So spricht der Herr: "...Lernen sie (die "üblen Nachbarn" Israels) dann eifrig die Bräuche meines Volkes...so sollen sie inmitten meines Volkes aufgebaut werden! Gehorchen sie indes nicht, so reiße ich ein solches Volk völlig aus und vernichte es."

Amos hat keine Heidenmission verkündet. Er versprach die Eroberung Edoms und weiterer Völker durch ein davidisches Reich, ein Reich, das so sein wird, wie ehedem. Den verräterischen Satz - dass der Rest Edoms erobert wird - hat Lukas weggelassen. Statt dessen hat er etwas angehängt, was so bei keinem Propheten steht. Mit Mühe ist das Thema zu finden: bei Jeremias. Der beschäftigt sich immerhin mit der Frage: Was soll mit Nicht-Israeliten geschehen, die eifrig die Bräuche meines Volkes lernen, also das mosaische Gesetz, die nach judaistischer Auffassung somit gottgefällig leben? Sollen wir sie erschlagen oder integrieren? Jeremias rät, zumindest hier: Man soll sie integrieren. Aber nur, wenn sie sich dem Gesetz verschreiben! Sonst sollen sie völlig vernichtet werden. Welche Schlussfolgerung legt Lukas Jakobus in den Mund? Man solle denen, die sich aus den Heiden zu Gott bekehren, keine Lasten aufbürden. Mit den Lasten, die hiermit erlassen sind, ist wohlgemerkt das mosaische Gesetz gemeint, dessen Respektierung Jeremias unter Androhung von Völkermord für zwingend erforderlich hält. Wenn man Gott als Garanten der Wahrheit auffasst, ruft Lukas nicht nur ihm "Papperlapapp" entgegen, sondern auch dem Götzen Jahwe, auf den er sich zwar beruft, dessen kriegerisches Lamm er der Menschheit aber trotz allem als Sülze verkauft.

Angeblich sagte Jakobus: Darum entscheide ich mich dafür, man solle denen, die aus den Heiden sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufbürden...Das ist bemerkenswert! Die Abschaffung des mosaischen Gesetzes ist die zentrale Reform des jüdischen Kultes, die überhaupt zur Heidenmission und damit zur Gründung des Christentums führte. Wenn es aber Jesus gewesen war, der Petrus den Auftrag zur Gründung der Kirche erteilte und das Gesetz bereits zu seinen Lebzeiten abschaffte...

Matthäus 16, 18-19:
Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen...Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben...

Markus 7, 19:
So erklärte er alle Speisen für rein...

...wie kann sich dann Jakobus erst nach herbeibemühter Bibelexegese dazu entscheiden, den Heiden das Gesetz zu ersparen? Natürlich war die Abschaffung des angeblich von Gott offenbarten Gesetzes keine göttliche Weisung, sondern ein Akt menschlicher Entscheidung. Aber nicht Jakobus' Entscheidung, sondern meine. Wer lesen kann, der liest es. Alle anderen machen sich `was vor. Dass Lukas ausgerechnet Jakobus, also den schärfsten Gegner einer Verwässerung des Gesetzes, so etwas "entscheiden" lässt, hatte ein propagandistisches Ziel: Es diente dazu, unseren Machtkampf vor dem Fußvolk zu vertuschen.

Ich war der größte Pharisäer aller Zeiten. Schließlich waren wir Pharisäer es, die im Lauf der Jahrhunderte von der wörtlichen Auslegung des Gesetzes abrückten und einen Kompromiss mit der Moderne suchten. Die Anpassung der Tradition an das jeweils Neue war immer von Heuchelei begleitet. Erst Recht weil man wegen der Morddrohungen der Thora kaum anders konnte. Man musste so tun, als sei man dem Gesetz treu, obwohl man es verwarf. Genau diese Kluft zwischen der beteuerten Gesetzestreue und dem, was die Pharisäer faktisch taten, brachte Jesus auf die Palme; zumal die Heuchelei durchaus nicht nur der Modernisierung des Judaismus diente, sondern auch der Korruption der Pharisäer. Als Pharisäer hatte ich den Auftrag, die Jünger Jesu auszuschalten, weil sie der Koexistenz von Rom und jüdischem Establishment im Wege standen. Diesen Auftrag habe ich nicht etwa verworfen, wie der christliche Mythos es meint. Ich habe ihn übererfüllt! Mein Christentum hat so gründlich mit der Gesetzestreue der Messianer aufgeräumt, dass die Ideologie Moses' nicht nur mit dem heidnischen Rom koexistieren konnte, sondern sogar seine Macht übernahm. Eigentlich ist es doch so: Es gibt kein katholisches Christentum. Es gibt einen katholischen Judaismus, da meine Genialität die pharisäische Idee konsequent zu Ende dachte und die "christliche Gefahr", die einst von Jesus ausging, durch Unterwanderung bravourös gebannt hat. So kommt es, dass die Kirche die pharisäischste Variante des Judaismus vertritt. Sie beruft sich unbeirrt auf den göttlichen Ursprung der Offenbarung und praktiziert, abgesehen vom Willen zur Macht und ihrem moralischen Grundgerüst, genauso wenig davon, wie sie sich für die tatsächliche Botschaft Jesu interessiert, sobald die der Kirchenmacht im Wege steht. Israel müsste mir dankbar sein. Niemand hat Jahwe soviel Macht verschafft wie ich. Ich habe die Heiden in ein wahrhaft pharisäisches Judentum gezeugt und ich verstehe nicht, warum der moderne Judaismus meine Leistung nicht anerkennt. Sein Ritus hat sich vom Original doch selbst so weit entfernt, dass er dessen Bedeutungslosigkeit im Gegensatz zum grundsätzlichen Auftrag Jahwes längst anerkennt. Und diesen Auftrag - Macht euch die Erde untertan! - hat mein Christentum in alle Welt verschifft. Warum begreifen die das nicht? Das Gesetz war für die Alten bloß Mittel zum Zweck. Mit Gesetz konnte Jahwe gerade mal Levi und Juda beherrschen, ohne Gesetz die halbe Welt. Wem wird die Macht also dankbarer sein? Und noch was, Ihr orthodoxen Haarespalter: Ohne ein Christentum, das den judaistischen Mythos zur eigenen Grundlage macht und die Eitelkeit des Judaismus damit bestätigt, spieltet Ihr auf der Welt keine größere Rolle, als Ihr es in China tut. Falls es überhaupt noch Juden gäbe.

Der Islam hat die Theologie des Judaismus genauso bestätigt wie das Christentum. Mohammed berief sich auf den israelitischen Mythos und sah sich als Vollender der mosaischen Offenbarung. Er huldigt keinem anderen Gott als Jahwe. Die Idee des mosaischen Gottesbilds hat er ohne Brüche beibehalten. Genau darauf beruht sein Erfolg.

Sura 8, 1:
Gottes ist die Beute und seines Gesandten.

Sura 8, 12:
Schrecken will ich setzen in die Herzen derjenigen, die ungläubig sind; so schlagt ihnen über die Nacken, schlagt ihnen die Fingerspitzen ab.

Sura 8, 14:
...und den Ungläubigen ist Pein im Fegefeuer.

Sura 8, 17:
Nicht ihr erschlugt sie, aber Gott erschlug sie; nicht du schleudertest als du geschleudert, aber Gott schleuderte;

Sura 8, 22:
Wahrlich, schlimmer als die Tiere sind bei Gott die Tauben und Stummen, die nicht begreifen.

Sura 8, 35:
So kostet nun die Pein, weil ihr ungläubig waret.

Sura 8, 40:
Und so bekämpft sie bis keine Verführung mehr ist und die Religion ganz Gottes.

Sura 8, 56-57:
...Wir vertilgten sie wegen ihrer Sünden und ertränkten die Leute Pharaos, denn sie waren alle Frevler. Wahrlich, die schlimmsten Tiere sind vor Gott diejenigen, die ungläubig sind...

Sura 8, 69-70:
Wenn nicht eine Schrift von Gott voraufginge, ganz gewiß würde euch ob dem, was ihr genommen, große Strafe getroffen haben. So genießt nun von dem, was ihr erbeutet, wie erlaubt und gut.

Sura 9, 5:
Sind die heiligen Monate vorüber, dann tötet die Götzendiener, wo ihr sie auch findet, fanget sie ein, belagert sie und stellt ihnen nach aus jedem Hinterhalt.

Sura 9, 14:
...Gott wird sie durch eure Hände strafen und zu Schanden machen...

Sura 9, 28-29:
..nur Schmutz sind die Götzendiener...Bekämpfet, die an Gott nicht glauben...

Sura 9, 30-35:
Die Juden sagen, Ezra sei ein Sohn Gottes, die Christen sagen, der Messias sei ein Sohn Gottes. Das ist ihre Rede mit ihren Mündern, ähnlich der Rede derer, die vordem ungläubig waren. Gott bekämpft sie, von wo aus sie auch lügen...Sie wollen das Licht Gottes mit ihren Mündern auslöschen, aber Gott...ist es, der den Gesandten...gesandt und mit der wahren Religion, sie überwinden zu lassen die Religionen alle...verkünde qualvolle Strafe. An jenem Tage werden sie im Feuer der Hölle geglüht...

Sura 9, 52:
Wir aber erwarten an euch, daß Gott euch treffe mit Strafe von ihm aus oder durch unsere Hände.

Sura 9, 62:
Und Barmherzigkeit für die, die unter euch glauben; die aber den Gesandten Gottes schmähen, ihnen ist qualvolle Strafe.

Das sind Ausschnitte (in der Übersetzung von Lazarus Goldschmidt) aus zwei Suren. Der Koran hat mehr als hundert davon. Der Islam ist die mohammedanische Variante des Judaismus, so wie das Christentum die paulinische ist. Weil sie Brüder im Geiste sind, haben sich die Varianten bis aufs Blut bekämpft, denn wer dem Herrn der Heerscharen dient, nimmt das Schwert in die Hand, selbst wenn er sich nach Frieden sehnt. Und wenn sonst keiner mehr da ist, bekämpft er seinen Bruder. Jesus hat es angekündigt:

Matthäus 10, 32-36:
Denket nicht, ich sei gekommen, Frieden auf die Erde zu bringen...sondern das Schwert...und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein.

Ich wäre nicht Paulus gewesen, wenn nicht auch ich die Beweiskraft der Texte durch Korrekturen erhöht hätte. Manchmal sind die Eingriffe so subtil, dass selbst ich meine Verwegenheit kaum bemerkte und somit sicher ist, dass auch den bekehrten Heiden nichts auffiel. Ein Beispiel steht im Römerbrief:

Römer 4, 3-5:
Denn was sagt die Schrift? "ABRAHAM GLAUBTE GOTT, UND ES WURDE IHM ANGERECHNET ZUR GERECHTIGKEIT"...dem jedoch...der...an den glaubt, der den Sünder gerecht macht, wird sein Glaube angerechnet zur Gerechtigkeit.

Hier habe ich den Römern suggeriert, mit der gleichen Konsequenz, mit der Abraham Gott glaubte, sei mir zu glauben. Gesetzt den Fall, Gott erschien Abraham tatsächlich: dann vertraute Abraham Gott. Den Römern jedoch war nicht Gott, sondern Paulus begegnet. Legitim wäre der Vergleich nur, wenn die Evidenz meiner Person ebenso überzeugend sein könnte wie die Evidenz Gottes. So subtil die irrige Suggestion ist, so subtil verrät sie meine Vermessenheit; die mich einmal mehr mit Gott vergleicht.

Die "heiligen" Texte waren von Menschen verfasst. Der Glaube fordert, sich dem Menschenwerk gegenüber so zu verhalten, als stamme es von Gott. So vergöttert sich er selbst und verführt die Gläubigen zum Götzendienst. In unserer Illusion, der Weisheit letzten Schluss zu kennen, gelang es uns schlecht, zwischen uns und Gott zu unterscheiden. Ich war niemals frei von der Ursünde unseres Kultes, die jeder Offenbarungsreligion zwangsläufig im Gewebe sitzt; weil der Anspruch, von Gott erwählt zu sein, zu einem Hochmut führt, den man nicht so einfach abschüttelt, wie die Asche, die man sich zur Buße für den Hochmut aufs Haupt streut. Ein paar Zeilen weiter heißt es:

Römer 4, 16-17:
...damit die Verheißung gültig sei für alle Nachkommen...Abrahams, der unser aller Vater ist, wie geschrieben ist: "Zum Vater vieler Völker habe ich dich gesetzt."

Mein Ziel war die Globalisierung eines konsequent pharisäischen Judaismus. Da der Gesetzesjudaismus, trotz bescheidener Anklänge zur transnationalen Ausweitung, streng nationalistisch war, habe ich den Internationalismus betont. Daher die Behauptung, Abraham sei unser aller Vater. Was nicht stimmt. Noah hatte drei Söhne: Sem, Cham und Japhet. Abraham war ein Nachkomme Sems (1 Moses 11). Die Völker, die angeblich auf Cham und Japhet zurückgehen, sind bei Moses (1 Moses 10) aufgezählt. Abraham gehörte zur neunten Generation nach Sem. Also geht selbst der größte Teil der Semiten nicht auf Abraham zurück; es sei denn in jeder Generation hat es immer nur einen Sohn gegeben. An anderer Stelle hat Moses (5 Moses 23) klargemacht, dass weder entartete Mischlinge noch Ammoniter und Moabiter überhaupt in die Gemeinde des Herrn eintreten dürfen. Moabiter waren Nachkommen Moabs. Moab war Lots Sohn mit seiner ältesten Tochter. Lot war Abrahams Neffe. Also war die Verheißung Moses` nicht einmal für alle Nachkommen Abrahams gedacht.

Die Schrift präzisiert durch keine Silbe, worin sie die Entartung der Mischlinge sieht. Daraus folgt: Mischlinge gelten einzig deshalb als entartet, weil sie Mischlinge sind. Gäbe es ein anderes Merkmal, als das, welches das Wort "Mischling" benennt, müsste es in der Bibel stehen, damit die späteren Generationen wissen, wem der Zugang zur Gemeinde des Herrn zu versperren ist. Da steht aber nichts. Auch Moses' Forderung an die Israeliten, sich rasserein zu halten, ist als göttliche Offenbarung verkündet und seine Verheißung folglich nicht auf christlich bekehrte Heiden zu beziehen. Wiederum später zitiere ich Psalm 44.

Römer 8, 36-39:
...wie geschrieben steht: "UM DEINETWILLEN WERDEN WIR HINGEMORDET DEN GANZEN TAG, WERDEN WIR ERACHTET WIE SCHAFE DIE ZU SCHLACHTEN SIND." Doch in all dem obsiegen wir durch den, der uns liebte...(nichts) wird uns zu trennen vermögen von der Liebe Gottes in Christus Jesus, unserem Herrn.

Hier stehen Mord, Schuld, Sieg und Liebe in einem typisch biblischen Zusammenhang. Im Selbstbild des Glaubens sind Parteigänger stets gutmütige Opfer einer bösartigen Welt. Für Treue wird Sieg verheißen. Gesiegt wird durch die Liebe Christi. Wie es tatsächlich zum Sieg kommt, illustriert erst der Hinweis auf die passende Stelle im Alten Testament.

Psalm 44, 3-23:
...Völker hast du zerschlagen, sie (unsere Väter) aber ausgebreitet. Denn nicht durch ihr Schwert gewannen sie das Land...vielmehr, weil du sie geliebt hast...Durch dich stoßen wir unsere Gegner nieder, in deinem Namen zertreten wir unsere Widersacher...Und doch hast du uns verworfen...zogst nicht zu Felde mit unseren Heeren...JA DEINETWILLEN MORDET MAN UNS DIE GANZE ZEIT, SIND WIR DEN SCHLACHTSCHAFEN GLEICHGEACHTET.

Wir mussten diplomatischer sein als die Alten. Der mosaische Kult eroberte die Macht vom Start weg mit dem Schwert. Das Christentum entstand unter anderen Bedingungen. Der Gegner war übermächtig. Man konnte ihn nicht offen herausfordern und im Kosmos Roms war der intellektuelle Pluralismus viel schwerer zu ersticken, als auf dem Sinai. Im Gegensatz zu den strenggläubigen Provinzlern in Jerusalem kannte ich die Welt und hatte das Gebot der Stunde verstanden. Wir mussten unsere Ziele in unverfängliche Begriffe kleiden. Hätten wir den Trägern der römischen Kultur unverschlüsselt angekündigt, dass wir sie zertreten werden, wäre unser Projekt an der Abwehr Roms gescheitert. Abgesehen davon, dass sie Sehnsüchte widerspiegelt, hatte die ständige Rede von Liebe, Erlösung und Brüderlichkeit eine taktische Funktion. Indem unser Machtwille Kreide fraß, gewannen wir trotz aller Pogrome die Zeit, unsere Basis auszubauen; bis wir die Macht übernahmen und sich der Wolf im Schafpelz offenbarte. Den Wolf konnte man aber schon vor der Machtübernahme erkennen, wenn man das Zitat im Kontext sah.

Der Psalm berichtet vom Hin und Her des Kriegsglücks. Die genannten Elemente - Mord, Schuld, Sieg und Liebe - sind darin fatal verstrickt. Der Psalm beginnt mit dem Völkermord an Kanaan. Dabei wird die Schuld mit der Behauptung verleugnet, das Motiv des Mordens sei nicht Eroberung gewesen, sondern die Pflicht, im göttlichen Auftrag Gutes zu tun. Eigentlich ist es nicht das eigene Schwert, das tötet, sondern der Arm Gottes, der sich der Schwerter der Gläubigen bedient. In deinem Namen zertreten wir unsere Widersacher... Wer nicht glaubt und mordet, ist ein Mörder. Wer glaubt und mordet, handelt im Befehlsnotstand. Ihm ist niemals etwas anzulasten. Dass bei der "Pflichterfüllung" das eigene Interesse siegt, macht einen Gläubigen der Selbstlosigkeit nur selten stutzig. Es ist der Sieg des eigenen Heeres im Vernichtungskrieg, der als Beweis der Liebe Gottes gilt. Nicht durch ihr Schwert gewannen sie das Land...vielmehr, weil du sie geliebt hast. Je erfolgreicher man Gegner erschlägt, desto mehr beweist das, dass der Totschlag rechtens war. Wenn der Egoismus des Gläubigen am Schluss über alle Widersacher triumphiert, dann keineswegs, weil er egoistisch war. Er triumphiert, weil er sich demütig der gerechten Sache überließ. So entsorgt der Bibelglaube Schuld nach nirgendwo.

Römer 4, 5-7:
...dem jedoch, der nicht Werke tut, sondern an den glaubt, der den Sünder gerecht macht, wird sein Glaube angerechnet zur Gerechtigkeit. So preist auch David den Menschen selig, dem Gott Gerechtigkeit zuerkennt ohne Werke: "Selig, deren Missetaten vergeben und deren Sünden zugedeckt wurden. Selig der Mann, dem nicht anrechnet der Herr die Sünde" (Psalm 32).

Einer Macht zu dienen, die Schuld zu Unschuld erklärt, wird zur Gerechtigkeit angerechnet. Der bloße Glaube, dass man schuldlos mordet, gilt als Schlüssel für die Seligkeit. Tugend ist die Mitgliedschaft in der Partei, die für ihre Sünden keine Strafe mehr befürchtet. Die Verquickung von Völkermord und Liebe Gottes, wie sie Psalm 44 besingt, hat das abendländische Denken niemals aufgelöst. Beide Kulte, die Völkermord verklären, stehen bis heute als moralische Autoritäten da. Indem die christliche Argumentation sich auf den Judaismus beruft, offenbart sie ihr Einverständnis mit dem, was der an pseudospiritueller und zwischenmenschlicher Beziehungsstruktur verherrlicht. Eingebettet in Bekenntnisse zur Barmherzigkeit heißt es daher:

Römer 9, 14-22:
Ist Ungerechtigkeit bei Gott? Keineswegs!...So erbarmt er sich also, wessen er will, und verstockt, wen er will...Du wirst mir nun sagen: "Wozu tadelt er dann noch? Denn wer widersteht seinem Willen?" O Mensch! Wer bist du denn, daß du rechten willst mit Gott?...Wenn nun Gott, da er seinen Zorn zeigen und sein Mächtigsein kundtun wollte, in großer Geduld Gefäße des Zornes ertrug, die bereitet waren für den Untergang...

Trotz aller Beschwörung der Brüderlichkeit hat das Christentum nie die Klarheit gefunden, die Menschenverachtung hinter seiner programmatischen Mildtätigkeit einzugestehen. Wenn menschliche Qualitäten Produkte omnipotenter Willkür sind, dann ist die Gerechtigkeit, die das Christentum predigt, sehr wohl absurd. Die Antwort, die ich dem, der nach dem Sinn des Unsinns fragt, zu geben weiß, ist die, dass, wer fragt, sein Lebensrecht verwirkt. Gott schuf Gefäße des Zorns, die bereitet waren für den Untergang. Damit er am Totschlag sein Mächtigsein kundtut. Gott schuf menschliche Tontauben, damit ihr Abschuss die Wucht seiner Flinte beweist. Angeblich hat Hosea prophezeit, dass Gott auch Heiden zu "Gefäßen der Erbarmung" berufen hat. Nichts davon ist wahr.

Römer 9, 25-26:
...wie er auch bei Hosea spricht: "Das Nicht-mein-Volk werde ich rufen als Mein-Volk...Und es wird geschehen: an dem Ort wo zu ihnen gesagt wurde: IHR SEID NICHT-MEIN-VOLK, DORT WERDEN SIE GENANNT WERDEN: SÖHNE DES LEBENDIGEN GOTTES".

Ein Blick aufs Original klärt auf, dass mit Nicht-mein-Volk keineswegs Nichtjuden gemeint sind. Als Nicht-mein-Volk werden Israeliten benannt, die sich dem orthodoxen Kult entzogen. Die Prophezeiung kündigt an, dass Jahwe die Namen der Baale aus ihrem Mund entfernen wird. Nach erfolgter Unterwerfung unter das Gesetz sind abtrünnige Israeliten wieder "DES LEBENDIGEN GOTTES SÖHNE."

Hosea 2, 1-2:
Die Zahl der Söhne Israels wird sein wie der Sand am Meere...ANSTATT SIE ANZUREDEN: "IHR SEID NICHT MEIN VOLK" WIRD MAN ZU IHNEN SAGEN: "DES LEBENDIGEN GOTTES SÖHNE." Dann werden sich die Söhne Judas und Israels zusammenschließen, über sich ein gemeinsames Oberhaupt setzen und sich des Landes bemächtigen; denn groß ist Jezreels Tag.

Zu behaupten, Hosea spreche von bekehrten Römern, die noch dazu aufs Gesetz verzichten, ist Unsinn. Hätten die Römer gewusst, dass sich die Söhne Judas des Landes bemächtigen wollten, hätte womöglich nicht erst die Paranoia eines Nero auf uns panisch reagiert. Also habe ich die Römer bewusst in die Irre geführt. Kurz nach dem manipulierten Zitat Hoseas folgt ein weiteres von Isaias:

Römer 9, 27-28:
Isaias aber ruft über Israel: "WÄRE DIE ZAHL DER SÖHNE ISRAELS WIE DER SAND AM MEER, NUR DER REST WIRD GERETTET WERDEN. DENN SEIN WORT ERFÜLLEND UND ES RASCH VOLLZIEHEND, WIRD DER HERR HANDELN AUF ERDEN."

Ich machte den Römern weis, Isaias habe prophezeit, dass sich DER REST der Juden zum Christentum bekehrt. Auch das ist gelogen:

Isaias 10, 22-26:
WENN AUCH DEIN VOLK, O ISRAEL, WÄRE WIE DER SAND AM MEER, NUR EIN REST DAVON KEHRT UM. VERNICHTUNG IST JA BESCHLOSSEN, GERECHTIGKEIT FLUTET HERAN. DENN EINE FESTBESCHLOSSENE VERNICHTUNG VOLLZIEHT DER GEBIETER, DER HERR DER HEERSCHAREN, INMITTEN DER GANZEN ERDE. Darum spricht der Gebieter...:"Fürchte dich nicht, mein Volk, das den Sion bewohnt, vor Assur, das dich mit der Rute schlägt...noch eine kurze Spanne Zeit...dann wird der Herr der Heerscharen über Assur die Peitsche schwingen wie beim Schlag über Midian...

Die festbeschlossene Vernichtung, die als Gerechtigkeit heranflutet, erschien mir als zu starker Tobak, als dass ich davon den sensibleren Naturen unter den Römern unzensiert eine Pfeife hätte verpassen wollen. Noch schlimmer: Was hätten wir gesagt, falls uns römische Eltern fragten, an wessen Kindern der Bibelgott demnächst wie beim Schlag über Midian den Holocaust vollstreckt? Also habe ich die "vernichtende Gerechtigkeit" und den verräterischen Rest des Zitats in ein mildes "sein Wort erfüllend und es rasch vollziehend" verwandelt. Jeder konnte dann glauben, bald wird erfüllt, was auch er sich wünscht. Während im Original der Rest Israels "umkehrt", heißt es bei mir, ein Rest werde "gerettet". Warum, ist klar. Die umkehrenden Israeliten kehrten zum Kult ihrer Väter zurück. Wohin sonst? Meine jüdischen Bekehrten taten das Gegenteil: Sie wandten sich ab. Dass Isaias niemals an Jesus, die Römer und den Apostel Paulus dachte, macht der Kontext deutlich: Es ging um die Gefahr, die von Assyrien ausging. Wenn jemand gerettet werden sollte, waren es strenggläubige Gesetzesjuden vor Assur. Ich könnte ja behaupten, die Fälschung der heiligen Texte sei aus Versehen passiert. Das ist sie nicht. Lieber stehe ich zu meinem Betrug, als dass man mich fortgesetzter Schlamperei verdächtigt oder gar meint, dass ich die Texte, die ich von Kindesbeinen an eingeschärft bekam, nicht hätte lesen können.

Meine Bereitschaft zum Betrug kann ich erklären. Zu den alten Texten, deren Sinn ich unbeirrt konträr zu dem auslegte, wie es tatsächlich gemeint war, hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits waren sie mir vertraute Heimat meiner väterlichen Welt. Andererseits waren sie aber auch die verhassten Gitterstangen einer Kindheit, hinter denen sich einst mein Spieltrieb und die Neugier meines jungen Geistes wie geknebelte Panther erstickt im Kreise drehten. Während man beim Auswendiglernen in der Synagoge stets "Dank dem Vater für die Strenge des Gesetzes" zu denken hatte, dachten die Vögel in meinem Herzen, die zu tosenden Wipfeln fliegen wollten, ganz anders. Als ich es noch nicht aussprechen konnte, erschien mir die Gesetzestreue der Lehrer mehr als einmal wie ein hohles Ritual hinter dem sich irdisches Schachern um himmelhohen Lohn verbarg. Als ich es dann hätte aussprechen können, hatten mir die Gitterstangen der verstaatlichten Rechtschaffenheit schon so tiefe Spuren ins Gesicht gedrückt, dass auch mein Mund ständig vom Bibelgott sprach, während mein Herz ihn als Kasper verspottete. So kam es, dass ich, ständig das Lob Gottes auf den Lippen, seine vorgeblichen Worte so gründlich verdrehte, als hätten seine Propheten beim Verkünden Knoten in den Zungen gehabt und daher ein unverstehbares Stammeln von sich gegeben, das erst der Verkünder des Gegenteils wahrhaft zu entschlüsseln wusste.

Vielleicht sprach aus mir der Spott der Wahrhaftigkeit über ihre Schändung. Ohne dass ich davon etwas wusste. Ein Spott, der Jahwe hinterrücks so gründlich zerfleddert, wie er ihn von vorne vollmundig preist. Vielleicht bringt Falsches aber eben bloß Falsches hervor. Von mir aus war es jedenfalls nicht als Rache gedacht. Rache ist zu sehr Vorsatz, als dass man meine Gewissenlosigkeit im Umgang mit "Gottesworten" so bezeichnen dürfte. Ich wollte mich nicht an Gott rächen. Ich wollte bloß erfolgreich sein. Der Vorgang zeigt jedoch, wie wenig echte Gottesfurcht ein eingeschärfter Glaube vermittelt. Bereichern wir das Thema durch weitere Stücke! Im Römerbrief Kapitel 10 heißt es:

Römer 10, 11:
...Es sagt ja die Schrift: "EIN JEDER, DER AN IHN GLAUBT, WIRD NICHT ZUSCHANDEN WERDEN."

Isaias 28, 16:
"Seht, ich lege in Sion einen Stein, einen bewährten Stein, einen kostbaren Eckstein, der festgegründet ist. WER GLAUBT, MUß NICHT VERZAGEN..."

Wir sind uns ohne langes Reden einig, dass man den Eckstein der alten Bibel mit dem gleichen Recht mit Jesus gleichsetzen kann, wie mit allem, mit dem man ihn gleichsetzen will. Isaias meint denselben Eckstein, von dem Psalm 118, 22 und Lukas spricht:

Lukas 20, 17:
Der Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.

Mit gutem Recht kann man im Eckstein auch das Gesetz erkennen, das die Bauleute des Christentums verwarfen und das über die Jahrhunderte zum Mahnmal ihres unredlichen Umgangs mit den vereinnahmten Urkunden des mosaischen Kults geworden ist. Ein besonderes Ausmaß an Unredlichkeit erreicht meine Zitierkunst in Kapitel 15:

Römer 15, 9:
Die Heiden aber sollen Gott preisen wegen des Erbarmens, wie geschrieben steht: "DARUM WILL ICH DICH PREISEN UNTER DEN HEIDENVÖLKERN UND DEINEN NAMEN LOBSINGEN".

Psalm 18, 38-50:
Ich setzte meinen Feinden nach...und ließ nicht ab, bevor sie aufgerieben. Ich zerschlug sie; sie konnten sich nicht mehr erheben, sie sanken mir unter die Füße...Sie...schrieen zum Herrn, doch er hörte nicht. Ich...zertrat sie wie Gassenkot. Du...machtest mich zum Völkerhaupt. Völker, die ich nicht kannte, wurden mir dienstbar. Sobald sie von mir hörten, gehorchten sie mir. Die Söhne der Fremden duckten sich nieder... Gott, der mir Rache schuf und so mir Völker unterwarf...DARUM WILL ICH DIR DANKEN UNTER DEN VÖLKERN, HERR UND DEINEN NAMEN LOBSINGEN!

Man kann verstehen, dass David den Herrn lobpreist, dem er seine Siege und die Macht zu verdanken glaubt, Völker wie Gassenkot zu zertreten. Offensichtlich ist es aber den Völkern, die er nicht endgültig zertrat, unter seiner Herrschaft dreckig ergangen. Sie wurden unterworfen. Ihre Söhne duckten sich vor der israelitischen Kriegsmacht. Völker, die David noch gar nicht kannte, wurden ihm dienstbar. Keineswegs gibt es für die Heiden also Anlass, diesen Gott wegen seines Erbarmens zu preisen, wie der Römerbrief es empfiehlt. Bei David heißt es klipp und klar: Sie schrieen zum Herrn, doch er hörte nicht. Ähnlich geht es weiter:

Römer 15, 10:
Und wiederum heißt es: "FREUET EUCH, IHR HEIDEN, ZUSAMMEN MIT SEINEM VOLKE!"

5 Moses 32, 42-48:
Meine Pfeile, berauscht sind sie vom Blut, mein Schwert soll fressen vom Fleisch, von der Erschlagenen und Gefangenen Blut, vom fliegenden Haupthaar des Feindes! BRINGT ZUM JAUCHZEN, IHR HEIDENVÖLKER, SEIN VOLK, weil er das Blut seiner Knechte rächt, an seinen Gegnern die Rache vollzieht und Sühne schafft dem Land seines Volkes!..."befehlt sie (die Worte) auch euren Kindern an, daß sie alle Worte dieses Gesetzes gewissenhaft befolgen! ...denn durch dies Wort werdet ihr lange leben in dem Lande, zu dessen Besitzergreifung ihr nun über den Jordan zieht!"

Der zitierte Satz stammt aus Moses' Vermächtnis an Israel kurz vor dem Überfall auf Kanaan. Keinesfalls meinte er, dass sich die Heiden ZUSAMMEN MIT SEINEM VOLKE FREUEN. Dazu hatten sie auch keinen Grund. Vielmehr sollten sie SEIN VOLK ZUM JAUCHZEN BRINGEN. Fragt man sich, wie der Vernichtung geweihte Heidenvölker Israel zum Jauchzen bringen, lohnt sich der Vergleich verschiedener Bibelübersetzungen, damit man den Sinn der Stelle in etwa ortet. In einer Lutherbibel (Privilegierte württembergische Bibelanstalt) von 1914 heißt es: Jauchzet alle, die ihr sein Volk seid... In einer revidierten Fassung (Deutsche Bibelstiftung Stuttgart) von 1964 lesen wir: Preiset, ihr Heiden, sein Volk..., und im vierten Beispiel (Katholische Bibelanstalt 1980, Stuttgart) steht es wieder anders: Erhebt das Siegesgeschrei, ihr Himmel, zusammen mit ihm, werft euch vor ihm nieder, ihr Götter!

Christliche Bibelübersetzer winden sich erfolglos, um den Widersinn meiner Argumentation zu entsorgen. Egal welche Variante dem Ursprung am nächsten kommt, der Geist der mosaischen Predigt geht aus dem Kontext hervor. Wenn das Schwert sich selbst am Blut der Gefangenen berauscht, geht es beileibe um keine Verbrüderung. Eher ist zu fürchten, dass es nach einem Sieg Israels gar keine Heiden mehr gibt, die das Volk dieses Gottes preisen könnten, geschweige denn, dass sie gemeinsam mit ihm jauchzen. Wenn die Heiden sein Volk also zum Jauchzen bringen, liegt der Gedanke nah, dass sie es, wenn nicht durch ihren blanken Untergang, so doch durch Unterwerfung tun. Hätte Moses die christliche Kirche verheißen, also ein gemeinsames Jauchzen und Verzicht aufs Gesetz, hätte ihm Jahwe, angesichts der kosmischen Bedeutung dieses Ziels, dafür klare Worte in den Mund gelegt; damit die Welt Siegesgeschrei nicht für das Jauchzen Besiegter hält. Nach dem selben Muster fälschte ich ein paar Zeilen weiter den Sinn einer Prophezeiung Isaias'.

Römer 15, 12:
Isaias wiederum sagt: "ES WIRD KOMMEN, DIE WURZEL JESSE UND ER, DER AUFSTEHT, ZU HERRSCHEN ÜBER DIE HEIDEN; AUF IHN WERDEN HOFFEN DIE HEIDEN."

Isaias 11, 10-14:
NACH ISAIS WURZEL, DIE DASTEHT ALS BANNER DER VÖLKER, FRAGEN DIE HEIDEN...Er richtet den Völkern ein Banner auf und sammelt die Versprengten von Israel; die Zerstreuten von Juda holt er heim...die Bedränger Judas rottet man aus...Sie stürmen zum Abhang der Philister am Meer, plündern die östlichen Stämme vereint. Nach Edom und Moab greift ihre Hand. Ammons Söhne sind ihnen gehorsam.

Im Original HOFFEN Heiden keineswegs auf Israels Gott. Vielmehr FRAGEN sie nach einem BANNER, also nach einer Kriegsflagge und es ist die israelitische Kriegsflagge, die den Völkern aufgesetzt werden soll. Da es um die Ausrottung der Feinde Judas geht, um die Plünderung der östlichen Stämme, den Sturm auf die Gebiete der Philister, die Beherrschung Moabs und Edoms sowie die Tributpflicht Ammons , täten die Heiden auch gut daran, nach dem Banner Isais zu fragen. Aber nicht um darauf zu hoffen. Um zu erkennen, woher der Angriff erfolgt. Im Korintherbrief behaupte ich:

1 Korinther 1, 19:
Es steht ja geschrieben: "VERNICHTEN WILL ICH DIE WEISHEIT DER WEISEN UND DIE KLUGHEIT DER KLUGEN VERWERFEN."

Auch das stimmt nicht. Bei Isaias steht es anders:

Isaias 29, 13-14:
...darum werde ich auch fürderhin wunderlich handeln an diesem Volk, ja äußerst verwunderlich. DA WIRD VERGEHEN SEINER WEISEN WEISHEIT, SICH VERBERGEN SEINER KLUGEN KLUGHEIT."

Im Original will Gott die Weisheit nicht vernichten. Ebenso wenig verwirft er die Klugheit. Eine Weisheit, die vergeht, ist keine, die vernichtet wird, sondern eine, die nicht reicht. Ihr Wert ist durchaus festgestellt. Der tatsächlich Weise weis aber um die Begrenzung seiner Weisheit. Er weis, dass die Welt zuweilen so wunderlich ist, dass ihm die Weisheit vergeht und es albern wäre, mit menschlicher Klugheit zu protzen. All das heißt aber nicht, dass man das Kind mit dem Bade auszuschütten hätte, indem man die Weisheit vernichtet und die Klugheit verwirft, wie es sich das Christentum zum Ziel setzt.

1 Korinther 1, 21-23:
Denn da die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Heilsbotschaft die zu retten, die glauben...die Hellenen suchen Weisheit; wir aber verkünden einen gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit.

In der Tat: Wenn man Torheit zur Tugend erklärt, braucht man keine Weisheit mehr zu fürchten. Weise wäre es gewesen, auch dem folgenden Zitat seine wahre Aussage zu lassen:

1 Korinther 3, 20:
Es steht ja geschrieben...: "DER HERR KENNT DIE GEDANKEN DER WEISEN, DAß SIE EITEL SIND."

Psalm 94, 11:
DER HERR WEIß UM DIE GEDANKEN DER MENSCHEN, DAß SIE NÄMLICH EIN NICHTS SIND.

Hätte ich ein Quäntchen Weisheit eingesetzt, statt sie im Rausch des Glaubens zu zertreten, hätte ich begriffen, dass auch meine Gedanken EIN NICHTS SIND und der nichtige Gedankenakt eines Menschen ungeeignet ist, die Bedenken des Psalms, was das menschliche Urteil betrifft, auf die Weisen zu beschränken, um mit der Blindheit eines selbsternannten Toren ausgerechnet die Einäugigen mangelnder Sehkraft zu bezichtigen. Andernorts habe ich das Original nicht einmal verfälscht, sondern bloß entgegen jeder Logik das Offensichtliche verleugnet.

Galater 3, 10-13:
Denn alle, die aus Gesetzeswerken sind, stehen unter Fluch; es steht ja geschrieben: "VERFLUCHT IST EIN JEDER, DER NICHT FESTHÄLT AN ALLEM, WAS GESCHRIEBEN IST IM BUCH DES GESETZES, UM ES ZU TUN."...Christus kaufte uns los aus dem Fluch, indem er für uns ein Verfluchter wurde...

5 Moses 27, 26:
"VERFLUCHT IST, WER DEN WORTEN DIESES GESETZES NICHT DURCH IHRE ERFÜLLUNG GELTUNG VERSCHAFFT!" Das ganze Volk soll sprechen: "So sei es!"

Bei Moses steht es so und Jesus hat das gleiche gesagt. Mir kam die Stelle aber nicht zupass, da das Gesetz die Ausbreitung des Paulismus störte. Darum habe ich behauptet, vom Fluch sei nur bedroht, wer aus Gesetzeswerken ist: Juden also, die sich um das Gesetz bemühen und womöglich dabei straucheln. Vom selben Fluch sei man aber - ausgerechnet! - dann befreit, wenn man das von Gott gebotene Gesetz vollständig in die Tonne kloppt. Als Meister des Absurden gebührt mir somit ein weiterer Lorbeerkranz! Erstens steht bei Moses von einer Einschränkung keine Silbe. Zweitens hat er sich darüber auch keine Gedanken gemacht, da er zu Hebräern sprach und Fremde, wenn nicht als Zielgruppe einer Endlösung, bestenfalls als Sklavenvölker sah, keineswegs aber als Fremdenlegion mit Sonderstatut. Und drittens: Wenn man die Christen als das wahre Volk Israel auffasst, wie das Christentum es tut, gälte das Gesetz erst recht - denn: wie heißt es bei Moses? Das ganze Volk soll sprechen: "So sei es!" Dass nämlich verflucht ist, wer dem Gesetz keine Geltung verschafft. Wenn der Glaube erlaubt, den Aufruf zum Gesetz als seine Abschaffung zu bezeichnen, erlaubt er damit, dass man zwischen "gut" und "böse" keinen Unterschied macht. Im Galaterbrief findet sich auch die "klassische" Verfälschung. Die Logik dieser Machenschaft verrät, was mein Pharisäerherz tatsächlich über Jesus dachte.

Galater 3, 13:
Christus kaufte uns los aus dem Fluch des Gesetzes, indem er für uns ein Verfluchter wurde; es steht ja geschrieben: "VERFLUCHT IST JEDER, DER AM HOLZE HÄNGT."

5 Moses 21, 22:
Wird jemand für ein todeswürdiges Verbrechen hingerichtet, und man hängt ihn an einem Pfahl auf, dann soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Pfahl hängenbleiben...DENN VON GOTT VERFLUCHT IST EIN AUFGEHÄNGTER;

Der Aufgehängte ist von GOTT VERFLUCHT, wenn er für ein todeswürdiges Verbrechen hingerichtet wurde. Auch wenn gewiefte Scholastiker die Logik nun durch winzige Ösen ziehen, um den Widersinn zu richten, scheitern selbst 5000 ihres Zeichens daran, der Menschheit zu erklären, wegen welcher Verbrechen Gott den Erlöser des christlichen Gottesvolks verflucht und ans Kreuz genagelt haben soll. So bleibt dem Bekenner nur ein Weg: Da sein Credo nicht geglaubt werden kann, weil es glaubwürdig ist, kann er es, wie die mittelalterlichen Meister der Verleugnung, nur glauben, weil es absurd ist: credo quia absurdum. Die Frage ist nur: Welcher Absurdität soll man glauben? Der jüdischen? Der christlichen? Oder doch dem Islam? Unterscheiden kann man zwischen "richtig" und "falsch". Alles Absurde verschwimmt im Meer des Unsinns. Im guten Fall kann man sich enthalten. Im schlimmsten bringt es einen um. Im Vergleich zur Absurdität des von Gott verfluchten Messias' wirkt eine Fälschung aus dem Epheserbrief kindlich. Letztlich bleibt es aber eine Fälschung, erdacht, um Parteigänger ins Christentum hineinzutäuschen.

Epheser 4, 8-15:
Darum heißt es: "AUFSTEIGEND IN DIE HÖHE, FÜHRTE ER DIE GEFANGENEN MIT SICH UND GAB DEN MENSCHEN SEINE GABEN." ...Der herabstieg, ist derselbe, der auch hinaufstieg über alle Himmel, damit er alles erfülle. Und er ist es, der "gab": die einen als Apostel, die anderen als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer...Nicht mehr unmündige Kinder wollen wir sein, geschaukelt und umhergeworfen von jedem Wind der Lehre im Trugspiel der Menschen, das voll Hinterlist ausgeht auf Täuschung und Verführung. In der Wahrheit wollen wir stehen...

Psalm 68, 17-23:
Warum schaut ihr voll Neid, ihr gipfelreichen Berge, auf den Berg, den Gott sich zum Sitz erkor...?... Der Herr kam vom Sinai ins Heiligtum (auf dem Berg Sion) gezogen. DU STIEGST ZUR HÖHE EMPOR, FÜHRTEST GEFANGENE MIT, EMPFINGST GESCHENKE VON DEN MENSCHEN, selbst von jenen, die sich sträubten, zu wohnen beim Herrn...Der Herr hat gesprochen: "...daß dein Fuß sich bade in Blut, die Zunge deiner Hunde Anteil bekomme an den Feinden."

Da der Beitritt mehr lockt, wenn man keine Geschenke zu machen hat, sondern welche bekommt, habe ich aus den Geschenken, die Gott empfängt, Gaben gemacht, mit denen er die Menschheit beglückt: zum Beispiel mich. Außerdem verschwieg ich, dass der Aufstieg des beschenkten Gottes im Alten Testament nur bis auf einen Hügel führte: den Berg Sion, auf dem in Jerusalem der Tempel stand und wo die Gläubigen ihre Geschenke den Leviten in die Hände legten. Im Epheserbrief tue ich so, als handele es sich bei dem Hügel um den Himmel, in den Christus fährt. Selbstverständlich habe ich mein eigenes Trugspiel nie als Hinterlist erlebt, denn alles, was ich dachte, hielt ich prinzipiell für richtig. Da ich mich als Verwalter der Geheimnisse Gottes (1 Korinther 4, 1) sah, kratzten mich keine Zweifel an meiner Unfehlbarkeit. Die Berufung, die ich empfand, war so großartig, dass mir der Rest menschlicher Belange bedeutungslos erschien.

Philliper 3, 8:
Ja, ich erachte auch wirklich alles für Unwert angesichts der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu...um seinetwegen gab ich alles auf und betrachtete es als Unrat...

Zu diesem Unrat zählte, was der alles übertreffenden Erkenntnis Christi im Wege stand: Redlichkeit, Dokumententreue, Wahrheitsliebe. Letztlich hielt ich sogar Gottesfurcht für überwunden, jedenfalls soweit ich nicht selbst der Gott war, den es zu fürchten galt:

Hebräer 7, 18:
Aufgehoben wird die vorausgehende Ordnung wegen ihrer Schwäche und Unbrauchbarkeit...

Gott hatte auf dem Sinai eine unbrauchbare Ordnung offenbart! Warum sollte man einen Schwachkopf fürchten, der für die eigene Welt keine passenden Regeln erfand? Und da jemand wie ich grundsätzlich nicht sündigen konnte, konnte der Schwachkopf es mir nicht verübeln, wenn ich seinen Posten übernahm.

1 Johannes 5, 18-19:
Wir wissen: jeder aus Gott geborene sündigt nicht...Wir wissen, daß wir aus Gott sind, die Welt aber liegt ganz im Bösen.

Christsein galt als Freibrief, Wahrheit schuldfrei zu verdrehen.

1 Johannes 2, 22:
Wer ist der Lügner, wenn nicht derjenige, der leugnet, daß Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist...

1 Johannes 4, 3-6:
...jeder Geist, der Jesus nicht bekennt, ist nicht aus Gott. Und das ist der Geist des Antichrist...wer Gott erkennt, hört auf uns, wer nicht aus Gott ist, hört nicht auf uns. Daran erkennen wir den Geist der Wahrheit...

Wahrheit war als das definiert, was wir dachten. Die profane Wahrhaftigkeit jenseits des Bekenntnis' zur Christenpartei war bedeutungslos. Uns nicht zuzustimmen, bewies Verlogenheit. Wer nicht auf unserer Seite stand, war automatisch Satan. Wer wäre auf die Idee gekommen, dass wir, die wir aus Gott sind, dem Satan, wegen dessen Bosheit die Welt ganz im Bösen lag, eine redliche Auseinandersetzung über Lüge, Wahrheit, Täuschung und Irrtum schuldig gewesen wären? Gegen den Antichristen hat man das Recht mit allen Waffen vorzugehen. Gehört dazu nicht auch List, Täuschung und Fallenstellerei? Wenn das Gute gegen Satan kämpft, darf es am Bösen nicht sparen. Es siegt, indem es noch viel böser als sein Widersacher wird. Schuldlos darf man deshalb soviel lügen, bis die Wahrheit passt.

Hebräer 10, 14:
Denn durch ein einziges Opfer hat er für immer jene, die geheiligt werden sollen, zur Vollendung geführt.

Religiosität setzt voraus, dass Vollendung nicht erlangt ist. Religiös empfindet Unvollkommenes, das nach Ergänzung sucht. Wenn jene, die geheiligt werden sollen, bereits zur Vollendung geführt sind, ist deren Religiosität beendet. Was sollte man erstreben, wenn man auf dem Gipfel steht? Und welchen Sinn macht Reue, wenn die Entscheidung über Tod und Leben längst gefallen ist?

Offenbarung 17, 8-17:
Staunen werden die Bewohner der Erde, deren Namen nicht eingeschrieben sind im Buch des Lebens seit Grundlegung der Welt...Denn Gott gab es ihnen ins Herz, nach seinem Plan zu handeln...

In solche Sackgassen gerät das Denken, wenn man mehr an der Macht interessiert ist, die Gott verleihen soll, als an der Freiheit, die er zu verschenken hat. Dann meint man, dass er als mächtiger Schöpfer alles vorherbestimmte. Man begreift nicht, dass er als zitternde Schöpfung entscheidet. Das Christentum betrieb eine Spaltung der Menschheit. Es betrieb sie grundsätzlicher, als wenn man über den Wert von Menschen nach Rassemerkmalen entscheidet. Angebliche Defizite, die Resultat vermeintlich minderwertiger Anlagen sind, könnte man durch Anstrengung überwinden. Zwerge ernten die besten Datteln, wenn ihr Mut bis in die Wipfel reicht. Ist die Minderwertigkeit aber schon seit Grundlegung der Welt festgeschrieben, steht fest, dass die "Wertlosen" unausweichlich zu vernichten sind. Die Lehre riss einen Abgrund zwischen Parteigänger und Andersdenkende. Nicht alle Gemeindemitglieder schlossen sich der Polarisierung ohne Widerstand an. Die Führung musste schon früh Druck ausüben, damit die Schäfchen in der Koppel blieben. Dazu gehörte die Abgrenzung gegenüber Intellektuellen. Gemäß biblischer Tradition, Erkenntnis zu verteufeln, kontrollierten wir den Kontakt zwischen Sekte und Außenwelt. Wir drohten mit ewiger Verdammnis und direkter Gewalt.

2 Johannes 9-11:
Jeder, der davon abgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht...Wenn einer kommt und diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht auf in das Haus und sagt ihm auch nicht den Gruß; wer ihm den Gruß entbietet, macht sich teilhaft seiner bösen Werke.

Den Kontakt zu Andersdenkenden unterbanden wir möglichst ganz. Als gefährlich galt, wer eine eigene Sichtweise besaß. Sicherheitshalber sollte man Nichtchristen gar nicht erst grüßen. Eine weitere Gefahrenquelle waren die Bücher jeder nichtchristlichen Lehre. Wir bezeichneten sie als Machwerk dunkler Mächte und vernichteten sie sobald wir die Macht dazu hatten. Ziel war, dem Intellekt jede geistige Quelle zu entziehen, die unser Monopol in Frage stellt.

Apostelgeschichte 19, 19-20:
Viele von denen, die Zauberei getrieben hatten, trugen ihre Bücher zusammen und verbrannten sie vor aller Augen; man berechnete ihren Wert auf 50000 Silberdrachmen. So entfaltete sich das Wort des Herrn mit Macht und gewann an Kraft.

Im Hebräerbrief hat die Kirche formuliert, was mit Gemeindemitgliedern geschehen soll, die sich dem Machtanspruch nicht beugen:

Hebräer 10, 28-31:
Wenn einer das Gesetz des Moses mißachtet hat, muß er ohne Erbarmen...sterben. Wieviel ärgere Strafe, meint ihr, verdient jener, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt wurde, für gemein erachtet und den Geist der Gnade schmäht? Schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen.

"Intoleranz" ist als Begriff zur Beschreibung des Bibelglaubens untauglich. Er verharmlost und erkennt den Führungsanspruch des Christentums an; wenn es sich dazu herablässt, seine Herrschaft milder zu gestalten. "Intoleranz" heißt "Unduldsamkeit". Bezeichnet man das Christentum als "intolerant", identifiziert man sich mit der christlichen Sicht: dass der Christ nämlich durch die Existenz des Nichtchristlichen etwas zu erdulden habe; wogegen er sich in der archaischen Zeit seiner Herrschaft etwas zu grob gewehrt hat. "Duldung" ist defensiv. Fordert man das Christentum auf, duldsamer zu werden, unterstellt man dem Nichtchristen jener Aggressor zu sein, dessen Übergriffe das Christentum entweder erduldet oder nicht. Mit dem Appell an die Kirche, über das Ausmaß ihrer "Unduldsamkeit" zu entscheiden, weist man ihr jenen erhöhten Platz zu, der mit dem Recht zusammenfällt, über Gesellschaftsstrukturen zu entscheiden. Der Bibelglaube ist jedoch nicht intolerant - also "nur eingeschränkt be-reit, das Böse der anderen zu erdulden". Er ist autonom gewalttätig. So hat denn auch, wer den Sohn Gottes mit Füßen tritt und...den Geist der Gnade schmäht, ärgere Strafe zu erwarten, als dass er bloß getötet wird. Dabei ist klar, dass die Fußtritte gegen den Sohn Gottes ebenso wie die Schmähungen des Geistes der Gnade Metaphern sind, Metaphern für jede Form des Widerstands gegen den Zugriff biblischer Machtansprüche.

Der Begriff "patriarchalisch" verharmlost ebenso. "Patriarchat" heißt "Vaterherrschaft". Der Begriff beschreibt eine Gesellschaft, die von väterlichen Impulsen bestimmt wird. Das trifft auf das biblische Modell nicht zu. Was macht einen Vater aus? Ist es die Vaterschaft oder die Väterlichkeit? Um das zu klären, machen wir ein gedankliches Experiment: Wenn ein Mann eine Frau schwängert und nichts davon erfährt, hat die Zeugung auf seine Existenz keinen Einfluss. Für ihn gibt es zwischen "Vaterschaft" und "Nicht-Vaterschaft" keinen Unterschied. Wenn die alleinige Zeugung eines Kindes für den Mann jedoch nichts ausmacht, ist die rein biologische Vaterschaft für die Definition des Begriffs "Vater" bedeutungslos. Folglich ist "Väterlichkeit" das, was einen Vater bestimmt. Was ist nun aber "Väterlichkeit", wenn die biologische Dimension für das Vatersein keine Rolle spielt?

Befragen wir dazu die Etymologie und werfen wir einen Blick in die Natur! "Vater" entstammt vermutlich der indogermanischen Wurzel "po[i]- = schützen, hüten". In der Natur gibt es zwei Varianten, wie sich "Väter" ihrem Nachwuchs gegenüber verhalten: Die einen zeugen bloß und kümmern sich nicht um die Resultate ihrer Zeugungskraft, die anderen kümmern sich und sind gerade deshalb väterlich. Was es in der Natur aber nicht gibt, sind Väter, die das Leben des Nachwuchses gezielt für eigene Zwecke nutzen. Selbst wenn die Wissenschaft die Herkunft des Wortes nur vermuten kann, ist das Bild des Schutzes so plausibel, dass man es getrost als die korrekte Deutung des wesentlichen Kerns der Väterlichkeit gelten lassen kann. Machen wir die Gegenprobe! Unsere These heißt: Der Bibelglaube ist nicht patriarchalisch. Moses und erst recht Abraham gelten in der Heilsgeschichte als die exemplarischen Urväter, auf die sich alle Bibeltreuen berufen. Abraham hat es Isaak gegenüber jedoch exakt an jener Haltung gefehlt, die wir als Inbegriff der Väterlichkeit ausgemacht haben. Statt seinen Sohn zu schützen, war er bereit, ihn umzubringen. Auch Moses verhält sich Kindern gegenüber so. Zwar erfahren wir nichts davon, ob er jemals eigene Kinder umgebracht hat, Aarons Söhne, also seine Neffen, fielen ihm aber ebenso zum Opfer, wie die Kinder der Leviten, die er von ihren eigenen Vätern niedermachen ließ. Selbstverständlich ist Moses auch der Mord an leiblichen Kindern zuzutrauen.

5 Moses 13, 7-12:
Wenn...dein Sohn oder deine Tochter...dich heimlich verführen wollen...andern Göttern (zu) dienen...so darfst du...nicht...sie schonen...Deine Hand soll sich zuerst gegen sie erheben, um sie zu töten...

Eine Väterlichkeit, die den Sinn ihres Wesens erfüllt, ist bei biblischen Urvätern nicht zu finden. Es ist undenkbar, dass ein Mann, der je väterlich empfunden hätte, zum Mord an eigenen Kindern aufruft. Der Blick des biblischen "Urvaters" auf das Kind bleibt in der Gewinnsucht stecken. Wenn man von Krokodilen einmal absieht, die im Stumpfsinn ihres Echsendaseins je nach Zufall nach der eigenen Brut schnappen, ohne dass ihre Vaterschaft sie wohlgemerkt je zu Vätern machte, muss das biblische Modell als Perversion natürlicher Väterlichkeit aufgefasst werden. Die "Väterlichkeit", die der mosaische Glaube zum himmlischen Prinzip erhob, war so falsch, dass eine ständige Sehnsucht bestehen blieb, die die wahre Väterlichkeit in jenem Schatten zu entdecken wähnt, den das biblische Vermächtnis über die Jahrhunderte seiner Herrschaft warf. Was die Bibel als Väterlichkeit preist, ist in Wahrheit keine. Es ist der Machtmissbrauch geschlechtsreifer Männer, deren verleugnete Kindlichkeit die eigene Brut aufsaugt.

Offenbarung 9, 5:
Auch wurde ihnen (skorpionartigen Heuschrecken) aufgetragen, sie (die Menschen, die nicht das Siegel Gottes auf der Stirne tragen) nicht zu töten, sondern sie zu quälen fünf Monate lang.

Was ist eine ärgere Strafe, als ohne Erbarmen zu sterben? Zu Tode gefoltert zu werden. Die Beharrlichkeit, mit der die Lehre betont, nichts mehr als Frieden zu wollen, entspricht ihrer Gewaltbereitschaft. Sie spricht vom "Geist der Gnade", der Zweiflern Schreckliches androht. Offensichtlich fürchtet nicht, dass man ihr die Infamie um die Ohren schlägt, mit der sie Gnadenlosigkeit zu Gnade erklärt. Brutalität gegenüber Andersdenkenden ist ein Grundprinzip pseudoreligiöser Ideologien. Das Böse wird aber nie zugeben, dass es selbst böse ist. Seine Logik verbietet jede Selbstkritik. Den lebendigen Gott, in dessen Hände zu fallen schrecklich ist, haben wir als die Versammlung der Christenheit, die Kirche selbst, verstanden.

1 Korinther 6, 15-17:
Wißt ihr nicht, daß eure Leiber Glieder Christi sind?...Wer aber dem Herrn anhängt, ist eines Geistes mit ihm.

2 Korinther 5, 20:
An Christi Statt also walten wir des Amtes, in der Überzeugung, daß Gott durch uns mahnt.

Wenn die Glieder Christi eines Geistes mit einem Herrn sind, der Abweichler als Vorspiel zur Hölle fünf Monate lang quälen lässt, braucht man sich nicht zu wundern, wenn die geistlichen Herrn einer ganze Epoche den Sadismus irdischer Folterknechte als Werkzeug betrachten, um Gutes zu tun. Der christliche Ruf nach der Hölle für die "Bösen" war das Echo des judaistischen Rufs nach dem Totschlag an den "Frevlern". Gerade weil wir im Grundsatz judaistisch dachten, hat unsere Abspaltung vom orthodoxen Judaismus als erstes die Juden verteufelt. Indem das Christentum seine geistige Verwandtschaft mit dem Ursprung verbarg, wurde es zur Triebkraft, die das Misstrauen, das der Judaismus provozierte, in Judenhass verwandelte.

Offenbarung 3, 9:
...ich bringe sie herbei aus der Synagoge des Satans, die sich Juden nennen, es aber nicht sind, sondern Lügner sind sie...

Als Antisemit projiziert der Christ den Hass auf sein Credo und macht die Juden zum Sündenbock. Gewiss: Der Selbstbetrug der Juden ist an der Wiege des Christentums als Weichensteller auszumachen. Seitdem hatten die Christen aber alle Zeit, sich vom Aberglauben loszulösen. Wenn das Christentum auf sein judaistisches Erbe einschlägt, indem es bis heute einen Text für heilig hält, der Synagogen mit dem Satan in Verbindung bringt, zeigt das den geistigen Stillstand im Glauben. Eine christliche "Rache" ist sowieso nichts, was die Juden verdienten; denn sie haben unter dem Selbstbetrug ihrer Ideologie auch ohne die Christen bereits sattsam zu leiden. Jude zu sein ist hinreichend Strafe dafür, dass man es ist. Beide, orthodoxer Judaismus und christliche Variante, trifft aber eine gemeinsame Schuld: Sie haben den Menschen entwertet, indem sie das Jüdischsein, das Christlichsein, das Bekenntnis zum Dogma als wichtiger erklärten als den Menschen selbst. Der Antisemitismus zeigt nicht nur die Verirrung seiner Träger. Er zeigt, womit zu rechnen ist, wenn das Falsche zum grotesken Ausgangspunkt des Denkens wird.

Kommen wir zur Verquickung religiöser und ökonomischer Interessen. Die Opferriten der Israeliten dienten liturgisch gesehen der Reinigung des Volkes und der Besänftigung Jahwes. Ihre handgreifliche Funktion zur Sicherstellung des Lebensunterhalts der Priester und Leviten war jedoch nicht wegzudenken. Auch das Christentum bedient sich professioneller Glaubensfunktionäre, deren Versorgungsbedürfnis auch bei ehrlicher Hinwendung zum Transzendenten den irdischen Realitäten verhaftet bleibt.

Bis zu meiner Ernennung zum Dissidentenjäger verdiente ich meinen Lebensunterhalt als Zeltsattler. Ich muss aber gestehen, dass mir das Handwerk nie besonders lag. Nach der Wandlung von Saulus zu Paulus fielen die Zuwendungen der Pharisäer weg. Zu Unrecht, wie ich erneut betone. Es fiel mir aber nicht schwer, die angeworbenen Gemeindemitglieder zu bewegen, mich finanziell zu unterstützen. Na ja, sagen wir es mal so: Meistens viel es nicht schwer. Mit der mir eigenen Geschicklichkeit beim Auffinden geeigneter Textstellen konnte ich meinen Anspruch auf Alimente ideologisch untermauern.

Galater 6, 6:
Wer sich unterweisen läßt im Worte, gebe dem, der ihn unterweist, Anteil an allen Gütern.

1 Timotheus 5, 17:
Presbyter, die gute Vorsteher sind, halte man doppelter Ehre wert...Denn es sagt die Schrift: "Du sollst einem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbinden" (5 Moses 25,4).

Im Jenseits frisst man sich an Manna satt, das in Menge auf dem Wolken wächst. Ich musste mich damals aber mit der irdischen Existenz herumplagen und die Sehnsucht nach Erlösung hat ja mit Problemen von geradezu erdhafter Banalität zu tun. Eine dieser Fragen ist die nach dem, was man als Moralapostel zu essen bekommt. Anfangs floss das Geld nur spärlich. Mit Anekdoten, wie der um die Urgemeinde, die alles den Aposteln gab und dem schrecklichen Schicksal Ananias, der nicht alles geben wollte und dadurch erst recht alles verlor, gaben wir aber manchem zu denken. Zu Beginn konnte ich nur auf die Philliper bauen.

Philliper 4, 15-19:
Ihr wißt ja selbst, liebe Philliper, daß in der ersten Zeit des Evangeliums...keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft hatte in bezug auf Geben und Nehmen als ihr allein...sandtet ihr mir mehr als einmal für meinen Bedarf. Nicht als ob es mir um die Gabe ginge, es geht mir vielmehr um den reichlich fließenden Gewinn, der euch zugute kommt...Mein Gott wird alles, was ihr nötig habt, in Fülle euch geben...

Man beachte meine argumentative Geschicklichkeit! Die Gemeinschaft in bezug auf Geben und Nehmen ist eine Auszeichnung. Für die Geber! Nicht ich hatte zu danken, sondern die Spender, die froh sein konnten, mir spenden zu dürfen. Warum? Weil ihnen durch die Spende reichlich fließender Gewinn im Himmel zukam. Zinsgewinne sozusagen. Eingezahlt wird bei uns, ausgezahlt im Himmel. Indem der Hirte an den Zitzen der Herde saugt, öffnet er den Schafen die Weiden des Himmelreichs; selbst wenn manches Lamm vorerst verhungert. Mein Verzicht auf eigenes Handwerk war ein Opfer für die Spender; wofür auch ich im Himmel extra zu belohnen bin! Ähnlich argumentierte ich gegenüber Philemon: Er verdankte mir nicht nur die Gefügigkeit seines Sklaven, sondern sich selbst.

Philemon 21-22:
Im Vertrauen auf deine Bereitwilligkeit habe ich dir geschrieben, denn ich weiß, daß du mehr tun wirst, als ich sage. Zugleich halte mir auch eine Herberge bereit; denn ich hoffe, daß ich dank eurem Beten euch wieder geschenkt werde.

Wer zu Jahwe betet, bekommt zum Dank einen hungrigen Priester geschenkt. Oder gar einen Apostel. Die Bekehrten in Korinth neigten generell zur Querköpfigkeit. Ich machte ihnen klar, dass dem Gläubigen aus der Erkenntnis Christi ein Spenderecht zuwächst.

1 Korinther 9, 1-14:
...Seid ihr nicht mein Werk im Herrn?...Haben wir nicht das Recht auf Essen und Trinken?...haben nur ich und Barnabas nicht das Recht, die Handarbeit beiseite zu lassen? Wer leistet je Kriegsdienst auf eigene Kosten? Wer pflanzt einen Weinberg und genießt nicht von seiner Frucht? Wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde?...Es steht doch im Gesetz des Moses geschrieben: "Du sollst dem dreschenden Ochsen das Maul nicht verbieten"...der Drescher soll arbeiten in der Hoffnung auf seinen Ertrag. Wenn wir für euch das Geistige säten, ist es da etwas Großes, wenn wir Dinge für den Leib von euch ernten?...So hat auch der Herr verordnet, daß die Verkünder des Evangeliums vom Evangelium leben.

Der Glaube betrieb seit Moses Ablasshandel. Er hatte Gott zu unserem Erbbesitz erklärt. Daher hatte auch ich keine Skrupel, meine geistigen Güter beim Tauschhandel für irdische Zwecke zu nutzen. Lästert man denn, bloß weil man die von Gott verschenkte Botschaft zur Münze macht und sich Hammelkeulen kauft?

Zwischen mir und den Heiligen in Jerusalem, gemeint sind die Jünger Jesu, gab es Spannungen um die Auslegung des göttlichen Auftrags. Das Hilfswerk für die Heiligen war ein Schachzug, um Zeit für die Heidenmission zu gewinnen. Ich sammelte bei den bekehrten Heiden Geld, das ich den Armen in Jerusalem zukommen ließ. Die Jerusalemer waren zwar fundamentalistisch und lehnten in Anlehnung an Jesus die Heidenmission ab, aber auch innerhalb ihres Lagers gab es Risse. Mein Hilfswerk goss in diese Risse Sprengstoff.

Römer 15, 31:
...damit ich bewahrt werde vor den Widersachern in Judäa und mein für Jerusalem bestimmter Dienst rechte Aufnahme finde bei den Heiligen.

Das Hilfswerk ermutigte die Gemäßigten in der Heidenmission doch ein Fünkchen Gutes zu sehen; denn wenn das Geistesgut der mosaischen Verheißung sich nicht durch Krieg vergolden ließ, warum sollte man es dann nicht rein geschäftlich tun? So spaltete Bakschisch das Lager der Gegner und verschaffte dem Christentum jenen Vorsprung vor den Jüngern Jesu, die es brauchte, um genügend Juden der Diaspora für sich werben. Sie bildeten die Basis für die weitere Expansion.

Römer 15, 26-31:
Es faßten nämlich Mazedonien und Achaia den Entschluß, eine Beisteuer aufzubringen für die Armen unter den Heiligen in Jerusalem: Ja...sie sind es ihnen auch schuldig; denn wenn die Heiden an ihren geistigen Gütern Anteil erhielten, sind sie verpflichtet, ihnen auch mit den leiblichen beizustehen...

Auch beim Dienst für die Heiligen waren die Korinther störrisch. Erneut musste ich alle Suggestivkraft der christlichen Ermahnung aufbringen. Das Beispiel der Brüder aus Phillipi diente als Wink mit dem Zaunpfahl.

2 Korinther 8, 1-5:
Brüder, wir geben euch Kenntnis von der Gottesgabe, die in den Gemeinden Mazedoniens gegeben wurde...in ihrer tiefen Armut haben sie sich in überströmender Herzlichkeit als reich gezeigt...sie haben...über ihre Kraft von selbst gespendet und haben sich unter vielem Drängen von uns die Gunst erbeten zur Teilnahme am Dienst für die Heiligen. Sie gaben nicht nur, wie wir es erhofften, sondern sich selber gaben sie hin, für den Herrn zunächst und dann auch für uns um Gottes willen.

Um Gottes willen! Wäre das Herz der Kirche nicht zu erweichen, rückte es nicht aus Barmherzigkeit von eigentlich notwendiger Strenge ab und gäbe dem Drängen der Gläubigen zugunsten ihrer Teilnahme am Dienst für die Heiligen nach, würde die Suche der Gläubigen nach Gott ihr Ziel womöglich nie erreichen; denn ohne die Gnade der Kirche, den Armen die Gunst des Spendenrechts zu schenken, sähe es um deren Seelenheil gar übel aus. In der Pflicht eines ungewollten Nehmens, das mehr bekommt, als es insgeheim erhofft, opfern sich die Hirten für die Herde. Aus Sorge um das Heil der Armen erduldet die Kirche den Reichtum wie Jesus das Kreuz.

Selbstverständlich war das "Hilfswerk für die Armen in Jerusalem" ein Mittel der politischen Intrige. Es heißt doch: ...in ihrer tiefen Armut haben sie...über ihre Kraft von selbst gespendet. Wenn es uns um das Leid der Armen gegangen wäre, warum dann nicht um das der armen Mazedonier, deren Armut nach einer Spende über ihre Kraft hinaus gewiss noch tiefer war? Warum war es nicht umgekehrt? Warum haben sich nicht vielmehr die Jünger Jesu, die angeblichen Apostel der Völkerversöhnung und des Verzichts auf irdische Güter, in überströmender Herzlichkeit als reich gezeigt und aus ihrer Armut heraus für die armen Mazedonier gespendet? Knurren Mägen in Mazedonien anders als in Jerusalem? Nein, die Beisteuer für die Heiligen war keine Caritas. Sie war politisches Geschäft und dank des Beispiels der Mazedonier konnte ich mir die Blöße ersparen, die heilige Steuer durch direkten Befehl zu erzwingen. Letztlich begriffen auch die Korinther, dass man die Echtheit der Liebe in Drachmen beweist.

2 Korinther 8, 7-24
...so sollt ihr auch bei diesem Liebeswerk euch hervortun. Nicht im Sinne eines Befehls sage ich es, sondern mit dem Eifer anderer möchte ich die Echtheit eurer Liebe erproben...wobei wir verhüten möchten, daß man uns ins Gerede bringe angesichts dieser reichen, von uns besorgten Gabe...Gebt deshalb den Beweis eurer Liebe...

Nach den Erfahrungen mit den Korinthern, erschien es mir allerdings besser, mehr als nur die Macht mahnender Worte ins Gefecht um den Dienst an den Heiligen zu schicken. Ich schickte sicherheitshalber auch meine Leute hin. Sie konnten vor Ort restliche Zweifel zerstreuen.

2 Korinther 9, 1-7:
Es ist ja für mich nicht nötig, euch über das Hilfswerk für die Heiligen zu schreiben;...Ich sandte aber die Brüder, damit...ihr...gerüstet seid. Sonst könnten Mazedonier mit mir kommen und euch unvorbereitet finden, und...ihr würdet beschämt sein...Ich habe es daher für nötig erachtet, die Brüder aufzufordern...die von euch bereits zugesagte Spende zu ordnen, damit sie bereit liege, als eine Gabe des Segens und nicht geizigen Sinnes. Es ist so: Wer spärlich sät, wird auch spärlich ernten...

Es sei denn, man beauftragt Steuereintreiber. Dann erntet man, ohne überhaupt gesät zu haben. Unser Glaube hat die Bereitschaft zum Opfer ausgenutzt. Dabei hat das Opfer im Rahmen echter Religiosität Bedeutung. Wahrheit verlangt, dass man ihr Blindheit opfert. So steht es im Vertrag, den man mit ihr geschlossen hat. Das religiöse Opfer ist ein zentraler Akt zwischen Mensch und Gott. Man darf es aber nicht mit Solidarität verwechseln und schon gar nicht mit einer Steuer, die man dem Klerus entrichtet. Ob Priester durch ein Opfer in den Genuss des Vorzüglichsten (Ezechiel 44, 30) kommen, oder ob man den Vorstehern des Glaubens das Maul nicht verbindet (1 Timotheus 5, 17), ist für die Religion kein Maßstab und wird auch nicht erwähnt, wenn man das wahre Wesen des religiösen Opfers beschreibt. Notwendig ist das Opfer, weil Gott und die Person, in die er sich erstreckt, unterschiedliche Horizonte haben. Die Person sieht achtzig Jahre, drei Rinder, sechs Schweine, zwölf Hühner, und was der Viehzucht nichts nützt, ist ihr egal. Gott erkennt derweil im Klappern des Scheunentors die Weltgeschichte. Will man dem Himmel in sich Platz verschaffen, muss man ihm opfern, was den Blick verengt. Das ist das eigentliche Wesen des Opfers. Man opfert, was der Erkenntnis Gottes im Wege steht. Das ist kein Tier, keine Frucht, kein Gold und erst recht niemand anders, den man umbringt, bloß weil er in die falsche Richtung betet. Es ist immer nur das, was den Blick aufs bloße Klappern verengt.



weiter im Text